Alles Fake, auch das Ich?

Aber klar doch! Wenn man das erkennt und auch noch wirklich akzeptiert, dann ist das einfach phänomenal. Am 27. 01. 2017 war auf der Website von „Der Tagesspiegel“ zu lesen „Alles Fake, auch das Ich“. Ich möchte aber nicht wissen, wieviele Menschen sich nach dem Lesen des Artikels vor Lachen gekugelt haben. Ich befürchte nämlich, insoweit bin ich zwar kein Pessimist, aber doch kein Optimist, also Realist, dass viele nach der Lektüre sagten „Aha, interessant!“ und danach weiter lebten wie gewohnt. Denn erst einmal muss man sich wirklich darauf einlassen, was da drin steht.

Worum also geht es? Die Welt, in der ich lebe, ist tatsächlich farb- und geruchlos. Und was ich sehe ist tatsächlich nur ein ganz winziger Ausschnitt aus dem gesamten Spektrum. Auch, ob sie so ordentlich strukturiert ist, wie ich sie erlebe, das ist eigentlich keine Frage, denn das ist sie nicht. Schon anstrengen für den gesunden Menschenverstand. Und ich will jetzt gar nicht darüber reden, dass es Materie auch nicht wirklich gibt. Wieso aber erlebe ich dann eine Welt voller Farben, voller Gerüche und so klar wie eindeutig strukturiert? Weshalb erlebe ich darin Gutes, Schönes und Wahres? Wie geht denn das? Wie kann ich eine Welt erleben, die so überhaupt nicht existiert?

Ganz einfach, weil ich es so mache. Also für mich, erst einmal. Und Sie auch, so wie jeder andere. Und auch jedes Tier. Pflanzen auch? Ja, die auch, nur ganz anders als wir. Das behaupte nicht nur ich, sondern auch viele Wissenschaftler. Es ist wirklich nicht mehr zu leugnen, dass es die Welt, die ich erlebe, in Wahrheit gar nicht gibt. Aber was erlebe ich dann? Ganz einfach, ich erlebe mich. Ich selbst bin die Bühne, auf der alles arrangiert ist, die Requisiten, die Schauspieler und natürlich mittendrin ich. Das erlebe ich, dessen bin ich mir bewusst. Leider nicht unbedingt des Regisseurs, des Drehbuchautors und auch nicht des Requisiten-Bauers. Die sind mir leider nicht bewusst, aber ich kann sie denken.

Aber es kommt noch besser. Ich erlebe mich als „ganz“, also als homogene Persönlichkeit. Doch das ist auch nur eine Illusion meines Gehirns. Obwohl, eigentlich kann ich nicht einmal „meines“ sagen, denn dieses Gehirn gehört zu einer gigantischen Menge an Zellen, Bakterien und was weiß ich noch alles. Und die erfahren sich alle zusammen als Peter D. Zettel, doch nur, wenn sie als System unterwegs sind. Also wenn ich „Ich“ sage, spreche ich letztlich von dem System, das sich morgens verschlafen aus dem Badezimmerspiegel entgegenschaut und sich sagt, es soll sich ordentlich die Zähne putzen, auch wenn es nervt.

Und damit mir oder uns das Ganze nicht fad wird, gibt es dazu die Emotionen. Die werden auch im Gehirn ausgedacht. Wobei das interessante Fragen aufwirft, die mir aber wohl niemand so ohne Weiteres beantworten wird, nämlich die, ob das Schöne das Hässliche braucht. Kann das eine ohne das andere für mich existieren? Denn wie könnte mein Denken etwas Schönes erkennen ohne das Hässliche als Hintergrund? Oder umgekehrt? Die beiden brauchen sich, sonst kann man sie nicht denken. Also ich. Emotionen sind der Geschmack, den wir den Dingen geben, aber keine absolute Wirklichkeit. Eine weitere Frage aber ist, ob es jenseits des Schönen im expliziten Denken eine Entsprechung gibt, also absolut Schönes. Ohne Hässliches? Wer weiß?

Damit habe ich die Wahl, entweder ich jammere und klage darüber, dass ich nichts Besonderes (mehr) sein kann, oder ich erkenne, dass die Illusion keine Fiktion und auch keine Fata Morgana ist, sondern verdammt real. Dass es eine Illusion ist, dass ich also die absolute (?) Wirklichkeit zwar nicht falsch, aber wunderbar interpretiert wahrnehme, anders, als sie tatsächlich ist, das finde ich gigantisch, einfach phänomenal. Absolut faszinierend. Akzeptiere ich das ganz ernsthaft, dann bedeutet das nun nicht, dass ich mich wie im Schlaraffenland bedienen könnte, aber ich kann meine Wirklichkeit gestalten. Nicht wirklich alleine, aber doch ganz wesentlich.

Doch um das realisieren zu können, muss ich eintreten in diese Wirklichkeitswerkstatt und mir die Wirklichkeit gestalten. Aber nicht nach Gusto. Denn weder Bewusstsein noch Intelligenz sind ausschließlich „meins“. Mir „gehört“ nur ein Aspekt vom Ganzen, wobei ich vom Ganze her schaue. Doch das bedeutet nicht, dass das Bewusstsein des Ganzes alles bestimmt. Das glaube ich nicht. Eher ist es so eine Art riesiges Netzwerk, wie im Netz des Indra beschreiben. Aber ich weiß es nicht. Doch was ich weiß, das genügt mir schon.

Ich gestalte nicht nur meine Wirklichkeit, ich gestalte auch die Wirklichkeit an sich mit.