Angepasst sein

Ist das der Normalzustand des ‚modernen‘ Menschen? Ich befürchte ja, wenn ich mal die wenigen außen vor lasse, die es nicht sind. Und das ist schon lange so. David Bohm spricht da von 5000 Jahren. Wie er darauf kommt, kann ich leider nicht sagen. Étienne de La Boétie nennt in seinem Text ‚Von der freiwilligen Knechtschaft’ kein Datum, seit wann das so wäre. Doch bedenkt man, dass er das um 1560 geschrieben hat, dann ist das erschreckend, dass das immer noch so ist. Liest man den Text nämlich genau, dann erkennt man, dass sich daran nichts geändert hat. Wirklich nichts.

Aber ein bisschen Hoffnung habe ich schon. Die Menschheit wird ja gerade von einem Virus geplagt, der unser aller Leben mehr oder weniger durcheinander bringt. Und wenn ich dann in der NZZ die Überschrift lese ‚Die Wirtschaft sind wir: Auch das ist eine Erkenntnis dieser Krise‘ dann hüpft mein in den 68er Jahren geprägtes Herz. Wobei der Untertitel ‚Die neue Bescheidenheit der einen könnte rasch zur Bedürftigkeit der anderen werden.‘ einen schon nachdenklich macht. Doch das ist eine Aufforderung miteinander zu reden und nicht wieder zum früheren Zustand zurückzukehren.

Wenn ich mein Leben so betrachte (ich kann ja immer nur von mir ausgehen), dann stelle ich fest, wenn etwas ordentlich gelaufen ist, dann meist deswegen, weil ich mich perfekt angepasst hatte. Das war zu Hause so, im Internat interessanterweise nicht, da gab es eine andere Philosophie, dann in der Familie, im Beruf und in der Politik. Bis es ordentlich knirschte und ich einfach mit dem ‚normalen‘ Business nicht mehr klar kam.

Das war dann der Beginn meiner Selbstbefreiung aus der Angepasstheit, jedenfalls in vielen Bereichen meines Lebens. Angefangen hat das in der Familie, dann in der Politik und letztlich im Beruf, es hat regelrecht um sich gegriffen. Wie eine Erkenntnis, nur dass mir überhaupt nicht bewusst war, was da überhaupt in mir vorging. Wenn ich mich heute einmal umdrehe und meine Herkunftsfamilie betrachte, dann ist da ‚Angepasstheit‘ das wesentliche Gestaltungselement. Und auch in meinem ganzen Leben war das exakt so. Étienne de La Boétie lässt grüßen.

Als mir das heute so durch den Kopf ging, wurde mir aber auch klar, was das bedeutet, denn es erstickt jede Lebendigkeit. Ganz einfach, weil so, mit der Angepasstheit, Lebendigkeit nicht möglich ist. Wirklich lebendig bin ich nur dann, wenn ich nicht stehen bleibe, sondern mich weiter entwickle. Dazu brauche ich die natürliche Fähigkeit der Selbstorganisation.

Schaue ich mir jedoch die dafür erforderlichen Bedingungen an, etwa die Aufgabe des Bisherigen, dann sehe ich sofort, dass Angepasstheit genau das verhindert. Selbstorganisation und damit Lebendigkeit ist nur dann möglich, wenn man nicht festhält. Ich kann mich ja auf nichts Neues einlassen, wenn ich an Altem festhalte!