Aufhören, Mittelmaß zu bedienen

Warum nicht, denkt sich da der eine oder andere. Doch es ist eine wirkliche Herausforderung. Kürzlich las ich den Text „… an die Träumer unter uns“ von Dirk C. Fleck. Ein mich sehr nachdenklich machender Text. Denn der Text warf für mich die Frage auf, wie ich denn lebe. Zu oft erlebe ich mich noch, wie ich mich nicht an Menschen, aber an die Umstände anzupassen suche, eben an die Konvention. Warum? Um nicht aufzufallen? Oder nicht ausgeschlossen zu werden? Ich weiß es nicht, aber mir ist klar, dass ich das nicht mehr will.

Warum? Ganz einfach, weil der Raum der Konvention zwar angenehm und höflich ist, aber auch unauthentisch, langweilig, steril und unproduktiv. Da fragt man sich, warum denn nicht gleich „richtig“, also angenehm, höflich, authentisch, kreativ und produktiv? Und wer würde nicht von sich behaupten wollen, wesentlich und wahrhaftig sein zu wollen – was in der Konvention aber einfach nicht möglich ist? Gala Djakonowa, die Muse von Salvador Dali, Max Ernst und Paul Éluard, hat es mit diesem Satz auf den Punkt gebracht: „Im täglichen Leben sind es die kleinen, schäbigen Anforderungen, die uns zerfressen wie Termiten selbst große Bauwerke“.

Es sind einmal die alltäglichen Aufgaben, die ich so oft erfüllt habe und auch noch oft erfülle, ohne mich zu fragen, ob sie überhaupt notwendig und nachhaltig sind. Und es sind die Momente, in denen ich gute Miene zum bösen Spiel mache, nur um vermeintlich keinen Eklat zu riskieren. Doch tatsächlich war es mir einfach zu mühsam, mir zu überlegen, was ich statt dessen hätte tun können. Das für mich größte Problem aber war es auszuhalten, wenn ich selbst in Frage gestellt wurde. Und weil ich das für mich nicht wollte, wagte ich auch nicht, andere in Frage zu stellen, denn die würden es dann auch mit mir tun. Also blieb mir nur, im Stillen über die anderen zu lästern, im Zusammenleben mich aber hinter einer freundlichen Maske zu verbergen. 

Die Frage, die sich mir stellt, ist die, ob ich den Zustand, in dem ich gerade nicht in der Konvention gefangen bin, dem Flow, nicht auch auf mein alltägliches Leben übertragen kann. Mein Gehirn antwortet mir auf eine solche Frage sofort mit der Gegenfrage „Warum denn nicht? Willst du nicht wesentlich und wahrhaftig sein?“ Nun könnte ich mich erst einmal mit der Frage beschäftigen, warum ich das nicht tun will, was mich daran hindern könnte. Aber das ist eine komische Frage, denn solange ich den Alltags-Flow nicht ausprobiert habe, kann ich es ja nicht wissen. So lange ist es nur die Angst vor der eigenen Courage. Und wohl auch die Angst vor der Selbstoffenbarung. Oder vielleicht sogar in erster Linie.

Also keine Maske mehr. Was eine kluge Ethik von mir verlangt – und keine Moral. Kein „müsste“ und kein „sollte“, kein „das tut man doch nicht“. Sondern klare Kante. Darüber nachzudenken lohnt sich. Jedenfalls finde ich das. Aber nicht nur zu denken, sonder es zu praktizieren. Ohne auch. Und ohne üben. Eben sein.