Aufwachen ist angesagt!

Zu erwachen heißt einfach nur aufzuwachen, sich den Schlaf aus den Augen zu reiben und die Welt zu sehen, wie sie ist. Doch was ist der Schlaf, aus dem wir erwachen sollen? Nikolaus Gerdes hat es in dem Text „Der Sturz aus der normalen Wirklichkeit und die Suche nach Sinn“ perfekt beschrieben. Nichts von magisch oder mystisch, sondern schlichte Tatsachen.

Peter Berger und Thomas Luckmann zogen mit ihren 1966 erschienenen Buch „Die gesellschaftliche Konstruktion der Wirklichkeit“ eine Grenzlinie mit diesen Gedanken, denn das, was bisher nur Einzelne erkannt hatten, hatte nun Zugang in das Denken der Wissenschaftler und der Menschen gefunden. Eine Grenzlinie ist es deswegen, weil diese „eigentlich“ eine Grenze zwischen unserem bisherigen Leben und dem  modernen Leben und vor allem in unserem bisherigen und dem heutigen Denken markiert, Was das für uns bedeutet, hat H. G. Wells in der Geschichte „Im Land der Blinden“ erschreckend genau beschrieben und auch ein Bild gezeichnet, wie die Situation in der Welt ist: Die Menschen wollen scheinbar nicht erkennen, was sie nicht sehen können. Anders als in dem Essay sind die Menschen aber nicht wirklich blind, sie schlafen und bräuchten einfach nur aufzuwachen.

Um bei dem Bild zu bleiben, das Wells zeichnet, es ist tatsächlich so, dass wir regelrecht blind sind für die Wirklichkeit, nur weil wir etwas nicht denken können. Was wir nicht zu denken in der Lage sind, existiert für uns einfach nicht, es sei denn, wir lassen uns auf einen solchen Gedanken ein, ohne ihn von vorne herein mit dem Filter unseres Verstandes und unseres Wissens auszusieben. Allein das „Sich-Einlassen“ überwindet die Grenze im eigenen Denken,  zwischen Bekanntem und Unbekanntem und dem damit für uns Bedrohlichen. Aldous Huxley, bei dem ich glaube, dass er in Kontakt mit Wells stand, mir aber nicht sicher bin, Huxley also hat die Blindheit des Menschen in seinem Roman „Schöne neue Welt“ aus einer anderen Perspektive geschildert und noch einmal getoppt. Er beschreibt ein Kastensystem, das durch die Konditionierung auf eine permanente Befriedigung durch Konsum, Sex und die Droge Soma funktioniert. Viel anders ist es auch im wirklichen Leben nicht; kaum einer, der den Marketingcharakter, wie Fromm es nennt, nicht mehr oder weniger angenommen hat und sich selbst mit diesem Wirtschaftssystem assimiliert hat.

Sieht man das Ganze als einen zu lösenden gordischen Knoten, so als eine Art von lebenswichtiger Denksportaufgabe, dann kann man ihn entweder mit Gewalt zerschlagen, was aber problematisch ist, denn schließlich spreche ich hier über Menschen und ihr Denken, oder man kann den Stift herausziehen, der den ganzen Knoten zusammenhält. Was der Stift zu sein scheint und warum wir ihn nicht sehen, hat Étienne de La Boëtie 1550 (!!) in seinem Essay „Von der freiwilligen Knechtschaft des Menschen“ exakt beschrieben: Viele Menschen unterwerfen sich freiwillig, um auch etwas von dem Kuchen abzubekommen. Doch es ist, als würden sich kleine Kinder um diesen Kuchen streiten: Am Ende bleibt nur wenig für alle übrig, das meiste liegt auf dem Boden. Einer gewinnt den größten Teil, der Rest ist sauer und mault. Jedenfalls sehr, sehr oft ist es so. Und genau deswegen ist es fast unmöglich, etwas dagegen zu tun. Es ist quasi ein Naturgesetz, dass Kinder fair zu teilen erst lernen müssen. Warum aber fällt es Erwachsenen so schwer, ganz selbstverständlich fair miteinander umzugehen? Einfach deshalb, weil sich viele in dem Netz der Ökonomie regelrecht verfangen haben, nicht mehr davon loskommen und frustriert aufgegeben haben, sich zu befreien zu suchen.

Es ist nicht unmöglich!

Doch warum scheint es uns unmöglich zu sein, uns von diesem Netz mit seinen mittlerweile bedrohlichen Auswirkungen befreien zu können? Ganz einfach: Wir haben eine unzutreffende Vorstellung von diesem Netz, denn es ist das Netz unserer Gedanken, in das wir uns verfangen haben. Es sind unsere Glaubenssätze, unsere Gewohnheiten, all das, was wir als ganz selbstverständlich ansehen, was es aber bei genauer Betrachtung nicht ist. Wie also befreie ich mich von diesem Netz? Es ist eine Fortführung des Kategorischen Imperatives von Immanuel Kant nur nach jener Maxime zu handeln, durch die ich zugleich wollen kann, dass sie allgemeines Gesetz würde. Für mein Handeln ist die Antwort klar. Doch ist sie das auch für mein Denken? Die Frage ist also: Beeinflusse ich andere allein durch mein Denken , ob ich will oder nicht? Und sie mich gleichermaßen?

Ein wirklich schwieriges und auch brisantes Thema. Normalerweise gehen die meisten Menschen wohl davon aus, dass dies ein Witz wäre. Aber das ist es nicht, jedenfalls ist das meine Überzeugung. Selbstverständlich kann ich meinen Willen keinem anderen Menschen aufzwingen, wenn er das nicht will, außer mit Gewalt oder durch irgendwelche manipulativen Tricks. Ich spreche hier aber nicht von beabsichtigter Beeinflussung, sondern von einer mittelbaren Beeinflussung, der sich der Beeinflussende selbst nicht unbedingt bewusst ist. Die Schwierigkeit dabei ist, dass das noch niemand unter Beweis gestellt hat, jedenfalls nicht, dass ich davon wüsste. Andererseits kann ich nicht ernsthaft leugnen, dass es nicht nur möglich ist, sondern sogar wahrscheinlich, dass wir uns gegenseitig beeinflussen, selbst dann, wenn es uns nicht bewusst ist.

Was immer ich denke, ist nicht nur meine Wirklichkeit, es ist in der Welt. Manchmal weiß ich, was meine Frau gerade sagen will oder wir sagen gleichzeitig das Identische, haben die selben Gedanken. Synchronizität nannte es C. G. Jung. Doch das war nicht nur auf die Psyche bezogen, er entwickelte diesen Gedanken mit Wolfgang Pauli, einem Quantenphysiker der ersten Stunde. In der Physik wissen wir heute dank Zeilinger, dass Verschränkung, also Synchronizität auf der materiellen Ebene über weite Distanzen möglich ist. Für mich bedeutet diese Tatsache, dass meine Gedanken wirklich in der Welt sind. Also achte ich darauf, was ich denke.

Ein Grund mehr, bewusst zu sein

Ich bin so vieles gewohnt, dass ich mir oft gar keine Gedanken mehr darüber mache. Doch genau das ist das eigentliche Problem. Das Gewohnte und Gewöhnliche ist das Gefährliche, denn es lässt mich nicht mehr nachdenken, denn ich weiß ja vermeintlich, dass es richtig ist, es hält mich zurück, es zu hinterfragen, es läßt keinen Zweifel mehr an seiner Richtigkeit aufkommen. Das „Gewohnt-Sein“ macht mich blind für das, was ist. Ich habe mich in meinem Beruf oft gefragt, was das Böse ist, warum Menschen so sein können, wie sie sind, warum ich bin, wie ich bin. Heute denke ich, dass ich weiß, wo das Böse herkommt: Es ist für denjenigen, der böse ist, ganz einfach normal. Er ist es gewöhnt. Für vieles, was ich früher im Leben nicht getan hätte, habe ich heute „gute“ Erklärungen und Rechtfertigungen. Doch das macht es nicht richtig. Ich bin nur blind dafür geworden, dass es eben nicht richtig ist.

Genau so denke ich auch. Doch das heißt ganz klar, dass wirklich jeder (sorry) dazu fähig ist, einfach durch Gedankenlosigkeit. Ich muss mir also in jedem Moment bewusst sein, nicht nur was ich tue, sondern auch wie ich denke. Die entscheidende Frage ist auch, an was ich und auch wir uns schon gewöhnt haben. Was ist für mich normal, was es nicht sein dürfte? Gut und Böse existieren nicht in der Welt, es sind Beschreibungen für menschliches Verhalten. Und es liegt an mir, wie ich mich verhalte, was wiederum Ausdruck meines Denkens ist. Doch wie verhält es sich, wenn ich „nur“ etwas denke, aber nicht handle? 

Ich habe in einem Persönlichkeitstraining einmal eine Übung gemacht, bei der alleine durch meine Gedanken ein anderer unmittelbar beeinflusst wurde. Es war eine Gehen-Stehenbleiben-Übung. Ich frage mich ernsthaft, ob ich scheinbar selten in solche Situationen komme, dass mich ein anderer auf dem Moped zu übersehen scheint – im Gegensatz zu anderen, die nach ihren eigenen Erzählungen ständig mit dem Problem zu tun zu haben – einfach deshalb, weil ich die anderen Teilnehmer  in Gedanken auf mich hinweise, mich bemerkbar zu machen suche? Die Frage ist, ob das jetzt Spekulation oder zielführend ist. Nun, ich und auch andere haben das ganz persönlich und unmittelbar erlebt und selbst erfahren, sowohl in der aktiven wie in der passiven Rolle.

Daher gehe ich davon aus, dass ich andere alleine durch meine Gedanken beeinflusse und sie mich gleichermaßen – ob wissentlich oder nicht. Es schwirren derart viele methodischen Konzepte über die Grundlagen des Lebens durch die Literatur, von den morphogentischen Feldern Rupert Sheldrakes bis zu den Gedanken Bruce Liptons über intelligente Zellen, wobei man leicht vergisst, dass es dabei um ein Phänomen geht, das wir überhaupt noch nicht wirklich gedanklich fassen können und nur notdürftig mit Intelligenz, Bewusstsein und Denken um- und beschreiben zu suchen. Sobald ich mich darauf beschränke, was sich ganz konkret beweisen lässt, habe ich ein Problem. Denn dass ich etwas nicht beweisen kann, bedeutet ja nicht, dass es nicht so wäre. Die Kunst ist es, dabei nicht der Versuchung zu erliegen und in Mystizismus abzudriften, sondern auf dem Teppich zu bleiben, wie man so schön sagt. Das bedeutet, dass ich nichts einfach glauben darf, weil es ein anderer behauptet, sondern ich muss es selbst verifizieren. Es geht also um das Denken und seine Tragweite, also seine Auswirkungen, die weit über mich hinausgehen. Dessen muss ich mir bei dem bewusst sein, was ich denke.

Nichts anderes ist mit „aufwachen“ gemeint.