Aufwachen

Gerade ist sehr oft die Rede davon, dass die Menschheit aufwachen müsse. Doch was bedeutet das? Was bedeutet es, wach zu sein? Ich will aber nicht wissen, woraus ich aufwachen soll, sondern ich will wissen, wie ich wach sein kann – und wach bleibe. Was also ist „Wachsein“? Das beginnt für mich mit einer einfachen Überlegung. Wenn alles Eins ist, zwar in sich differenziert, aber Eins (wovon ich ausgehe), dann brauche ich mich ja nicht um andere zu kümmern, sondern nur um mich. Wenn es dieses „Ich“ und „mich“ tatsächlich nicht gibt, sondern schlicht alles in allem ist, dann kümmere ich mich ja gerade um alles, wenn ich mich um das kümmere, was ich denke, fühle oder tue.

Ist irgendwie logisch, oder nicht? Und wenn ich mich gedanklich um die Anderen kümmere, was die tun sollten oder müssten, dann würde ich, angenommen es wäre wirklich so, dass alles in allem ist, dann würde ich ja im Konjunktiv mit mir selbst sprechen. Das Einzige, was ich damit erreichen würde, wäre so eine Art Gedankensturm im Wasserglas. Interessant, aber ineffektiv. Und auch noch schlecht für meinen Blutdruck.

Also höre ich auf, mich über Dinge zu ärgern und darüber zu diskutieren, die ich selbst aber nicht in der Hand habe – statt mich konkret zu fragen, was ich tun und was ich in meinem Leben gestalten kann. Klingt total logisch, doch weshalb fühlt es sich gerade so richtig schwer an? Wahrscheinlich, weil ich noch nicht so richtig begriffen habe, dass mein „Innen“ auch das „Außen“ ist, das ich erlebe.

Daher will ich es erst einmal etwas langsamer angehen lassen. Was „draußen“ ist, bin ich vielleicht nicht eins zu eins, aber zumindest wirkt es auf mich. So zu denken ist nicht gleich der Sprung in das eiskalte Wasser „Alles ist eins“, (da wäre ich ja irgendwie auch für den Blödsinn verantwortlich, der in der Welt passiert) sondern nur mal die Zehen reinhalten. Also erst einmal die softe Variante. Zum Eingewöhnen. Wenn es also auf mich wirkt, dann liegt es gleichwohl an mir, wie ich damit umgehe. Ich will es mal konkret machen: Jemand sagt etwas Abfälliges über einen anderen. Doch was tue ich, wenn der Sprecher keinen Dialog über seine Äußerung führen will? Mit ihm zu diskutieren oder gar zu streiten macht ja keinen Sinn. Also führe ich den Dialog eben mit mir selbst. Wenn doch alles in allem ist, führe ich ihn ja dann auch mit ihm. Oder nicht?

Ärgere ich mich stattdessen über seine Bemerkung, würde ich seine negative Energie letztlich aufnehmen und damit in seinem Spiel mitspielen. Wenn jemand etwas Blödes sagt und ich ärgere mich darüber, dann tue ich das, weil ich es persönlich nehme! Ich praktiziere dann ganz konkret „Alles ist in allem“, nur dass mir das überhaupt nicht bewusst ist. Ganz schön blöd. Ärgere ich mich über den anderen oder finde es einfach nur bescheuert, was er sagt, dann spiele ich sein Spiel. Ich nehme seine Negativität auf und spiele den Ball in Form meiner eigenen (!!) Negativität weiter. Nur wird mir das nicht bewusst, weil ich meine (!!) Negativität mit ihm assoziiere – und nicht mit meinen eigenen Gedanken!

Dazu eine Ch’an-Geschichte, deren tiefen Bedeutung ich bisher scheinbar noch nicht so richtig begriffen hatte: 

Bokuju, ein alter Ch’an-Meister, lebte allein in einer Höhle. Tagsüber oder sogar nachts sagte er manchmal laut:

Bokuju?“ – seinen eigenen Namen!

Und dann antwortete er jedesmal:

Ja Herr, ich bin hier. 

Und dabei war niemand sonst da.

Das Ganze zeigt mir in aller Deutlichkeit, dass ich mich zwar wach fühlen, gleichwohl aber tief und fest schlafen kann. In diesem Lied kommt das übrigens sehr gut zum Ausdruck: Gabriellas Song aus „Wie im Himmel