Bedeutungen

Dinge sind nur dann für mich von Bedeutung, wenn ich sie auch bedeutend finde. Das ist erst einmal absolut logisch. Doch wenn ich einer Sache eine Bedeutung gebe, ohne groß darüber nachzudenken, oder einfach nur eine Bedeutung übernehme, die andere dem gegeben haben, ist es dann für mich nur eine Bedeutung, die es eben nur für andere hat, oder die es in einem konventionellen Gespräch hat, etwa über einen Politiker zu sprechen, den man aber überhaupt nicht wirklich kennt, sondern eben nur vom Hörensagen?

Das denke ich nämlich nicht. Ganz im Gegenteil. Denn „mein“ Denken ist nicht mein individuelles Denken, es ist ein Aspekt des Denkens an sich. Gedanken verbinden sich mit anderen Gedanken. Doch wie sie das tun und welche Wirkung sie entfalten können, das entscheidet durch mich zum Ausdruck kommende Aspekt der Bewusstheit und der Achtsamkeit. Ich darf nie vergessen, dass die kleinsten Zelle bis zu zum Universum immer nur ein System ist, das wieder mit anderen Systemen ein weitergehendes System bildet. Daher ist alles Eins, wenn es auch in sich differenziert ist.

Doch es ist letztlich ein System, und innerhalb dieses Systems gelten die immer gleichen Axiome. Die Differenzierung besteht alleine in der unterschiedlichen Funktionalität, aber eben nicht grundsätzlich. So verschieden zwei Menschen denken, so denken sie doch nach den selben Axiomen, auch wenn etwas sehr unterschiedliches dabei herauskommen kann. Und es kommt noch etwas hinzu: Nichts kann ohne das andere existieren. Eine Tatsache, die wir vielfach ignorieren und bei unseren Fehden und Kriegen schlichtweg ausblenden oder verdrängen.

Doch weil nichts ohne alles andere existieren kann, „tauschen“ wir auch unsere Gedanken aus, die wir über Dinge denken, was uns leider nur sehr selten wirklich bewusst ist, dass wir also explizit wissen, dass wir Gedanken austauschen. Deswegen muss ich sehr achtsam und bedacht mit meinen Gedanken umgehen und mir auch genau zuhören, um zu hören, welche Worte ich benutze, um sie auszudrücken. Das ist wichtig, weil Worte Träger und Vermittler von Bedeutung und vor allem von Emotionen sind.

Doch weil die Flut von Informationen immer größer wird, die ja immer auch mit Emotionen behaftet sind, haben wir immer mehr die Tendenz, uns gefühllos zu stellen. Und das beziehe ich nicht nur auf mich, sondern sehe darin ein allgemeines Problem. Wir bekommen permanent Informationen über die Konflikte in der Welt wie auch all die wirtschaftlichen Schräglagen. Da kann man zwar weghören, doch hilft das wirklich? Ich lese seit Jahren keine Tageszeitung mehr, doch das bedeutet nicht, dass ich nicht wüsste, was in der Welt alles an schrecklichen Dingen passiert.

Irgendwann beginnt man, das als normal zu akzeptieren und zu tolerieren, was zwangsläufig bedeutet, dass man seine damit einhergehenden Gefühle regelrecht herunter regelt. Man wird ganz einfach empfindungsärmer, was jetzt nicht bedeutet, gleich vollkommen empfindungslos zu werden. Aber es ist, als würde sich eine Art Schutzschicht darüber ziehen. Doch das bedeutet, dass unsere Empfindungen insgesamt und eben nicht selektiv gedeckelt werden, wie viele annehmen. In dem Roman eines Schicksallosen von Imre Kertész ist sehr gut beschrieben, wie ein Mensch seine Empfindungen an die Situation und seine wahrgenommenen Möglichkeiten anpasst. Anpasst, und nicht nur anpassen kann.

Daher frage ich mich immer sehr genau, was ich an Empfindungen ausgeblendet habe und was für mich normal ist, obwohl es das nicht sein dürfte, indem ich Informationen nicht einfach nur zur  Kenntnis nehme, sondern so genau wie mir möglich zu verstehen suche, etwa warum in vielen Ländern in deren kriegerischen Auseinandersetzungen ganz oft andere Staaten beteiligt sind, obwohl sie das so wenig angeht wir mich, wenn meine Nachbar mit seiner Frau streitet. Sehr vieles, was mit dem Label „Hilfe“ daherkommt, ist doch nur Einmischung. Und das aus den verschiedensten Gründen. Bei Staaten sind es oft wirtschaftliche, im Privaten selbstbezogene und letztlich egoistische Motivationen – was auf das selbe hinausläuft, nur dass Staaten größere Systeme als Nachbarschaftsgemeinschaften sind. Das ist der einzige Unterschied, Ihre Funktionalität.

Worte und Sprachmuster sind die selten erkannte Träger von emotionalen Ansichten, Meinungen und Empfindungen. So, wie man aus der Tonlage viel erkennen (aber genauso auch viel Falsches hinein interpretieren) kann, so enthalten auch Sprachmuster klare Botschaften. Doch ich muss sie zum einen erkennen, zum anderen muss der andere sich darüber im Klaren sein, dass er sie sendet! Wie oft denken wir, ohne Emotionen zu kommunizieren oder glauben im Gegensatz, dass ein Anderer ohne Emotionen kommuniziert – doch wirklich gelingen tut das nur selten. Es war als Anwalt eigentlich meine Aufgabe, wertfrei und sachlich zu kommunizieren. Doch gerade in solchen scheinbar sachlichen Ausführungen können Emotionen vom Feinsten transportiert werde.

Schon in der Formulierung einer (vermeintlich) sachliche Beurteilung liegt oft jede Menge Emotion. Und wenn ein Ehepartner ganz sachlich mit den Worten „Hast du Bananen gekauft …“ das Gespräch beginnt, ist klar, wo der Hase hinläuft, wenn er genau weiß, dass der andere es vergessen hast. Kontrollfragen sind regelmäßig versteckte emotionale Vorwürfe. Wie dem auch sei, die Bedeutungen, die ich den Dingen und Ereignissen in meinem Leben gebe, können es bunt und fröhlich machen – oder aber grau und trüb. Es liegt an mir selbst, wie sorgsam ich mit Beurteilungen umgehe.

Doch das heißt keinesfalls, dass ich mit einem Schild „Alles ist gut!“ herumrenne, denn das ist aller Wahrscheinlichkeit nach eine Selbstlüge, wenn das ein Standardspruch ist. Sage ich bei Ereignissen, die nicht gut sind, einen solchen Satz, dann ist das meines Erachtens nach ein Hinweis auf ein Skript, also eine Kindheitsreaktion auf ein Kindheitserlebnis, das sich verselbstständigt hat und etwas Eigenständiges wurde; das heißt, die Reaktion wird nicht mehr durch das spezifische Erlebnis ausgelöst, sondern durch Ereignisse, denen ein vollkommen anderer Kontext zugrunde liegt – und vor allem ganz andere Beteiligte. Auslöser ist also tatsächlich eine alte Erinnerung und kein reines Erleben, beides, Erinnerung und konkretes Erlebnis vermischen sich zu einem oft unheilsamen Dritten, das eine ganz eigene Dynamik bekommt, was aber mit der Wirklichkeit nur scheinbar etwas zu tun hat.

Genau genommen besteht mein ganzes Leben aus Beurteilungen. Doch mein Leben findet (leider) nicht jetzt statt, auch wenn das viele sagen, sondern in meinem Kopf. Dass ich nur das darin haben sollte, was sich jetzt ereignet, ist absolut logisch, doch nicht so ohne weiteres zu realisieren. Viele sagen ja voller Überzeugung, dass das Leben nur jetzt stattfindet; doch das ist nicht die Frage, sondern alleine, was ich denke. Vielleicht ist ja der Gedanke von Descartes „cogito ergo sum“ so zu verstehen? Wenn man das so versteht, dass meine Persönlichkeit und mein Wesen nichts anderes ist als das, was ich denke, dann würde ich dem fraglos zustimmen.

Denn mein Wesen ist nichts Überirdisches oder gar Heiliges, sondern sehr profan eben das, was ich denke.