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Bin ich ein Rädchen im Getriebe?

Ja, das bin ich. Aber ein besonderes; jedoch nur, wenn ich mir dessen auch bewusst bin.

Nehme ich aus einem Getriebe ein winzig kleines Rädchen heraus, funktioniert das ganze Getriebe nicht mehr. Oder bei einem Uhrwerk, da kann ich mir das besser vorstellen. Es wird zwar oft gesagt, jeder sei ersetzbar, doch das ist eine Behauptung, die der Wirklichkeit letztlich nicht entspricht. Um das zu verstehen ist es notwendig, im Denken von ‚mechanisch‘ auf ‚komplex‘ umzustellen.

Nehme ich also ein Rädchen heraus, funktioniert das Ganze nicht mehr, betrachte ich es mit einem mechanischen Verständnis. Sitze ich beispielsweise in einem Meeting oder bin in einem Gespräch, dann ist sowohl das Meeting wie das Gespräch zu Ende, sobald ich gehe. Bei einem Gespräch ist das leicht vorstellbar, bei einem Meeting schon schwieriger. Und genau da fängt es an, komplex zu werden. Man kann es nur verstehen, wenn man komplex denkt.

Warum also geht das Meeting möglicherweise weiter, ein Gespräch aber nicht? Das liegt daran, dass das Leben kein mechanisch, sondern ein komplex organisiertes Uhrwerk ist. Wäre es mechanisch konstruiert, hätte jedes Rädchen eine ganz spezifische Funktion, die auch nicht verändert oder neu definiert werden kann. Dann wäre das Meeting zu Ende, sobald einer der Teilnehmer aufsteht und geht.

Ist das Uhrwerk hingegen komplex aufgebaut, dann verlässt das Rädchen zwar seinen Platz, es taucht aber an einer anderen Stelle und wahrscheinlich auch in einer anderen Form wieder auf, vielleicht sogar mit einer ganz anderen Funktion oder Fähigkeit. Und die anderen in dem Meeting befindlichen Rädchen hätten sich auch neu organisiert und würden weiter diskutieren oder was sie eben tun.

Es stimmt also, jedes Rädchen kann in dem Sinne ersetzt werden, aber das heißt noch lange nicht, dass es deswegen auch verschwinden würde. Selbst wenn man ein solches Rädchen auflösen könnte, wäre es zumindest in der Erfahrung des Auflösenden weiterhin präsent und auch aktiv, wenn auch auf eine ganz andere Weise als bisher.

In dem Uhrwerk des Lebens kann ein Rädchen nicht ausgelöscht werden, es verändert sich nur und bekommt unter Umständen eine vollkommen neue Funktion. Wenn ich also einmal gestorben sein werde, werde ich noch immer ‚da‘ sein, denn das, was ich während meines Lebens getan habe, hat ja etwas in der Welt verändert, und in dieser Veränderung wirkt mein früheres Handeln weiter.

Was einmal in der Welt ist, kann also nicht ‚gelöscht‘ werden. Es wirkt zwar nicht eins zu eins weiter, sondern unter Umständen auch in unerwarteter Art und Weise, manchmal auch ganz versteckt hinter dem Vorhang, nicht so ohne weiteres erkennbar.

Daher bin ich kein Rädchen im Getriebe, das man einfach mal so entfernen könnte. Was immer ich auch tue, hat eine bleibende Wirkung. Wie die aussehen wird, das weiß ich natürlich nicht. Also schaue ich, dass mein zukünftiges Tun und damit seine Auswirkungen konstruktiv sind.

Handeln wird wahrscheinlich auch konstruktive Auswirkungen nach sich ziehen, destruktive Handlungen hingegen destruktive Auswirkungen.

Published inAllgemein