Corona ist ein Virus und keine Krise

Und Corona löst auch keine Krise aus. Aber es macht interessanterweise eine andere deutlich und spürbar. Von einer Corona-Krise zu sprechen lenkt tatsächlich nur von der eigentlichen Krise ab, eine Krise, die vielleicht nur wenige überhaupt wahrnehmen oder auch wahrhaben wollen. Es ist eine Krise unserer Lebensart, nämlich zu denken und zu glauben, wir könnten alles unter Kontrolle haben oder auch bekommen, wenn wir nur die richtige Strategie hätten. Um nur einen von vielen Aspekten zu nennen. Die will ich aber hier nicht aufdröseln, sondern der Frage nachgehen, was diese Krise beenden könnte.

Ein ‚Problem‘ lässt sich ja, so Albert Einstein, nur durch eine andere Art des Denkens lösen, jedenfalls nicht durch das Denken, das sie hat entstehen lassen. Ich habe diese Aussage bisher immer im Kontext von Robert Dilts ‚Logischen Ebenen‘ gesehen. Taucht etwa ein Problem in meinem Verhalten auf, dann kann ich das nur auf der übergeordneten Ebene lösen, also der Ebene der Ressourcen und der Fähigkeiten.

Doch hat Einstein das auch so gemeint? Genua hatte er Folgendes gesagt: „Probleme kann man niemals mit derselben Denkweise lösen, durch die sie entstanden sind.“ Er spricht hier von Denkweisen, und nicht von logischen Ebenen. Und ich denke auch, dass er tatsächlich Denkweisen  und eben keine Logischen Ebenen meinte. Einstein ist ja einer derjenigen, die die moderne Quantenphysik zu erkennen begannen und, so Zeilinger, wohl auch in ihren Konsequenzen sehr gut verstanden hat, was sich daran zeigte, dass er extrem mit ihr haderte, was sich in seinem Bonmot zeigt, dass ‚der Alte nicht würfle‘.

Das war wahrlich nicht als Witz gemeint, sondern als Ausdruck des Zusammensturzes seines eigenen Weltbildes. Die Erkenntnisse der Quantenmechanik sind nun über 100 Jahre alt, doch es stellt sich die Frage, ob wir auch so denken, also die Welt so sehen, wie sie tatsächlich ist (nach menschlichem Ermessen natürlich nur). Wir müssen uns heute immer noch der Frage stellen, ob wir den Wechsel in der Anschauung des Universums überhaupt erkannt haben, den Einstein und seine Kollegen erkannte. Oder reden wir zwar darüber, stellen uns dem gleichwohl gedanklich nicht?

Ist unser Weltbild (wie übrigens auch unsere Sprache!) noch wie im 18ten und 19ten Jahrhundert? Es ist – wie bei Galilei – die Kraft der gedanklichen Abstraktion, die Einstein befähigte, das Weltbild neu zu denken. Einsteins Denken beginnt da, wo es bei normalen Menschen aufhört: An der Grenze der bildhaften Vorstellung. Das ‚Denken‘ Einsteins setzt Dinge, die bis dahin vermeintlich nichts miteinander zu tun hatten, in eine Beziehungen zueinander, etwa die Zeit und den Raum zur Bewegung und den Beobachter zum beobachteten Ereignis.

Für den modernen Physiker alles keine Frage mehr, zu oft hat sich das als absolut zutreffend herausgestellt. Doch eine Frage bleibt: Haben wir Nicht-Physiker, also Politiker, Wirtschaftsführer wie -Berater, Juristen, Lehrer oder der Handwerker gelernt, auch so zu denken und unser Leben endlich dementsprechend anders zu gestalten als im vor-vorigen Jahrhundert?

Das ist für mein Empfinden die wirkliche Krise, die uns vielleicht gerade bewusst wird. Oder hoffentlich bewusst wird.