Das Denken ändern

Nur wie geht das überhaupt? Vor allem, warum ist das oft so schwierig? Eine wirklich spannende Frage. Hans-Peter Dürr vertrat die Ansicht, dass unser Denken im Zusammenhang mit der Entwicklung unserer Greifhand steht. Was ja irgendwie logisch ist. Ich kann als kleines Kind nicht laufen lernen, wenn ich die geistige Koordination meiner Gliedmaßen nicht auch einigermaßen hinbekomme.

Jede Tätigkeit hat eine geistiges Gegenstück. Ohne einen geistig-mentalen Input gibt es keinen körperlichen Output. Was dabei zuerst entsteht ist so wie die Frage, ob zuerst die Henne oder das Ei da war. Wobei hier fast diskriminierend der Hahn unberücksichtigt bleibt. Und manchmal kann es ja auch sein, dass nicht die Notwendigkeit für die entsprechende Entwicklung da war, sondern der Traum davon.

Vielleicht liegt der Grund dafür, dass Vögel Flügel haben, ja darin, dass ein Tier vom Fliegen träumte. Auf jeden Fall ist es ein Zusammenspiel zwischen individuellen Möglichkeiten und äußeren Gegebenheiten und vielleicht wirklich Träumen, die Evolution hervorbringt. Hätte nie ein Mensch davon geträumt wie ein Vogel zu fliegen, gäbe es wahrscheinlich keine Flugzeuge. Vorbilder spielen also auch ein wichtige Rolle. Und die Entscheidung, es auch zu wollen ist ganz wichtig.

Hätte ich nicht sein wollen wie Erwachsene, hätte ich unter Umständen nie laufen gelernt. Vieles habe ich einfach nachgemacht. Dass ich auf diese Art auch viel Unfug gelernt habe, das ist die andere Seite. Was mich definitiv weitergebracht hat, das war Neugierde. Hätte ich mich beispielsweise nicht mit den fundamentalen Fragen beschäftigt, die die Quantenphysik so mit sich bringt, würde ich heute wahrscheinlich noch immer ganz anders denken. Meine Begeisterung für Fantasy-Geschichten spielt da sicher eine große Rolle.

Doch was macht die Entwicklung eines neuen, anderen als des bisherigen Denkens so schwierig? Ganz einfach, es beutet die Aufgabe von Sicherheit. Lerne ich zu laufen und krabble nicht mehr nur, konfrontiere ich mich mit dem instabilen Zustand des Gehens. Und das eröffnet auch die Option, hinzufallen, eine, die es vorher nicht gab. Und genau solche Optionen versuchen wir ganz oft zu vermeiden, wenn es darum geht, anders als bisher zu denken.

Wir wissen einfach nicht, was passieren wird, können es auch nicht wissen. Dabei ist es wie mit dem Laufen zu lernen. Wir verlassen einen komplexen Zustand, das Krabbeln, bei dem und mit dem wir uns auskennen und daher eine gewisse Sicherheit durch entsprechende Performance erreicht haben, und setzen uns dem Verstehenlernen eines neuen, für uns noch unbekannten komplexen Zustandes aus, dem Stehen. Beherrschen wir das, beginnen wir den ersten Schritt zu versuchen. Und wenn wir begriffen haben, wie man aus einer Reihe von instabilen Zuständen einen relativ stabilen Zustand machen kann, nämlich das Gehen, dann machen wir das, bis uns das nächste Element in einer komplexen Welt erreicht, nämlich, dass da ein Buch liegt, über das wir stolpern.

Haben wir gelernt, auch damit umzugehen und Hindernissen aus dem Weg, wartet die nächste Herausforderung auf uns. Es ist immer die Frage, ob wir bereit sind, unsere erreichte Stabilität zugunsten einer weiterreichenden Erfahrung aufzugeben, uns auf noch Unbekanntes einzulassen, um uns letztlich ein weiteres Feld von Möglichem zu erschließen. Oder ob wir dankend ablehnen und lieber auf dem beharren, bei dem wir uns schon auskennen.

Doch mit dem ‚Sich-Auskennen‘ sind wir wieder bei dem Denken angekommen. Wenn ich etwa als Mann denke, dass Frauen grundsätzlich minderwertig sind, werde ich mich auch entsprechend verhalten. Und viele Frauen werden das auch so denken, wenn sehr viele Männer das Gleiche denken, einfach damit sie nicht Gefahr laufen, selbst ausgeschlossen zu werden. Oder warum haben während der Hexenverfolgung manche Frauen gerufen „Verbrennt sie!“, wenn nicht aus Angst um ihre eigene Existenz?

Heute wissen wir eigentlich, dass Frauen Männern ebenbürtig sind. Eigentlich, denn würden wir als Gesellschaft tatsächlich so denken, würde es keine ungleichen Bezahlungen für identische Tätigkeiten geben. Es ist schwer zu verstehen, dass es erst einmal Angst macht, diese Art des Denkens aufzugeben. Was es aber keinesfalls rechtfertigt. Nur wie damit umgehen, wenn es einen nicht selbst betrifft? Das aber ist eine ganz andere Frage, über die ich noch eine Weile brüten muss.

Betrifft es mich selbst, bin ich zuerst einmal aufgerufen, mir meines Denkens überhaupt bewusst zu werden. Dazu brauche ich Werte, an denen und mit denen ich mein Denken überhaupt messen, also verifizieren und gegebenenfalls auch validieren kann. Eine Reflexion, auch die Selbstreflexion, braucht immer einen Orientierungspunkt, sonst kann es sie überhaupt nicht geben.

Die entscheidende Frage ist dabei, woher ich diesen Orientierungspunkt habe. Kommt er aus dem mir Bekannten oder kommt er aus einem Bereich, den ich selbst noch nicht kenne, etwas von einem anderen oder gar von meinen Träumen und Phantasien? Es ist immer die Frage, wo ich die Latte anlege, über die ich nachdenken will, vorausgesetzt, ich bleibe auf dem Boden der Wirklichkeit und drifte nicht in den Mystizismus ab.

Dabei spielt meine Erfahrung mit meinem bisherigen Denken eine große Rolle. Je eher ich mir selbst in meine Fähigkeit eigenständig zu denken vertraue, desto leichter wird es mir fallen, mich auf Neues einzulassen, was ja immer erst einmal Unsicherheit für mich bedeutet. Bin ich mir relativ sicher, eben aus Erfahrung, dass ich nämlich einer solchen Herausforderung wahrscheinlich gewachsen sein werde, dann lasse ich mich darauf auch ein.

Da, wie oben dargestellt, denken und tun wohl immer Hand in Hand und nie einer alleine für sich daherkommt, gehe ich davon aus, dass meine gesamte Lebensweise einen ganz wesentlichen und nicht wegdenkbaren Einfluss auf meine Art des Denken hat, sozusagen eine ‚conditio-sine-qua-non‘, eine nicht hinweg denkbare Bedingung. Ist vielleicht wichtig, bei ‚anders denken’ geht es nicht um die Inhalte meines Denkens, also das ‚Was‘, sondern die Struktur des Denkens, das ‚Wie‘.

Will ich anders denken, ändere ich meine Lebensweise, derart, dass die dem avisierten Denken am ehesten entspricht. Und wenn ich mir dann noch bewusst bin, dass ich ja erst einmal meine Sicherheit aufgeben und anerkennen muss, dass ich nicht sicher wissen kann, was passieren wird, dann geht es voran. Also muss ich nicht nur meine Lebenshaltung ändern, sondern auch die Kontrolle über die Gedankeninhalte aufgeben.

Kontrolle über mein Denken zu haben war für mich die effektivste Methode um mich daran zu hindern, mich auf neues Denken einzulassen. Entweder die Kontrolle wird einem genommen oder man gibt sie freiwillig auf. Damit fängt es an. Wichtig ist dabei zu erkennen, dass man tatsächlich nie die Kontrolle über das eigene Denken hat. Das macht es erheblich leichter, dieser Illusion nicht länger anzuhängen.

Eigentlich ist anders zu denken recht einfach. Man muss wissen, worauf man sich einzulassen gedenkt, dann muss man für die passenden Rahmenbedingungen sorgen und dann muss man sich ganz einfach fallen lassen. Natürlich nur im Denken, versteht sich.

Ich sage dazu immer ‚Sich im Geist versenken‘.