Das Dilemma der Dichotomie

Als Mensch kann ich vernünftig denken. Doch vernünftig zu denken heißt, Dinge zu differenzieren, was sie jedoch nur in meinen Gedanken sind. Jeder vernünftige Gedanke trägt diesen Makel in sich. Doch wie kann ich den überwinden? Oder ausgleichen?

Mir meiner selbst bewusst zu sein ist eine Illusion, denn ich kann mir immer nur Aspekte meiner Existenz bewusst sein. Doch zu denken, ich könnte mir jeden Aspekt meiner selbst bewusst sein, zu glauben, ich wüsste alles von mir, macht mich regelrecht unberechenbar, denn dann nehme ich nicht wahr, dass ich in einem durch differenzierendes, vernünftiges Denken erzeugtem Spannungsverhältnis lebe, dem Spannungsverhältnis zwischen richtig und falsch, zwischen Subjektivität und Objektivität, zwischen Altruismus und Egoismus, zwischen ich und du.

Es gibt zwei Wege, damit umzugehen. Der eine ist, diesen Widerspruch konstruktiv anzunehmen, der andere ist, ihn zu leugnen und ihn zu umgehen zu suchen; durch Rationalisierungen und durch Ideologien, den gesellschaftlichen Rationalisierungen. Folge ich dem ersten Weg, dann bin ich mir zwar des Spannungsverhältnisses bewusst, in dem ich lebe, aber ich bin mir auch bewusst, dass ich mir nicht bewusst sein kann, wo ich mich zwischen den in meinem Denken und damit in meinem Handeln existierenden Polen bewege. Ich kann es nur annehmen, aber das allein genügt (mir) nicht.

Ich kann diese existenziellen Widersprüche nicht auflösen, aber ich kann bewusst darauf reagieren. Das heißt, dass ich zu wissen suche, was ich wissen kann, um die Lücken meines Nichtwissens mit Antworten zu füllen, soweit es mir eben möglich ist; über den Sinn meiner eigenen Existenz aber muss ich mir selbst Rechenschaft geben. Ich kann zwar ergründen, wie ich denke, doch was ich denke, darüber muss ich mir Rechenschaft ablegen. Daher suche ich idealerweise einen Weg, um in Einklang mit der Natur, meinen Mitmenschen und meiner selbst zu leben.

Ich bin mir dabei bewusst, dass es immer nur meine eigene Vorstellung von Harmonie ist und keine wirkliche, keine echte Harmonie sein kann. Und exakt deswegen muss ich mir sehr genau überlegen, wie ich überhaupt realisieren kann, möglichst in Harmonie mit der Natur, den Menschen und mir selbst zu leben. Ich brauche also eine äußere Form, nicht, um in dieser Harmonie zu leben, denn das geht nicht, sondern ich brauche eine Form, um mein Denken zu de-konditionieren, es also zu befreien, denn nur ein nicht konditioniertes, also freies Denken lässt mich so handeln, wie ich handeln möchte.

Nur wenn ich diese Form tatsächlich lebe, handle ich entsprechend. Doch was zeichnet diese Form aus? Zum einen folgt sie klar definierten ethischen Grundsätzen, zum anderen verzichtet sie auf jegliche Art des Bewertens und Urteilens. Ich muss ganz klar wissen, wo ich vernünftig denken darf (!) und wo ich das willentliche Denken besser lasse. Wenn ich das realisieren kann, verschiebt sich die übliche Bedeutung von „bewusst“ zu „willentlich“, denn tatsächlich bin ich bewusst, wenn ich im üblichen Verständnis „im Flow bin“. Interessant ist, dass bei der Beschreibung des Flow-Zustandes meist gerade nicht von Bewusstheit die Rede ist, sondern eher vermieden wird.

Es ist der Zustand, in dem Handeln und Bewusstsein miteinander verschmelzen und die Außenwelt scheinbar nicht zu existieren scheint, was jedoch überhaupt nicht der Fall ist, denn es wird nur ausgeblendet, was ohne Bedeutung ist. Man geht vollkommen in seiner Tätigkeit auf, man ist vollkommen im Jetzt und es bedarf keiner Anerkennung mehr, die Tätigkeit als solche ist Lohn genug. Was wir aus verschiedenen Lebensbereichen kennen, etwa von Chirurgen oder Extremsportlern (Motorradfahrern!), können wir durch eine bewusst gestaltete Lebensweise auch in unserem ganz gewöhnlichen Alltag realisieren. Und wo ist dann der Verstand? Nicht anwesend! Aber alles andere als unklug!

Dann ist da kein Dilemma mehr, sondern eine Herausforderung, eine Lebensaufgabe.