Das eigene Leben gestalten

Wie aber soll das gehen angesichts all der Zwänge, denen ich unterworfen bin? Dieser Gedanke kam mir, als ich in der NZZ den Artikel „Kein Pelz und eine Stimmung, die so ist wie die Pasta auf dem Teller: al dente!“ las. Schon das Foto des Restaurants ist eine regelrechte Einladung, dort essen zu gehen. (Nur leider viel zu weit weg.) Übrigens ist das Gesamtarrangement der Grund, warum ich so gerne in ein bestimmtes Lokal Sushi essen gehe, denn das Lokal ist genauso eingerichtet. Und zusammen mit dem Essen einfach perfekt, finde ich jedenfalls. Es ist mehr als nur ein Essen, es ist eine Lebenshaltung. Ich denke, dass das auch dahintersteckt, warum ich so gerne Pasta koche. Es ist nicht das Essen an sich, sondern es ist das Lebensgefühl, das es in mir weckt und das mich so anmacht.

Schwer zu beschreiben. Da ist einmal die Klarheit und Einfachheit der einzelnen Zutaten, die sich aber zu einem kunstvollen Genuss verbünden, was wiederum – jedenfalls in mir – ein Gefühl von Leichtigkeit und Beschwingtheit auslöst. Ganz anders eine Kartoffelsuppe oder die Maultaschen, die ich auch gerne koche, beide Gerichte erden so wunderbar. Aber ich möchte mich nicht grundsätzlich zwischen Pasta oder Kartoffelsuppe entscheiden müssen, beides hat seinen Platz in der Vorstellung meines Lebens.

Das erinnert mich unmittelbar an die Anweisungen für den Koch in einem Zen-Kloster, die ich einmal gelesen habe und die mir seither nicht mehr aus dem Kopf gehen. Die Grundidee der Anweisungen für den Koch ist: Was in der Zen-Haltung der Suche nach Vollendung getan wird, gelingt, weil es im Richtigen nichts Falsches gibt. Und: Der Zen-Weg muss in allem gesehen und gegangen werden, sonst ist es kein Zen-Weg. Darin wird auch zum Ausdruck gebracht, dass es zwischen der Geistes-Haltung eines Menschen und seinem Tun keinen Unterschied geben kann.

Immer wenn ich das lese, fange ich sofort an, mein Zimmer endlich einmal wieder aufzuräumen. Was natürlich eine interessante Frage aufwirft, nämlich die, warum ich es überhaupt unordentlich werden lasse. Für mich ist das sehr klar: ich lasse mich einfach zu leicht ködern, etwas anderes zu denken. „Ordnung“ ist ja nicht, dass mein Zimmer aufgeräumt ist, sondern dass ich meinen Weg gehe. Ginge ich konsequent den Weg, den ich mir vorgenommen habe, dann wäre mein Zimmer immer ordentlich.

Was also bringt mich von meinem Weg ab? Wodurch lasse ich mich stören oder irritieren? Oder warum lasse ich das zu? Doch mich das zu fragen bringt mich nicht weiter (sonst hätte ich das Problem schon lange nicht mehr), vielmehr darf ich nicht linear denken, sondern muss flexibel und auch komplex denken, so wie bei dem Knopflochzauberstab. Ich muss also etwas in meine Überlegungen einbeziehen, was ich bei dem mechanischen Vorgang des Nur-Aufräumens eben nicht brauche.

Es geht, wie bei dem Zauberstab, nicht darum, etwas wegzudenken, sondern etwas hinzuzudenken, was scheinbar nicht dazu gehört. Es geht also nicht um das Offensichtliche, etwa die Ordnung in meinem Zimmer. Sondern um etwas ganz anderes. Erst einmal hat das absolut nur mit mir zu tun. Wie wäre ich, wenn ich nur mit mir selbst konfrontiert wäre, ohne eine Spur von Ablenkung? Das ist die entscheidende Frage.

Ich brauche mir in dem, was ich tue, nur selbst immer wieder zu begegnen. Mit anderen Worten: Wenn ich schlampere, dann bin ich mit meinen Gedanken irgendwo anders, nur nicht da, wo ich gerade bin. Es geht nicht darum, mich zu ändern, sondern in jedem Augenblick zu tun, was ich wirklich tun will, welches Bild ich wirklich von mir hinterlassen möchte.