Das Gute und das Böse sind nicht zu trennen

Es hat lange gedauert, bis ich bereit war zu akzeptieren, dass das so ist. Zuerst wollte ich es nur auf eine konkrete Situation beziehen, aber es ist grundsätzlich so. Das Gute und das Böse lassen sich nicht trennen, es existiert beides gleichzeitig, zwei Wirklichkeiten, die nebeneinander existieren und beide wahr sein können. Ich verwende die Begriffe „Gutes“ und „Böses“ der Einfachheit halber. Tatsächlich gibt es nur gutes oder böses Verhalten, doch so lässt sich leichter darüber schreiben.

Es macht dabei einen gewaltigen Unterschied, ob die Ereignisse in der Vergangenheit liegen oder aktuell sind. Liegt es in der Vergangenheit, dann kann ich das Böse nur akzeptieren, aber weder hinnehmen noch tolerieren und schon gar nicht ignorieren. Doch das Gute bleibt auch. Und das ist eine wirkliche Herausforderung an mich. Liegt es hingegen in der Gegenwart, dann werde ich immer für das Gute ein- und gegen das Böse antreten und nicht wegschauen. Wegzuschauen ist das Übelste überhaupt. Und das gilt für die Vergangenheit gleichermaßen wie für die Gegenwart.

Hochgekocht ist das Thema bei mir mit zwei Ereignissen, die sich kürzlich zugetragen haben. Da war zum einen meine Anmeldung zu einer Motorradtour, bei der unter anderem ein sehr netter, sympathischer älterer Herr als Guide mitfährt, der bekennendes AFD Mitglied ist; was für mich die Frage aufgeworfen hat, wie ich damit umgehen soll. Das andere Ereignis war eine Carotisstenose, die mich veranlasste, der zugrundeliegenden Dynamik mit einer Familienaufstellung auf den Grund zu gehen.

Drei Dinge sind mir dabei begegnet: Die Beziehung zu meinem Vater, seine Taten und die Liebe. Da war eine tiefe, liebevolle Beziehung zwischen ihm und mir, genauso wie meine Sicht auf und meine Beziehung zu seinen Taten. Gut und Böse standen mir sozusagen beide gegenüber. Nebeneinander. Und die Liebe schaute zu, war gegenwärtig, beobachtete das Ganze. Dabei deckt sie nichts zu, schmälerte die Taten in keinster Weise, absolut nicht. Die, wenn man es so sehen will, Aufgabe ist für mich also beides zu akzeptieren: Einmal die tiefe Beziehung zu meinem Vater und genauso zu sehen, was er an schrecklichen Dingen getan hat. Ersteres ist leicht, doch das zweite ist wirklich schwierig, eine gewaltige Herausforderung. Oder ich mache es genau umgekehrt, sehe die Taten, aber leugne die Liebe.

Da fällt mir sofort Hannah Arendt ein, die in einer Liebesbeziehung zu Martin Heidegger stand, die die ZEIT in einer Buchbesprechung einmal Eine unmögliche Liebe tituliert hat. Hannah Arendt hat weder ihre Liebe zu Heidegger noch seine, ich will es einmal so sagen, von der NS-Ideologie durchzogenen Gedanken negiert. Und genau das hat ihr geholfen, eine große Souveränität für sich selbst zu realisieren, sie hat das Gute und das Böse beides nebeneinander gesehen und sie hat beides akzeptiert. Ich denke, dass darin eine tiefe Erkenntnis steckt, ganz anders als nur oberflächlich das Gute zu akzeptieren, das Böse aber nicht.

Will ich meinen Vater wirklich sehen, muss ich also beides sehen und annehmen können, meine tiefe Beziehung zu ihm und seine Taten. Und ich muss es aushalten, das nicht mehr rückgängig machen zu können, denn es ist schon lange her, es aber auch nie zu vergessen. Beides steht für immer nebeneinander. Das ist auch in der Gegenwart so, doch da kann ich etwas tun. Nur mich nicht für eine Seite „entscheiden“!

Meinen Weg im Leben werde ich erst dann finden und gehen können, wenn ich genau das akzeptiere und annehme.