Das innere Gefängnis verlassen

Ganz schön schwierig, selbst wenn ich weiß, was ich tun müsste. Ich bräuchte mich sozusagen nur umzudrehen und gehen. Doch dieses ‚Umdrehen‘ ist verdammt schwierig, jedenfalls scheint das so zu sein. Oder fällt es nur mir so schwer?

Ich spreche hier über meine Emotionen. Emotionen sind ja nichts Eigenständiges, sondern ein Produkt meines Denkens. All meine Überzeugungen, Ansichten genauso wie meine Ängste, Befürchtungen und auch meine Hoffnungen wie Erwartungen stecken da drin. So gesehen können meine Emotionen ein perfektes Messgerät für meinen gedanklichen Zustand sein. Was sie jedoch nicht sind, solange ich mich weiter in konventionell geprägten Beziehungen bewege.

Konvention, das ist dieser laue Beziehungs-Zustand, in dem die Protagonisten übereingekommen sind, meist stillschweigend, nichts zu sagen, was den anderen irgendwie verletzen könnte. Also nicht körperlich, nur geistig-mental. Wenn der andere etwas sagt oder tut, was der eigenen Meinung nach nicht in Ordnung ist, schaut man eben weg, tut so, als wäre da nichts gewesen oder wechselt unauffällig das Thema. Funktioniert perfekt für Dinnerpartys, aber nicht für eine ernsthafte Beziehung, bei der es nicht nur um etwas Vordergründiges geht wie (für Männer) miteinander Fußball zu spielen, Motorrad zu fahren, sich über Frauen zu unterhalten oder etwas in dieser Art, sondern um eine spirituelle Entwicklung.

Eine ernsthafte geistige Entwicklung aber wird durch Konvention schlicht und ergreifend verhindert und nicht nur behindert. Jedenfalls ist das meine Erfahrung. Aber ich kann mich ja irren. Wer weiß? Was genau aber verhindert die Konvention? Sie verhindert, dass ich mich mit mir auseinandersetzen muss, nämlich dann, wenn mich ein anderer ärgert oder beleidigt. Denn die Frage ist doch, wie der das hinbekommt! Wie findet er nur den emotionalen Zugang zu mir? Mich zu ärgern oder beleidigt zu sein sind Emotionen! Doch was mache ich normalerweise, wenn mich jemand ärgert oder beleidigt?

Genau! Ich setze mich mit ihm auseinander! Ich retourniere den Ball wie ein Tennisprofi. Doch das ist kein Sport wie Tennis oder Boxen, wo es am Ende einen Gewinner und einen Verlierer gibt. Warum aber spielen wir dieses destruktive Spiel dann so oft? Ganz einfach, weil wir glauben, uns verteidigen zu müssen. Verteidigen aber muss ich mich nur dann, wenn ich angegriffen werde. Doch wer oder was wird angegriffen, wenn jemand etwas über mich sagt?

Da gilt es zu unterscheiden, ob das Fakten sind, also Dinge, die ich nachvollziehen kann, etwa, dass ich schon wieder mit dem Motorrad unterwegs war oder ob es Behauptungen sind, die ich nicht nachvollziehen kann, etwa dass ich egoistisch sei. Bei ersterem kann ich sagen, nein, stimmt nicht, ich war nicht unterwegs, erst morgen, bei zweitem kann ich zwar auch sagen, nein, das stimmt nicht, nur lässt sich das nicht verifizieren. Über Emotionen kann man eben nicht diskutieren, allenfalls kann man sie klären, aber nur, wenn der andere das wollen sollte, was wohl meist eher nicht der Fall ist.

Warum also bin ich dann beleidigt? Und warum werde ich beleidigt? Ganz einfach, weil beide in einen Krieg ziehen, der eine greift an, der andere verteidigt sich. Oder ich sage mal Konflikt, das klingt nicht so dramatisch. Doch wie kann dieser Konflikt auf einer rein geistig-mentalen Ebene überhaupt entstehen? Dazu braucht es ganz klar ein Ich oder Ego, das sich angegriffen fühlt. Und das kann sehr subtil vor sich gehen. Da ist ein Gefühl in mir, das sich angegriffen fühlt. Und dann gehe ich zum Angriff über oder ich verteidige mich. Der Grund aber ist der selbe, ein (vermeintlich) verletztes Gefühl.

Habe ich, beispielsweise, das Gefühl, nicht gesehen zu werden, dann weiß ich, dass das allein mein Problem ist und der andere damit nichts zu tun hat. Er macht mir nur dankenswerterweise (was ich ernst meine!) meine innere Gefühlslage bewusst. Wie komme ich also zu der Überzeugung, den Anspruch zu haben, gesehen zu werden? Zu sagen, dass der andere mich nicht sieht heißt ja, dass ich die Erwartung haben muss, gesehen zu werden. Also habe ich einen entsprechenden Anspruch gedacht.

Woher aber nehme ich die Berechtigung für diesen Anspruch? Wenn ich die ernsthaft suche, werde ich jedoch keine wirkliche Berechtigung finden. Also nur eine falsche Annahme? Ganz offensichtlich ist es so! Kann ich mich darauf wirklich einlassen, dann ist das Gefängnis weg.

Kein Anspruch, kein Gefängnis.