Das Leben ist ein Spiel. Definitiv.

Man muss nur begreifen, dass es ein Spiel und was für ein Spiel es ist. Dabei ist es ein sehr ernstes Spiel, das jedoch auch Spaß machen darf. Nicht die Politiker, Bosse oder wer auch immer sind die Bösen, das sind auch nicht wir, vor allem nicht die Gesellschaft, doch wir sind  – entschuldigen Sie bitte die Wortwahl – die Blöden. Denn die Gesellschaft, das sind ja wir, wir definieren selbst, wie wir uns zusammen organisieren. Und Politiker, Wirtschaftsbosse oder wer auch immer sind nichts anderes als ein Funktionselement eben dieser Gesellschaft. Sie tun exakt das, wofür dieses System Gesellschaft sie braucht.

Nein, sie tun nichts Böses, sie machen nur ihren Job, für den sie per gesellschaftlicher Definition vorgesehen sind. Das Problem ist also die Struktur der Gesellschaft. Und damit geht der schwarze Peter an uns selbst, an jeden von uns, wirklich jeden. Jeder muss sich fragen, nicht was er tut, sondern wie er denkt. Doch man darf sich nicht fragen, was man denn denken soll, sondern nur, aufgrund welcher Struktur man denkt. Denn das „was“, der Inhalt, folgt ohne Diskussion dem „wie“, also der Form.

Es geht letztlich um unser innere Weltbild, das Welt- und Selbstverständnis. Den so leben wir und das definiert mit allen zusammen die Gesellschaft, ähnlich wie ein Vogelschwarm. Da kommt es auch nur auf den engsten Umkreis an, das langt schon. Nun ist es relativ schwierig, überhaupt herauszubekommen, wie das so aussieht, denn das haben wir gut eingemauert, damit es bloß keine Kratzer bekommt – weil dieses Selbst- und Weltverständnis uns ausmacht. Wir definieren uns nicht entsprechend, sondern wir sind so. Entscheidend ist daher die Frage nach ernsthafter Selbsterkenntnis, die durch die Art der Fragestellung definiert, was wir überhaupt erkennen können. Daher ist das keine persönliche Frage, sondern eine allgemeine: Was ist ein Mensch? Wie funktioniert er? Wie organisiert er sich? Alles Fragen, die wirklich jeden betreffen. Und die gerade nicht so einfach zu beantworten sind, von denen jedoch alles andere abhängt . Gehe ich von unzutreffenden Annahmen aus, prägt das entsprechend und zwar ausnahmslos alles. Aktuell fangen wir ja an zu verstehen, dass wir uns im Kreis drehen, nicht weil andere bekloppt sind, sondern weil wir alle von unzutreffenden Axiomen ausgehen. Das gilt es zu klären.

Haben wir das so gut wie möglich geklärt, stellt sich die Frage nach unserem individuellen Ausdruck, im Wesentlichen also, wie und was wir denken. Das ist das wichtigste Element für unseren Auftritt im Leben. Das Denken haben wir Menschen der Einfachheit halber gedanklich in zwei Bereiche differenziert, das Verstandes- und das Vernunftdenken. Ersteres reagiert auf unsere Sinneseindrücke und das, was wir abgespeichert haben, was wir mögen, was nicht oder was uns egal ist. Dieses Denken ist zeitlos, spontan und unmittelbar; es lässt sich kaum bis überhaupt nicht beherrschen. Es ist dieses „So bin ich eben“. Und das bleibt auch so, bis wir es geändert haben – und nicht etwa, bis wir es ändern wollen. Absicht ändert nichts, nur Fakten ändern wirklich.

Die andere Art des Denkens ist das Vernunftdenken, das auf Logik und Schlüssigkeit aufbaut, das auch reflektiert und abwägt. Hier ist auch das Zeitelement von Bedeutung, anders als der Verstand denken wir mit der Vernunft nicht zeitlos. Das Vernunftdenken regelt gewissermaßen das Verstandesdenken. Ist unsere Vernunft in Unordnung geraten, werden wir leider auch entsprechend (durch den Verstand) handeln. Ich darf dabei nicht übersehen, dass wir immer nur das tun, was uns stimmig erscheint. So sagt meine Vernunft meinem Verstand, er möge bitte dorthin schauen, wo ich hinwill und nicht dorthin, wo ich gerade nicht hinwill. Meine Vernunft sagt also meinem Verstand sich nicht ablenken zu lassen und übt das auch mit ihm. Merkt der Verstand, dass etwas nicht wie gewollt läuft, greift er ein. Und der Verstand korrigiert, indem er es praktiziert, also übt.

Ablenkungen lassen den Verstand dorthin schauen, wo er nicht hinschauen sollte. Es ist eben die Aufgabe des Verstandes, ihm das zu vermitteln und klar zu machen. Meditation beispielsweise ist beruhigtes Vernunftdenken. Es gibt  zwei Arten von Instanzen in meinem Denken, den Praktiker und den Philosophen. Und wenn die gut miteinander klarkommen, ich also gleichmütig bin und dann auch noch die Philosophie passt, dann kann es auch was werden mit meinem Leben. Und das ist, ohne wenn und aber, immer auch mein Beitrag für die Gesellschaft. Ich darf die Gesellschaft nicht ändern wollen, sondern ich gestalte sie dadurch, wie ich bin, ob ich darüber nachdenke oder nicht. „Die“ Gesellschaft gibt es nämlich nicht, nur ein System, das wir Menschen alle miteinander bilden. Einen Strand gibt es ja auch nicht wirklich, nur jede Menge Sandkörner.

Begriffe wie Strand oder Gesellschaft machen es leicht darüber zu sprechen. Doch manchmal ist der Preis dafür zu hoch, so hoch, dass man ihn nicht mehr hinnehmen darf; da die damit einhergehende Verallgemeinerung Wesentliches negiert. Manchmal ist gerade das entscheidend. Und noch etwas: Die Begriffe „Verstand und Vernunft“ werden teilweise sehr unterschiedlich gebraucht. Daher würde ich Denken an sich differenzieren zwischen praktischem Denken einerseits und philosophisch-theoretischem Denken andererseits. Das praktische Denken muss ich in Konzentration und Ausrichtung üben, das philosophisch-theoretische in Gleichmut. Das sind die Voraussetzungen dafür, dass sie überhaupt sinnvoll zusammenarbeiten können. Doch das ist erst einmal nur die Form, die nichts über mein Denken aussagt. Genau genommen ist es ja ein Denken, dass ich nur deshalb differenziert betrachte, um die einzelnen Aspekte besser sehen und verstehen zu können. Einmal komme ich von links besser dran, einmal von rechts. Nur eine Frage der Perspektive.

Deswegen ist es auch ein völliger Unfug, Zen-Praktizierenden bestimmte Wesensmerkmale wie Menschenfreundlichkeit oder Gewaltlosigkeit zuschreiben zu wollen. Die Yakuza, die japanische Entsprechung der Mafia, sind  in ihrer Zen-Praxis oft sehr weit gekommen. Trotzdem möchte ich keinem in die Quere kommen. Oder nehmen sie die Samurai. Ein Samurai, der Budō praktiziert, ist ein wirklicher Menschenfreund und für den ist Gewaltlosigkeit mehr als nur ein Wort, für den ist es eine Verpflichtung. So jemanden als Freund zu haben ist ein echter Gewinn. „Richtig“ zu denken entbindet mich nicht, eine gute Ideologie zu leben. Das Schubladendenken „Das sind die Guten und die sind die Bösen“ ist exakt das Denken, das die Komplexität des Lebens nicht sieht oder nicht wahrhaben will und sich daher lieber ausschließlich in kalkulierbaren und vorhersagbaren Strukturen bewegt als die Unkalkulierbarkeit eines komplexen Vorgangs zu akzeptieren und sich darauf einzulassen. Doch bewegt man sich gedanklich immer nur in kalkulierbaren Strukturen, darf man sich nicht wundern, wenn man sich letztlich immer im Kreis bewegt. Oder natürlich, man schraubt seine Ansprüche an das Leben so herunter, dass der Raum, in dem man bleibt, das Bekannte nicht verlässt.

Es ist nicht so, als würde die Welt plötzlich orientierungslos und unberechenbar, denn das war sie schon immer. Nur wir merken das gerade überdeutlich. Doch das bedeutet nicht in Fatalismus auszubrechen, sondern das Spiel zu spielen. Beginnen wir ein Fußballspiel mit einem schwächeren Gegner, dann ist das auch keine Garantie, dass wir gewinnen. Wir können uns nicht vornehmen zu gewinnen, aber wir können uns vornehmen, das uns Bestmögliche einzusetzen. Dann steigen unsere Chancen zu gewinnen. Mehr aber auch nicht. Da unser Wirtschaftssystem total auf „Gewinner“ baut, ist klar, warum dieses Spiel kaum einem wirkliche Freude macht. Eigentlich ist es nur fair, dass die Bosse ordentlich Kohle dafür bekommen, dass sie so ein saublödes Spiel spielen. Für mich sind das Gladiator-Spiele. Bist du nicht gut, dann bist du weg. Doch ein wichtiges Kriterium gibt es noch. Hui-neng hat so auf den Punkt gebracht: „Das wirkliche Nicht-Denken besteht darin, an alle Dinge zu denken, ohne sich von ihnen infizieren zu lassen.“

Spielen wir also das Spiel richtig.