Das Phänomen Geist

Was immer ich denke, fühle oder tue, mein Verhalten genauso wie meine Ansichten und Überzeugungen, all das hat seinen Ursprung im Geist. Die Wissenschaft ging zwar lange davon aus, dass die Welt und wir selbst aus etwas Greifbarem bestehen, eben der Materie. Und wie aus der Materie dann Dinge und Lebewesen wurden, das wurde mit gleichermaßen greifbaren Dingen beschrieben und zu erklären gesucht; DNA ist ein Beispiel dafür. Alles folgt (scheinbar) einer eindeutigen Logik: Das Eine ist, weil etwas Anderes vorher da war, alles folgt einer klaren und eindeutigen Ursache-Wirkungs-Kette. Jedenfalls dachte man so und so denken auch heute noch viele Menschen.

Dabei wir wissen heute, vorausgesetzt, wir sind überhaupt bereit uns auf solche Gedanken einzulassen, dass der Ursprung von allem, was ein Lebewesen denkt, fühlt und tut, was es also letztlich ist (ich will erst einmal nur auf belebte Dinge eingehen), ganz offensichtlich Geist ist. Als ich heute früh aufwachte, wurde mir bewusst, was mir so an Gedanken durch den Kopf ging. Ein geistiger Prozess. Doch dann musste ich raus und auf die Toilette. Doch woher ‚wusste‘ ich das? Wieder ein letztlich geistiger Prozess. Das Signal meiner Blase (bitte leeren!) an mein Gehirn, dann das Signal meines Gehirns an meinen Körper (aufstehen!) und die Vorgabe des weiteren Tuns (auf’s Klo gehen, pinkeln!) – alles geistige Vorgänge.

Als meine Eltern mich gezeugt hatten, ich also in Form einer einzigen Zelle existierte, fing das Werkeln des Geistes auf meiner individuellen Ebene an. Doch dass der schon vorher existiert haben muss ist logisch, denn woher sollten all die Informationen kommen, die diese Zelle brauchte, um daraus das entstehen zu lassen und zu dem zu werden, was jetzt hier sitzt und schreibt? Und auch, wenn ich aufstehe, in die Küche gehe, mir einen Kaffee mache und mich wieder in meinen Sessel setze um weiter zu schreiben, all das ist letztlich ein vielschichtiger geistiger Prozess. Genauso wenn ich gut leiden kann oder eben nicht, was ich gerne hätte und was weniger, dass ich leider nicht sonderlich ordentlich bin bis hin zu meinen bisherigen Schwierigkeiten mit meinem Elternhaus oder meine Probleme im Beruf, all das waren oder sind letztlich geistige Prozesse.

Es war – und ist – für die Materialisten dieser Welt ein herber Schlag, dass mittlerweile selbst die Physiker davon ausgehen, dass es Materie nicht wirklich gibt, sondern eben nur Geist, aus dem dann – wie auch immer – die Materie entsteht. Das ‚sehen‘ zu können setzt natürlich voraus, dass sie sich nicht nur mit dem beschäftigen, was man damit machen kann, denn dann lässt sich die Tatsache leicht ignorieren, dass Geist der Ausgangspunkt ist. Damit wird eine der Schwierigkeiten im Umgang mit dem Geist deutlich: Er ist einfach nicht zu fassen, man kann ihn nicht erklären und nicht damit ‚arbeiten’ wie mit einem Werkstoff. Um gleichwohl all die Phänomene, die ihren Ursprung im Geist haben, irgendwie in den Griff zu bekommen hat man sich heutzutage eine Menge psychologischer genauso wie körperlicher Konzepte ausgedacht, eben um solche Phänomene beschreiben und vor allem gestalten zu können.

Doch solche Konzepte lassen einen leicht vergessen oder auch übersehen, dass etwa die Carotisstenose, die ich kürzlich hatte, in letzter Konsequenz eben keine rein körperliche Ursache hatte, das war nur ein Symptome eines geistigen Prozesses in mir. Gestern habe ich gelesen, dass einer Forschergruppe der Nachweis gelungen ist, dass die Wirkung von Energydrinks mit Alkohol ein schlichter Placebo-Effekt ist. Also ‚nur‘ ein geistiger Prozess. Auch ein halluzinogener Drogenrausch lässt sich durch Placebo auslösen! Doch wer glaubt das schon? Auch der Gedanke von Marshall McLuhan, dass das Medium, also die Form den Inhalt bestimmt, ist mittlerweile keine Frage mehr – doch in den Köpfen angekommen ist es bei vielen noch immer nicht.

Ich habe jede Menge Bücher gelesen, mich mit Mystik, Ch’an, Zen, Quantenphysik und jeder Menge Psychologie beschäftigt, um letztlich zu begreifen, dass all das nur gedankliche Konstrukte sind, um das Phänomen ‚Geist‘ für mich in den Griff zu bekommen. Nur das wusste ich vorher nicht, denn auch ich ging davon aus, dass es für all das, was ich so mache, wie ich also bin, eine Erklärung gibt, ja geben muss. Doch die gibt es nicht, jedenfalls nichts, was ich an- und ausschalten könnte. Es hat eine ganze Weile gedauert, bis ich begriff, dass es tatsächlich nur so ist, wie es ist. Doch das bedeutet jetzt nicht, dass das auch so bleiben müsste, wie es ist.

Ich gestalte die Dinge ganz einfach durch das, was ich für richtig oder falsch halte. Es ist meine ganz persönliche Entscheidung, wie ich (und nicht sich) mein Leben gestalte. Wobei es mir dann sehr kompliziert erscheinen kann, das in dem Umfeld, in dem ich lebe, auch zu realisieren, jedenfalls so lange ich nicht verstehe, dass es eben komplex und nicht kompliziert ist. Und Komplexität kann ich mit einer linearen denkenden Ursache-Wirkungs-Logik eben nicht verstehen, dann bleibe ich in den Konzepten regelrecht hängen, mit denen ich mir die Welt erklärbar zu machen suche. Mit anderen Worten: Ich bleibe in der Symptomatik gefangen, wobei das Verrückte ja ist, dass ich die erst denken oder glauben muss. Hätte ich die nicht gedacht, stünde sie mir auch nicht im Weg.

Bleibe ich also in konzeptionellem Denken verhaftet und denke es nicht zu Ende, habe ich ein Problem insofern, als ich mich selbst gedanklich reduziere. Was für viele sofort die Frage aufwirft, ob man denn überhaupt ohne irgendein Konzept leben könnte. Das kann man definitiv. Die Psychologen haben dafür einen Begriff gefunden, sie nennen es ‚Flow’; ein Zustand, der aber keinesfalls mit automatischem und gewohnheitsmäßigem Handeln gleichgesetzt oder verwechselt werden darf, was ein gewaltiger Irrtum wäre. Doch wenn es diesen Zustand des Flow gibt, weshalb kann ich mich dann nicht dauerhaft so verhalten? Eine Frage, die sich vielleicht viele stellen.

Dabei ist die Antwort möglicherweise recht einfach. Es kommt darauf an, was ich tue, was wiederum im Denken beginnt. Überlege ich, wie ich etwas verhindere oder überlege ich, wie ich etwas gestalten kann? Wobei auch das Verhindern letztlich ein Gestalten ist, nur führt das nicht dorthin, wo ich ‚eigentlich’ hin will. Ich kann mich ja sowohl bewegen oder eben sitzen bleiben wollen. Was auch erklärt, warum es sowohl ‚richtig‘ wie ‚falsch‘ für mich gibt, denn mit beidem gestalte ich gleichermaßen mein Leben. Nur nennen wir Menschen nicht nur Bewusstsein unser eigen, sondern, wohl anders als die nicht-menschliche Natur, auch das Selbst-Bewusstsein. Und das lässt uns und leider auch mich durchaus egoistisch denken, indem es die eigenen Interessen als vorrangig und nicht als gleichrangig ansieht.

Ich bin, folge ich diesen Gedanken, wie alles andere selbstverständlich auch, letztlich ‚nur‘ Geist. Alles weitere ist nicht mehr als eine Folge, eine Symptomatik. Das gilt es vorrangig zu verstehen und auch zu begreifen. Wenn ich davon ausgehe, zumindest für alles Lebendige, habe ich schon sehr viel gewonnen. Denn das alleine bricht das selbsterrichtete Gefängnis des konzeptionellen Denkens zwar nicht auf, aber es macht den Weg sichtbar, der zu gehen wäre. Doch der will wohl überlegt sein. Es genügt nicht, nur die unkonditionierte Leerheit des (eigenen) Geistes zu erkennen, entscheidend ist, was man damit und daraus gestaltet. Es zu ‚wissen‘, wie es geht, genügt also nicht, man muss es auch tun.

Geist ist also nicht das scheinbar unbewegte Phänomen, das sich in meinem Körper abspielt, wovon ich früher immer ausging, sondern das, was gerade hier schreibt. Die Herausforderung, der ich mich stellen muss, ist mir darüber klar zu werden, wie ich mich selbst sabotieren kann, statt mein Leben wie einen Flow zu gestalten. Und das, ohne dabei in den Kategorien ‚richtig’ und ‚falsch’ hängen zu bleiben. Das Magische und Mystische dieses Lebens umfasst nicht nur das Schöne und Faszinierende, sondern auch das Hässliche und Erschreckende. Doch das sollte ich wohl ausblenden, einfach, weil ich es (noch) nicht verstehe und statt dessen tun, was zu tun ist. Vielleicht – und dafür spricht einiges, hat sich der Geist ja dieses Spiel zwischen positiv und negativ nur ausgedacht, um sich so seiner selbst gewahr zu werden, indem ‚wir‘ erkennen, dass Selbst-Bewusstsein den Flow verhindert, von dem viel mehr oder weniger als Dauerzustand träumen.

Das Phänomen ‚Geist‘ zu verstehen heißt letztlich, das trennende Denken aufzugeben. Gebe ich das auf, bedeutet das keineswegs, dass ich mit der Welt zu einem Einheitsbrei verschmelze. Ich bleibe auch weiterhin ich, nur dass ich mich nicht mehr als spezifisches Ich erlebe. Wenn ich mich freue, ist da ja auch nur Freude, und kein Ich, das sich freut. Ein klarer Fall von Flow.