Den eigenen Weg finden und auch gehen

Darauf kommt es an, nicht auf die Ziele, die ich erreichen will. Entscheidend ist immer der Weg, den ich gehe und nicht das Erreichen des Ziels. Und das hat einen ganz einfachen Grund. Ich lebe in einer komplexen Welt, in der ich nichts mit Sicherheit vorhersagen oder annehmen kann, dass es so sein wird, wie ich es mir denke.

Die Ziele, die ich mir zu erreichen vornehme, die kann ich, wenn alles glatt läuft erreichen – oder eben auch nicht. Umwege sind nicht auszuschließen in einer komplexen Welt. Es kommt eben immer darauf an. Doch leben tue ich nicht, wenn ich ein Ziel erreicht habe, da natürlich auch, sondern entscheidend ist, wie ich den Weg gehe. Und das hat mehrere Gründe.

Gestalte ich meine Art des Gehens nicht optimal, sinkt die Wahrscheinlichkeit, mein Ziel problemlos zu erreichen. Ein ganz banales Beispiel: Ich will nach Nürnberg, einkaufen. Mit dem Motorrad, etwa 40 Kilometer. Doch die Wahrscheinlichkeit, ob ich überhaupt und wie ich dort ankomme, die wird nicht durch das Ziel definiert, sondern durch die Art, wie ich den Wege gehe beziehungsweise fahre. Ich kann nämlich wie eine – Pardon – Wildsau fahren, was die Wahrscheinlichkeit eines Unfalls ganz klar steigen lässt. Definitiv hat dies darüber hinaus einen unmittelbaren Einfluss auf meinen emotionalen Zustand, wenn ich ankomme. Mein Einkauf wird ganz maßgeblich davon geprägt sein.

Vielleicht übersehe ich aus genau diesem Grund das Teil, was ich so gerne kaufen würde, nur weil ich mich immer noch in Gedanken über die anderen Autofahrer ärgere. Und weil ich eh schlechte Laune habe, rede ich mit hoher Wahrscheinlichkeit auch genervt mit Verkäufern und Verkäuferinnen, was deren Bereitschaft drastisch reduzieren wird, mir weiter zu helfen – und nicht nur reduzieren kann. Es sind letztlich meine Beziehungen, die mein Leben ausmachen – und absolut nicht, welche Ziele ich erreiche.

Meine Beziehungen gestalte ich ausschließlich durch den Weg, den ich im Leben gehe, Schritt für Schritt, ob ich nach Nürnberg fahren will oder im Krankenhaus liege. Optimiere ich also mein Wegeverhalten, dann steigen in einer nicht vorhersehbaren, komplexen Welt definitiv meine Chancen, meine Ziele auch zu erreichen. Einfach, weil ich achtsamer bin und mir die Menschen eher zugewandt sind, wenn ich freundlich zu ihnen bin als umgekehrt.

Gehe ich mit offenen Augen und Ohren durch die Welt, sehe ich ziemlich sicher viel mehr Möglichkeiten, Möglichkeiten, die ich sonst wahrscheinlich überhaupt nicht wahrnehmen würde, vielleicht auch nicht wahrnehmen könnte. Doch das ist nur die pragmatische Sicht, sozusagen der Köder für das übliche ziel- und ergebnisorientierte Denken. Es macht meiner Ansicht nach einen gewaltigen Unterschied, ob ich aus Berechnung heraus freundlich bin oder ganz einfach aus einer inneren Überzeugung heraus.

Den Unterschied wird man merken. Doch was werde ich zurückbekommen, wenn ich mich berechnend verhalte? Mein Gegenüber wird dies vielleicht nicht bewusst merken, aber er wird es merken. Natürlich werde ich Anerkennung von den Menschen bekommen, die das selbst gut und richtig finden. Das ist die wichtige Entscheidung, die ich treffen muss: Will ich zu denen überhaupt dazu gehören?

Das ist eine sehr, sehr wichtige Frage, denn es ist die Frage, die alle anderen vielleicht auch wichtigen Fragen regelrecht abschirmt, denn es ist eine extrem emotionale Frage, die Frage nach der Zugehörigkeit. Die wird – erst einmal – durch das eigene Elternhaus und die eigene Kindheit wie Adoleszenz geprägt. Da fühlen wir uns zuhause, damit definieren wir unsere Zugehörigkeit. Genau so wollen wir auch leben – oder völlig anders. Das kommt darauf an, wie wir unsere Kindheit und Jugend erlebt haben, aber prägend für das, was wir unter Zugehörigkeit verstehen, ist es allemal.

Wie gesagt, es ist eine emotionale Frage, auf die wir eine entsprechende Antwort geben. Was natürlich die Frage aufwirft, ob emotionale Antworten wirklich immer die richtigen sind, oder ob es manchmal nicht angebracht ist, sich aus der Kindheit zu lösen und seinen eigenen Weg zu finden, um ihn dann auch gehen zu können, statt in den Fußstapfen anderer deren Weg zu gehen.

Nein, ich will meinen Weg gehen, nichts sonst. Aber natürlich nicht egoistisch, sondern im Einklang mit der Welt. Das ist nämlich kein Widerspruch.