Den Weg gehen

Das Paradoxe daran ist, dass ich, mache ich mich auf den Weg, nicht weiß, wie der Weg sein wird. Denn der entsteht erst im Gehen. Will ich also den Weg gehen, dann muss ich wissen, was mich auf dem Weg halten wird und vielleicht muss ich auch wissen, was mich davon doch wieder abbringen kann, einfach um dem rechtzeitig aus dem Weg zu gehen. Ich brauche also Mut und Konsequenz. Doch wozu?

Wenn ich mit meinem Verstand nicht weiterkam, dachte ich immer, dass ich mit Spürbewusstsein und der Intelligenz des Herzens weiterkäme. Jedenfalls hörte ich das immer von anderen. Mein Problem war nur, dass ich mir darunter nie so recht etwas vorstellen konnte. Es ging mir wie mit der Psychologie – wunderbare Erklärungen, nur leider irgendwie ohne dauerhafte und auch nicht greifbare Substanz. Weil viele so denken muss es ja noch lange nicht stimmen. Eine Voraussetzung für die Akzeptanz der Psychologie ist ja, dass sie mit dem Denken der Menschen kompatibel sein muss, sonst wird sie eben nicht akzeptiert.

Als ich begann, mich mit dem radikalen Konstruktivismus zu beschäftigen, kam ich jedenfalls arg ins Schleudern. Mein Denk-Gebäude bekam erhebliche Risse, es fiel  sozusagen der Putz von den Wänden, doch es brach nicht zusammen. Es hatte sich nur eine latente Unsicherheit eingeschlichen, die Frage, ob ich denn glauben konnte, was ich so dachte. Wenn nämlich Wahrheit und Wirklichkeit als letztverbindliche Berufungsinstanzen ausscheiden, weil sie prinzipiell von keinem Menschen erkennbar oder besitzbar sind, dann müssen wir für unsere Handlungen und Kognitionen die Verantwortung übernehmen. Das war die Kröte, die ich schlucken musste.

Und nicht zu vergessen, die Gedanken des Chan oder Zen. Eigentlich hätte ich begreifen müssen, dass ich es schon längst begriffen hatte, nämlich als jemand meinte, dass das, was ich da so von mir gab, ganz klar die Lehre des Chan sei, ich damals aber überhaupt nicht wusste, was Chan überhaupt ist. Aber ich suchte immer noch nach einer Rückversicherung in der tradierten (Gedanken-) Welt. Die Verunsicherung bekam dann noch einmal ordentlich Nachschub, als ich dem Tetralemma begegnete. Doch irgendwann wurde die Unsicherheit derart verunsichernd, dass ich aufgab. Witziger Weise stellte sich die lange gesuchte Sicherheit in dem Moment ein, indem ich aufhörte danach zu suchen. Von da an war es leicht. Das Gehen an sich wurde zu einem Selbstläufer.

Dazu beigetragen hat wohl auch das Denken der modernen Physik. Denn die hat den Vorteil, dass sie Beweise für ihre Behauptungen liefert. Und deren Gedanken zu den damit einhergehenden fundamentalen Fragen sind ziemlich deckungsgleich mit dem Denken Nagarjunas oder Jiddu Krishnamurtis. Das war die (gedankliche) Rückendeckung, die ich wohl gebraucht hatte. Eine vielleicht notwendige Klarstellung bleibt noch. Von Bodhidharma soll dieser Spruch stammen: „Weil wir unsere Phantasie dazu benutzen, immer wieder neue Ideen und Vorstellungen zu erschaffen, und diese dann für die Wirklichkeit halten, leben wir dauernd in der Hölle.“ Das ist wohl wahr.

Aber es bedeutet nicht, sich keine Gedanken mehr über das Leben zu machen. Bodhidharma selbst hat sich ja so einiges an Gedanken über ein stimmiges Leben gemacht. So soll etwa die Shaolin-Kampfkunst auf ihn zurückgehen. Es heißt, er sei entsetzt gewesen über das schludrige Verhalten der Mönche, als er in das Shaolin-Kloster kam. Um wieder Ordnung hereinzubekommen, dachte er sich eben die Shaolin-Kampfkunst aus. Kämpfen zu können hatte damals eine andere Bedeutung als heute, denn sich seiner Haut verteidigen zu können und zu müssen war in der damaligen Zeit eine absolute Notwendigkeit. Und auch ich mache mir Gedanken über das Leben. Und das heißt eben, in beiden Welten gleichermaßen zu Hause zu sein, in der relativen wie in der absoluten. Ich will überleben und auch gut leben, ich will zufrieden sein und wenn möglich auch noch glücklich. Und ich will den Kosmos verstehen. Also mich. Doch dazu muss ich irrige Ideen und Vorstellungen dahin tun, wo sie hingehören: In den gedanklichen Papierkorb – und ich muss stimmige Gedanken denken. Sonst wird es nichts mit dem Verstehen.

Und damit machte ich mich auf den Weg.