Denken ohne Geländer

Ein Gedanke von Hannah Arendt, den wir gerade jetzt beherzigen sollten. Statt auf der eigenen Meinung zu beharren, sie für das Non-Plus-Ultra zu halten, einfach einmal wagen, sich auf einen anderen, fremden Gedanken einzulassen. Jemandem zuzuhören, der ganz andere Ansichten vertritt als man selbst, ist wie in ein fremdes Land zu reisen, dessen Sprache man kaum versteht. Man muss also erst einmal überhaupt die Worte und den Sinn dessen verstehen, was der andere sagt.

Gleich mit den eigenen Ansichten loszupoltern, oft auch noch in einem aggressiven Ton oder jammernd und klagend, was „die Anderen“ alles falsch machen, ohne wirklich zu hören und ohne den Sinn zu verstehen, was der andere sagt oder sagen will, das ist doch nichts anderes, als sich hinter der eigenen Meinung zu verbarrikadieren. Wir etikettieren Dinge gerne mit gut und böse, richtig und falsch, doch sehen wir auch, dass das ein anderer ganz anders sehen und verstehen kann? Und reden wir dann mit ihm oder versuchen wir ihn zu bekämpfen?

Wenn ich den anderen beschimpfe, nicht bereit bin, ihm ernsthaft zuzuhören, ihn wirklich zu verstehen suche, dann muss ich mir schon die Frage gefallen lassen, was mich dazu bringt. Doch diese Frage muss sich jeder selbst stellen und die Antwort darauf selbst finden. Gestern sprach jemand darüber, dass sich pubertierende Jugendliche für den Nabel der Welt halten, dass sich alles immer nur um sie drehen müsse. Ja, so sind sie. Ich war auch so, vielleicht jeder. Doch irgendwann ist der Zeitpunkt gekommen, da man damit aufhören sollte.

Und das heißt für mich mittlerweile ernsthaft miteinander zu reden, möglichst dialogisch. Doch mit einem anderen reden kann ich nur, wenn ich vorher auch zugehört habe und ihn auch verstanden habe. Nur wenn sie oder er sagt „Ja, genau das meine ich!“, erst dann habe ich doch verstanden! Bin ich dazu auch bereit oder will ich lieber gleich mit meiner Ansicht vorwärts stürmen? Der Grund für David Bohm, sich Gedanken über die Form des Dialogs zu machen, war seine Überzeugung, dass vielen Menschen das Bewusstsein für das fehlt, was sie im Innersten denken. Ich beschäftige mich seit geraumer Zeit mit der Propriozeption der Gedanken wie mit den Strukturen des Flow und ich weiß aus eigener Erfahrung, wie schmerzhaft es sein kann, wenn man erkennt, wie man wirklich ist, was man also wirklich denkt.

Ohne Geländer zu denken“ bedeutet nicht gleich loszustürmen, sondern zu wissen, wo man sich gedanklich aufhält und sich das immer wieder bewusst zu machen. Es ist wie der Tanz auf einem Seil, nichts, woran man sich festhalten kann. Und so wenig wie der Seiltänzer können auch wir in einem Gespräch nicht einfach losmarschieren, sondern müssen die Balance bewahren können, was wir aber sicher nicht können, wenn wir gleich losargumentieren.

Doch warum ist es so notwendig, zum einen aus dem wirklich eigenen Denken und nicht nur einer übernommenen Ansicht zu argumentieren und warum ist es so notwendig, die Ansichten des Anderen wirklich ernst zu nehmen, auch dann, wenn man sie für falsch hält? Die Herausforderung dabei ist weniger der Dialog an sich, sondern dass sich beide Partner darauf einlassen. Einen Dialog kann man nicht alleine führen. Warum also brauchen wir einen Dialog? Weil wir, jedenfalls ist das meine Überzeugung, an einem Scheideweg stehen.

Die Gesellschaft steht seit geraumer Zeit, bildlich gesprochen, vor der Wand. Der einzige Feind, der ihr noch geblieben ist, ist der andere. Doch das hat sich wieder geändert. Mit dem Corona-Virus ist eine Situation entstanden, die wir nicht so einfach in den Griff bekommen konnten. Es überrollte uns regelrecht und die wenigsten waren darauf vorbereitet. Doch statt zusammenzustehen und sich gemeinsam zu fragen, was zu tun ist, bekämpften sich die Menschen untereinander regelrecht. Was für ein Irrsinn! Und das müssen wir ändern. Wir müssen erkennen, dass wollen wir uns selbst aus der Grube heraushelfen, in der wir stecken, wir das nur gemeinsam können.

Nicht das Virus ist das Problem, sondern wie wir darauf reagieren. Das macht uns vielleicht den Irrsinn unserer üblichen Lebensart bewusst. Doch um das zu lösen müssen wir wirklich aufhören, ständig nur gegeneinander zu argumentieren, sondern uns nebeneinander zu setzen und uns erst einmal zuhören. Denn es geht nicht um uns, sondern um die Gesellschaft, die wir (nur) alle gemeinsam gestalten.

Also reden wir miteinander. Aber ohne Geländer.