Der andere Blickwinkel

Will ich verstehen, was ich überhaupt sehe, muss ich mir bewusst sein, aus welcher Perspektive heraus ich es sehe. Das wurde mir mal wieder bewusst, als ich zwei Fotos sah, auf dem einen die Menschen dichtgedrängt, auf dem anderen weit auseinander stehend. Doch es war tatsächlich die identische Situation, nur aus einer anderen Perspektive mit einer anderen Kamera aufgenommen. Schauen Sie es sich einmal an, es ist wirklich frappierend! Doch es gibt noch einen anderen, einen weiteren Perspektivwechsel, der wesentlich fundamentaler ist. Er stellt regelrecht alles auf den Kopf. Doch das kann man sich nicht mehr anschauen, das kann man nur noch denken.

Es ist eine wirkliche Umkehr im Verständnis der Welt, denn nicht ich sehe die Welt, sondern ich denke die Welt, die ich zu sehen glaube, und das bedeutet, dass sich mir die Welt nicht zeigt, sondern nur ich kann sie wahrnehmen, also denken. Eine 180 Grad Kehrtwende. Ohne mein Denken existiert sie einfach nicht. Versteht man das, dann versteht man Einsteins Frage, ob der Mond da sei, wenn keiner hinschaut, oder warum sich Schrödinger Schrödingers Katze ausgedacht hat. „Sehe“ ich die Welt nicht mehr, sondern „denke“ ich sie, ist es eine ganz andere Welt, auch wenn sie scheinbar die Selbe ist. Doch erlauben Sie mir erst einmal, dass ich im Weiteren von einem „Ich“ ausgehe, das sieht oder denkt. gehe ich nämlich von einem „Ich“ aus, dann habe ich wenigstens einen festen Bezugspunkt. Auch wenn der vielleicht nur gedacht ist. Was gleichwohl erst einmal egal ist, denn es hilft mir, nicht gleich wieder einen gordischen Knoten in meinem Denken zu erzeugen.

Also gut, ich sehe die Welt nicht, sondern ich denke sie. Die interessante Frage ist, wie ich aus diesem explizitem Wissen implizites Wissen entstehen lassen kann. Ganz klar, ich muss mich darauf einlassen. Es ist wie bei den beiden oben erwähnten Bildern. Beide Perspektiven sind nachvollziehbar. Doch kommt es auf die Frage an, welche richtig ist? Oder geht es um etwas ganz anderes? Das denke ich nämlich. Es gibt ein gesellschaftliches Phänomen das dem sehr ähnelt, vielleicht sogar damit zusammenhängt. In Japan spricht man von Honne und Tatemae – vom wahren und vom öffentlichen Gesicht. In der japanischen Gesellschaft unterscheiden die Menschen streng zwischen ihren echten Gefühlen (Honne) und dem Bild, das sie in der Öffentlichkeit darstellen (Tatemae). In der westlichen Welt hingegen weicht die Abgrenzung zwischen privatem und öffentlichem Verhalten immer weiter auf, was man beispielsweise im Straßenverkehr wunderbar beobachten kann. Da wird etwa ganz selbstverständlich schnell noch über die Ampel gefahren, obwohl die „eigentlich“ schon längst rot ist. Und Fußwege sind doch auch für Radfahrer da, oder etwa nicht?

Honne kennzeichnet die wahren Emotionen, Wünsche und Träume der Menschen, während Tatemae (japanisch für Maskerade) das Verhalten in der Öffentlichkeit beschreibt. Das öffentliche Verhalten einer Person ist in Japan stark von Konventionen, Erwartungen seitens der Gesellschaft und der gesellschaftlichen Position geprägt. Dabei wird es von Erwachsenen erwartet, das schwierige Maskenspiel von Honne und Tatemae perfekt zu beherrschen. Und exakt so war es auch bei uns im „Westen“. Die Jugend der 68er hat zwar versucht, dem ein Ende zu bereiten, doch ohne wirklichen Erfolg, denn sie dachten im Wesentlichen wie alle dachten. Sie dachten nicht wirklich „anders“, sie nahmen nur die Probleme bewusster war. Übrigens bahnt sich eine Entsprechung der 68er gerade auch in der japanischen Gesellschaft an.

Sich den traditionellen gesellschaftlichen Regel einfach zu verweigern, sich aus der Öffentlichkeit zurückzuziehen und den realen Kontakt mit der Außenwelt auf ein Minimum zu reduzieren, das ist ja keine gute Lösung. Ein Phänomen, dass wir gleichwohl gerade massiv erleben. Statt sich in die Augen zu schauen, schaut man lieber ins Handy oder „begegnet“ sich auf SocialMedia-Plattformen. Das Prinzip von Honne und Tatemae ist keine spezifisch japanische Erscheinung, sondern charakterisierend für viele Gesellschaften auf der Welt. Doch warum ist das so? Eigentlich ziemlich einfach. Man erlebt sich selbst auf eine Art und Weise, die aber von der Gesellschaft nicht akzeptiert wird, weil das das gesellschaftliche Konstrukt in Frage stellen würde.

Das „Problem“ ist also, dass man einer Form, hier die gesellschaftliche Form des Miteinander, eine absolute Position zugewiesen hat, eine Position aber, die sie nie wirklich hatte und „eigentlich“ auch nie haben dürfte. Die Folge ist, dass diese Form damit ihren eigentlichen Nutzen verloren hat, nämlich der Menschheit zu dienen, vielmehr beherrscht regelrecht sie die Menschheit, die sich scheinbar nicht mehr bewusst ist, dass sie diese gesellschaftlichen Normen selbst definiert hat.. Betrachtet man einmal Gesellschaftsformen in der Tierwelt, so ist leicht zu erkennen, dass es zum Beispiel bei Affen verschiedenste gesellschaftliche Formen gibt. Vom Patriarchat über das Matriarchat bis hin zur freien Liebe der Bonobos ist wirklich alles vertreten. Ganz simpel eine Folge der ökologischen Rahmenbedingungen, jedoch keine direkte, sondern eine Folge der Selbstorganisation der jeweiligen Gruppe. Das könnte einen zu der Überlegung bringen, was bei den Menschen anders – oder schief gelaufen ist.

Warum leben wir in zwei Welten, obwohl es doch nur eine gibt? Das gilt es zu klären. Oder anders gefragt: Wie haben wir unsere Fähigkeit zur Selbstorganisation lahmgelegt?