Der Feind im Innen

Was aber, wenn es zwar so ist und doch ganz anders wäre? Kürzlich habe ich mich mit der Frage beschäftigt, die ja eigentlich gar keine Frage ist, sondern nur eine Feststellung, nämlich dass mein Körper keine Entität, also kein Ding an sich ist, sondern eine Community aus jeder Menge Zellen und noch einigem an anderem Getier. Und dann habe ich mir Gedanken darüber gemacht, wie eine Gruppe von Menschen sich zu meiner eigenen Community verhält, etwa die auf Facebook.

Wenn beides Communitys sind, dann müssten für beide ja eigentlich identische oder zumindest sehr ähnliche Regeln gelten. Beide sind nämlich in erster Linie Systeme. So weit, so gut. Was also wäre mit mir los, wenn meine Zellen wie manche auf FB verbal aufeinander einprügeln würden. Wie gesagt verbal, nicht tatsächlich. So etwas kannte ich von früher auch bei mir selbst. Ich hatte ständig Schnupfen, Migräne und Heuschnupfen vom Feinsten. Bis mir ein Arzt klarmachte, dass ich schlicht und einfach an Autoimmunerkrankungen litt. Also begann ich darüber nachzudenken, was ich mental so anstellte, dass die Toleranz meines Immunsystem gegenüber Stoffen des eigenen Körper gestört war, was zur Bildung von Antikörpern führte. Ich wurde krank, obwohl ich eigentlich gar nicht wirklich krank war. Es gab einfach keinen äußeren Grund, um ernsthaft krank zu sein. Es war mein eigenes Denken, das mich krank machte.

Es hat dann doch noch eine ganze Weile gedauert, bis ich dieses falsche Denken scheinbar in den Griff bekam, denn die Autoimmunerkrankungen wurden weniger und weniger. Ich schreibe bewusst scheinbar, denn wie ich anders denke, kann ich gar nicht genau sagen. Das ist das alte Problem mit Inhalt und Form. Ändert sich die Form, ändern sich auch die Inhalte. Eine Form läßt sich verdammt schwer beschreiben, eigentlich nur in Metaphern, ganz anders als die Inhalte. Aber die machen es eben nicht aus, das ist nur das Ergebnis, verantwortlich für die Änderung ist nun einmal die Form. Wie auch immer, scheinbar habe ich mit der Zeit meine Denk-Form zu ändern vermocht. Geholfen hat mir dabei definitiv der Satz von Ilse Kutschera, die immer sagte, dass jede Krankheit in der Psyche beginnt, der Gesamtheit des Fühlens, Empfindens und Denkens.

Wenn das für meine Körper-Community gilt, was ja tatsächlich so ist, dann gilt das möglicherweise auch für die Menschheits-Community. Sind also gesellschaftliche Krankheiten wie Rechtsradikalismus, Faschismus et cetera nichts anderes als Autoimmunerkrankungen? Was das ja keinen Deut besser macht, eher tragischer. Was, wenn das, was etwa ich persönlich als falsch erachte, nichts anderes wäre als ein „Problem“ des Fühlens, Empfindens und Denkens bei dem anderen? Und was er als falsch empfindet, könnte das nicht ein „Problem“ des Fühlens, Empfindens und Denkens bei mir sein? Das Einzige, das uns aus diesem scheinbaren Dilemma heraushilft, ist miteinander zu reden. Aber nicht einfach wie gewohnt, sondern in der richtigen Form. Dialogisch. Was keinesfalls bedeutet, zu allem Ja und Amen zu sagen, denn solche Erkrankungen können ganz schön schmerzhaft sein. Es ist die Frage, wie man sich dagegen wehrt. Ich bin da absolut für Aikido, die Kunst dem Angreifer aus dem Weg zu gehen und ihn ins Leere laufen zu lassen. Das hilft wesentlich mehr als mit ihm zu kämpfen.

Wie wurde ich meine Dauererkältung, meine Migräne und meinen Heuschnupfen los? Durch einen Mix aus Verständnis und konsequenter Haltung mir selbst gegenüber. Nur ist eine konsequente Haltung ohne gleichzeitiges Verständnis ein Rohrkrepierer. Verständnis ist der erste Schritt. Das habe ich in Strafverfahren gelernt. Wie oft habe ich da gesagt, dass ich verstehen kann, was jemand getan hat, damit aber nicht einverstanden bin. Das Verständnis schafft die Basis, auf der man miteinander reden und nach Lösungen suchen kann. Das ist der einzige Zugang, den ich zu dem Fühlen, Empfinden und zum Denken eines Anderen habe. Mit Verständnis beginnt es, ohne das bin ich nur ein Rechthaber. Doch wie in Strafverfahren brauche ich Regeln, an denen sich jeder orientieren sollte und auch letztlich muss. Aber haben Sie schon einmal darüber nachgedacht, nach welchen Denkregeln und Denkprinzipien Sie denken? Die eigenen Denkstrukturen zu definieren ist nämlich gar nicht so einfach. Am ehesten kann ich sie in der Art und Weise erkennen, wie ich mich verhalte. Und mein Verhalten lässt sich nicht nur in meinem Umgang mit anderen erkennen, sondern auch in der Art, wie ich meinen eigenen Lebensraum gestalte.

Da wird dann das Zusammenspiel von Form und Inhalt deutlich. Was man sehen kann, ist der Inhalt, mein Verhalten ist sozusagen das Stylesheet, das ähnlich wie ein Rezept vorgibt, wie man aus Äpfeln, Mehl, Zucker, Milch und Rosinen et cetera leckeren Apfelstrudel herstellen kann. Das Stylesheet oder Rezept ist nichts anderes als ein Multiplikator für die Idee „Apfelstrudel“. Bei Rezepten wissen wir, dass wir die so lange brauchen, bis wir es auswendig können und der Apfelstrudel auch so gelingt, bis wir das Rezept also intus haben. Exakt so ist es auch bei unserem Denken, nur dass uns da nicht immer bewusst ist, dass man eine bestimmte Denkweise auch üben kann und muss, soll sie dauerhaft verfügbar sein. Es ist nämlich ein Irrtum zu glauben, dass anders zu denken bedeutet, „nur“ die Gegenposition einnehmen zu müssen. Etwa wenn ich wütend bin, mich in Friedfertigkeit zu üben. Völliger Blödsinn. Es ist viel einfacher, mir meiner Wut in dem Moment, in dem ich wütend bin, wirklich bewusst zu sein und die Wut ganz genau zu betrachten. Dann verschwindet sie meist sehr schnell wieder.

Wenn also die Gestaltung meines Umfeldes mein Denken ausdrückt, brauche ich nichts anderes zu tun, als mein Umfeld ganz bewusst zu gestalten, aber nicht um Ordnung zu schaffen, sondern um mir meines Denkens bewusst zu werden und zu sein. Klingt einfach, ist einfach. Das Einzige, was dabei anstrengend sein mag, ist die notwendige Konsequenz und Beharrlichkeit aufzubringen. Doch das ist eigentlich nicht anstrengend, sondern die negativen Widerstände dagegen im Zaum zu halten. Da ist er dann wieder, der Feind in uns: Alte Gewohnheiten und Ansichten, die ein ganz spezifisches Verhalten bedingen. Je klarer ich aber meine gewollten Gewohnheiten und stimmigen Ansichten formuliere und zum Ausdruck bringe, einfach dadurch, dass sie sich in meinen Räumen widerspiegeln, desto sicherer kann ich sein, dass mit der Zeit auch die Inhalte entsprechend werden.

Wenn das bei meiner eigenen Community funktioniert, funktioniert das auch bei der Community der Menschheit. Aber ich darf dabei nicht vergessen, dass es ohne Verständnis nicht funktioniert.