Der Weg sollte das Ziel im Leben sein

Aber auch das Ziel kann der Weg sein und ist es auch für viele. Eine Frage der Perspektive und des Verständnisses. Die Frage ist also, wenn ich von ‚meinem Weg im Leben‘ spreche, spreche ich dann von etwas Vorgezeichnetem, einem Phänomen, einem Prozess oder etwas zu Gestaltendem?

Wie definiere ich mein Leben und damit letztlich mich selbst? In meiner Jugend wollte ich ein Lebensgefühl verwirklichen, in meiner Studienzeit kam die Vorstellung hinzu, was und wie ich sein werde, im Beruf stand im Vordergrund, was ich erreichen kann und erst spät tauchte die eigentliche Frage auf, die Frage danach, wie ich bin und nicht was ich bin.

Der Weg, den ich im Leben gehe, ist definitiv nicht statisch. Was ich dabei erreichen will, hängt nie alleine von mir ab, es ist ein oft sehr komplexes Gesamt(kunst)werk. Je genauer ich weiß, was ich will, desto unflexibler werde ich, desto weniger kann ich mich auf die Situation einlassen, wie sie ist und umso mehr suche ich mich durchzusetzen, koste es, was es wolle. Das ist zwar gut für mein Ego, ansonsten aber kontraproduktiv.

Was aber ist die Alternative? Die Dinge einfach geschehen zu lassen, wie sie eben geschehen, das kann es ja nicht sein. Wenn jedoch mein Weg das Ziel in meinem Leben ist, dann schaue ich vor allem darauf, wie ich bin, wie ich mich also verhalte. Das aktiviert etwas, über das ich keine Kontrolle habe, was aber gleichwohl wirkt. Ich muss es nur zulassen können. Mein Verhalten definiert mein Image, und dem entsprechend verhalten sich andere mir gegenüber.

Will ich jedoch mein Image bewusst anders gestalten, als ich tatsächlich bin, dann kommt das auch beim anderen an und er wird schneller auf Distanz gehen. Es geht darum, mein Verhalten bewusst zu gestalten, doch ohne die Spur einer egoistischen Absicht. Egoismus ist genau das, was ich zu vermeiden suchen sollte, denn die Welt ist ein Ausdruck der Gemeinschaft alles Existierenden, und zwar ausnahmslos. Das ist so, auch wenn viele Menschen das leider noch nicht so sehen und immer noch an den Unsinn des ‚Survival of the Fittest‘ glauben, einer Fehlinterpretation von Darwins Evolutionstheorie.

Ko-existenz und Ko-evolution, das sind die Vorgaben für erfolgreiches Leben. Ein Erfolg ist es eben nur dann, wenn es für alle ein Erfolg ist. Und exakt diese Haltung sollte und muss letztlich meine Haltung sein, doch ohne den anderen bemuttern zu wollen. Es geht dabei weniger um ein altruistisches verhalten, dass verschiedenste Gründe haben kann, sondern um ein sehr bewusstes Verhalten, dass nicht (mehr) von einem Ich-Denken geprägt ist.

Meine Haltung definiert, wie ich mich zu Menschen wie zu Tieren, Pflanzen und auch Unbelebtem in Beziehung setze – und umgekehrt. So wie die richtige Atmung nur aus einer korrekten körperlichen Haltung entstehen kann, so ist es auch mit meinen Gedanken, nur geht es da um die geistige Haltung. Doch die entscheidende Frage ist, ‚Was ist überhaupt korrekt?‘ Das zu erkennen bedeutet wohl, sich erst einmal von den inneren Bilder, den Gedanken, den mentalen Gebilden, die aus dem Unterbewussten auftauchen, zu lösen, was eine spezifische Haltung von Konzentration und Versenkung voraussetzt.

Dabei liegt auf der Hand, dass meine Umgebung dabei eine wesentliche Rolle spielt. Je klarer die ist, desto klarer kann ich selbst sein. Sobald ich nicht meinen Gedanken folge, dabei  konzentriert bleibe und nicht wegdämmere, erscheint das Bewusstsein jenseits des Denkens und des Nichtdenkens. Das ist die Rückkehr zum ursprünglichen Geisteszustand. Wie „heißt es doch im Zen: „Wenn in der Stille jedes Wort vergessen ist, erscheint es vor euch mit Klarheit.“ Dieses ‚es‘ ist die Wirklichkeit meines eigenen Lebens in Einheit mit dem ganzen Universum.

Ohne zu versuchen, irgend eine Wahrheit zu erreichen noch die Illusionen abzuschneiden, ohne zu fliehen noch etwas zu verfolgen, was auch immer es sei. So beruhigt sich das dualistische Bewusstsein. Man lernt sich selbst kennen und sich mit der wahren Natur seiner Existenz zu harmonisieren. Eine große innere Freiheit verwirklicht sich. Doch das ist kein Ziel, dass man erreichen könnte, es ist eine Lebensaufgabe!