Dialog über Wirklichkeiten

Mit dem Titel will ich zum Ausdruck bringen, dass zwei Menschen einfach nicht die selbe Wirklichkeit wahrnehmen können. Auch mit Wahrheiten ist das so, was der eine für wahr hält muss der andere noch lange nicht so sehen.

Wenn zwei Menschen das selbe Faktum sehen oder hören, nehmen sie oft etwas sehr Unterschiedliches wahr. Sie können dies bis hin zu vollkommen entgegengesetzt verstehen. Das ist so, weil wir Fakten nicht ohne Interpretation wahrnehmen. Geht einfach nicht. Das Gefühl, also die persönliche Interpretation, ist immer mit dabei, was jedoch keineswegs bedeutet, seinen Gefühlen blind zu vertrauen. Denn unsere Gefühle entstehen ja nicht aus sich selbst heraus, sondern sie sind ein Prozess, bei dem unser Wissen und unsere bisherigen Erfahrungen, also die bisherigen Interpretationen unserer Wahrnehmungen, eine zentrale Rolle spielen. Was aber nicht bedeutet, dass unsere Gefühle der Wahrheit entsprechen müssen, denn sie sind nur für uns selbst wahr – aber eben nicht absolut. Das Wissen, über das wir im Moment der Entstehung eines Gefühls verfügen, prägt dieses Gefühl, auch wenn das Wissen nicht korrekt ist. Was ja leider sehr oft vorkommt.

Doch darüber zu reden oder gar zu streiten ist müßig, bringt absolut nichts; jeder muss ganz für sich selbst sehen, was er erkennt. Das ist die eigentliche Herausforderung, nämlich zu merken, wann man beurteilt. Den anderen darüber belehren zu wollen ist müßig, es sei denn natürlich, er möchte etwas von einem lernen. Es gibt also nicht die eine, feststellbare Wahrheit, sondern nur Fakten, die wir ganz offensichtlich unterschiedlich verstehen und interpretieren. Nur was folgt daraus? Man muss sich frei machen von der Meinung des anderen und seine eigenen Ansichten und Überzeugungen selbst erkennen – frei von jeglichen Beurteilungen, egal ob eigene oder fremde. Ich habe aus der Beobachtung über meinen Umgang mit dem Verhalten anderer gelernt, wie ich mit mir selbst umgehen muss. Auch wenn es Schreckliches ist, darf ich den anderen nicht anklagen, also auch mich nicht, denn es geht gerade nicht darum, anzuklagen, sondern darum sehen, was ist und was war. Das Anklagen verhindert das Sehen und macht es absolut nicht besser. Es hingegen nur zu sehen, ohne Bewertung,  bringt einen einer möglichen Lösung näher. Was man nicht in Worte fassen kann, darf man auch nicht in Worte zu fassen suchen.

Darum kann es schwierig sein, mit jemandem zu kommunizieren, der die Haltung des „Nur-Sehens“ nicht genauso pflegt wie man selbst. Es geht darum, dass man zu einer gemeinsamen Haltung findet, wie sie beispielsweise im Bushido beschrieben ist. Allein diese äußere Form ist der Garant dafür, dass man die Dinge gleich oder zumindest ähnlich „versteht“, die einem im Leben begegnen oder über die man gerade miteinander sprechen möchte. Nur ist es dazu absolut notwendig, „anders“ denken zu lernen. Wir können nur dann überhaupt ernsthaft über „Wirklichkeiten“ reden, wenn wir ein einigermaßen stimmiges und auch noch einigermaßen übereinstimmendes Verständnis davon haben was „Wirklichkeit“ überhaupt ist. Wie beziehungsweise woran kann ich überhaupt lernen, was Wirklichkeit wirklich ist – und mir dabei auch sicher sein, dass das stimmt? Ich finde, es beginnt damit, dass ich das, was ich von einem anderen höre oder lese im ersten Schritt wirklich verstehen muss, so dass der andere mich angrinst und sagt „Genau, jetzt hast Du es begriffen!“ – und nicht nur glaube, dass ich es verstanden hätte. Dann beginnt erst die eigentliche Arbeit, denn dann muss ich das Gehörte oder Gelesene unabhängig von meiner eigenen Meinung verifizieren.

Also nicht einfach glauben, was mir mein Verstand so erzählt. Vielmehr muss ich mich auf meine eigene Erfahrung verlassen können. Das ist der eigentliche Realitätstest, der Wahrheitstest. Dafür muss ich, wie Rupert Spira in „Bewusstsein ist alles“ sagt, für diese Untersuchung so unbefangen sein wie ein Kind und so aufrichtig wie ein Wissenschaftler. Bei dieser „Untersuchung“ geht es um die eigene Erfahrung, die man so unbefangen annehmen muss, eben wie ein kleines Kind, aber so aufrichtig, dass wir bei unserer momentanen Erfahrung bleiben und zwischen dem unterscheiden, was wir glauben zu erfahren, und dem, was wir tatsächlich erfahren. Das bedeutet nämlich, mich ohne ein „Ich“ zu erfahren. Wenn das mal keine Herausforderung ist! Denn mich in den mentalen Zustand eines Kleinkindes zu versetzen verlangt, zumindest zu Beginn, mein eigenes Verstandesdenken bewusst (!) zum Kollabieren zu bringen. Das gelingt am einfachsten, indem ich mich in eine Situation bringe, in der ich nicht mehr nachdenken kann. Gelingt am direktesten beim Motorradfahren, in den Kurven. Da hat der Verstand Sendepause. Und wenn er sich doch mal wieder einmischt, dann habe ich ein Problem und kann nur hoffen, dass nichts passiert. Und genau deshalb sage ich auch immer, dass ich meditieren gehe, wenn ich mit dem Moped losfahre, denn zu meditieren heißt, über absolut nichts mehr nachzudenken, beziehungsweise nachdenken zu können, egal was um mich herum passiert.

Meditation und die damit zusammenhängende Geisteshaltung, die dem Denken durch Nicht-Denken zwingend vorausgeht, hat jedoch ein „Problem“, denn sie wird zu sehr mit östlichem Denken assoziiert; Meditation als Geisteshaltung kannten wir in unserer Kultur zwar auch in der Mystik, doch sie hat nie einen ernst zu nehmenden gesellschaftlichen Stellenwert gehabt. Die Praxis der Mystik wurde einfach nicht gelebt, außer in Ausnahmefällen, aber es war nie ein gesellschaftliches Thema. Wird heute von Meditation gesprochen, ist tatsächlich meist nur von einer auf unsere Lebensbedingungen angepassten Variante die Rede, so wie viele auch mit Begeisterung Karate oder Aikido praktizieren, dabei eine Geisteshaltung haben, die nichts mit dem zu tun hat, was die Gründer von Karate oder Aikido damit im Sinn hatten. Würden die das hören, was viele heute denken, würden sie wohl nur die Augen verdrehen oder wie der kleine Buddha in unserem Wohnzimmer gleich die Hände vor die Augen schlagen. Die asiatischen Kampfkünste haben ja gerade nicht  das Kämpfen im Visier. Die Kunst liegt nicht im Kämpfen, sondern im Überwinden des Kämpfen-Wollens. In einer Kampfkunst gut zu sein heißt eben noch lange nicht, auch den inneren Weg zu gehen. Entscheidend ist das gedanklich- philosophische Fundament, von dem aus ich denke und das ich lebe.

Das entscheidet nur vordergründig was ich tue, denn es entscheidet, was ich überhaupt als Wirklichkeit erkenne. Und allein darum geht es, denn das bestimmt, was ich tun werde.