Die Falle der irreführenden Vorlieben

Man muss seine Vorlieben erkennen, sonst wird man sie nicht los. In einem Blog-Beitrag habe ich einmal darüber nachgedacht, warum der Mensch ignoriert, dass eine globale Katastrophe auf ihn zukommt, obwohl er es doch eigentlich weiß. Das erinnerte ich mich an Hans-Peter Dürrs Satz, dass wir mehr erleben, als wir begreifen. Aber ist das immer zutreffend? Ich habe in einem Beitrag geschrieben, dass der Mensch zwar um die uns drohende Katastrophe weiß, aber er erlebt es nicht. Ein Widerspruch zu Dürrs Aussage?

Keineswegs! Etwas zu wissen bedeutet noch lange nicht, es auch begriffen zu haben. Jedenfalls denke ich das. Überall begegnet einem dieser scheinbare Widerspruch. Ich erlebe es selbst permanent. Ich weiß ganz klar, dass ich etwas tun sollte, was, das verrate ich jetzt nicht, aber ich tue es einfach nicht. Lieber ärgere mich über mich selbst, wenn mir mal wieder bewusst wird, es nicht getan zu haben. Da helfe ich mir erst einmal mit einem sprachlichen Trick: Ich differenziere zwischen „implizitem“ und „explizitem“ Wissen. Implizites Wissen zu haben bedeutet nämlich nicht zwingend, dass ich es auch erklären könnte. Implizitem Wissen muss also kein explizites Wissen gegenüberstehen. Wenn ich das so sehe, dann stimmt der Satz von Dürr ganz klar.

Die Schwierigkeit umzusetzen, was wir „eigentlich“ wissen.

Andererseits setze ich explizites Wissen immer wieder nicht um, handle also wider besseres Wissen. Warum tue ich das? Ganz einfach, weil mein explizites Wissen im inneren Konflikt zu etwas anderem steht, einem anderen, impliziten Wollen, zu einer mir nicht bewussten Absicht, die mich daran hindert zu tun, was ich idealer- und logischerweise tun sollte. Das ist ein oft schleichender Prozess. Ich will versuchen, das deutlich zu machen. Als ich meine jetzige Frau geheiratet habe, war ich ziemlich schlank. Doch ganz allmählich nahm ich zu und zu und zu, bis ich richtig dick geworden war. Damit keine Missverständnisse auftreten: Meine Frau war nicht der Grund! Ich wusste zwar, dass ich viel zu viel wog, aber ich erlebte es nicht wirklich, obwohl es doch offensichtlich war! Ich kann nicht sagen, ob ich es ignorierte oder verdrängte; jedenfalls war mir der innere Konflikt nicht bewusst. Irgendwann stellte ich dann selbst fest, dass ich fett geworden war – und nahm ab.

Aber das war noch nicht die Lösung, denn noch immer kämpfe ich darum, mein Gewicht zu halten. Das erinnert mich an ein Gespräch mit Frau Professor Engel aus Erlangen. Sie hielt einen Vortrag über Kriegskinder – Kriegsenkel. In einem späteren Telefonat ging es um die Frage, wie man aus falschem Denken überhaupt herauskommt. Denn zu wissen, was die eigenen Vorfahren im Krieg gemacht haben, lässt mich ja noch lange nicht in meinem Sinn korrekt zu handeln, denn ich weiß ja nicht, wie deren Taten mein eigenes Denken und damit mein Handeln beeinflussen. Dazu müsste ich erst einmal den ganzen Eltern-Kind-Knoten aufdröseln, also nicht nur wissen, sondern wirklich begreifen können. Ein schwieriges Unterfangen. Kostet eine Menge Selbstüberwindung und auch eine Menge Wissen um die Dynamik zwischen Eltern und Kindern. Und selbst wenn ich es weiß, bedeutet das nicht, dass ich dieses Wissen auch zu implizitem Wissen gemacht habe und entsprechend handele. Ich sitze also erst einmal in der Falle, der Falle meiner eigenen unbewussten Absichten. Doch es gibt einen Ausweg, und Frau Engel hat mir insoweit zugestimmt.

Eine andere Kultur ist notwendig 

Ich komme nämlich ganz einfach heraus, wenn ich eine andere Kultur lebe; aber eine wirklich andere. Die Art und Weise, wie ich lebe, entspricht ja meiner ganz persönlichen Kultur, die ich jedoch keineswegs vollkommen eigenständig definieren könnte, sondern die sich aus meinem (implizitem!) Wissen, meinen Ansichten, meinen Absichten und vor allem dem Beziehungsnetz ergibt, in dem ich lebe. Und da ist es nicht so einfach herauszukommen. Meine Beziehungen thronen regelrecht über allem, ohne die geht nichts, es sei denn, ich bin bereit, sie in Frage zu stellen. Meine Familienkultur hat sich in Bezug auf meine Eltern und auch in Bezug auf meinen Bruder komplett geändert, seit ich die Dynamik zwischen uns erkannt habe. Hat lange gedauert, aber immerhin. Es fing mit dem Infrage-Stellen der Handlungen  bis hin zur Ablehnung meiner Eltern an, doch da ich dieser Beziehung nicht entkommen konnte, habe ich diese letztlich neu organisiert und meine Eltern, so wie sie eben waren, akzeptiert. Dass ich mich dabei selbst auch verändert habe, liegt auf der Hand. Es war eine innere Generalsanierung, was meine Herkunftsfamilie betrifft. Doch weil mich das selbst (und nicht die anderen!) in Frage gestellt hat, brauchte ich dazu Mut. Dazu schreibe ich ein anderes Mal noch etwas.

Und vielleicht ist ja genau diese Dynamik von Beziehungen, egal um welche Art von Beziehung es sich handelt, eine ganz grundlegende für uns? Sozusagen ein Kultur-Problem? Kultur bezeichnet ja im weitesten Sinne alles, was der Mensch selbst gestaltend hervorbringt – im Unterschied zu der von ihm nicht geschaffenen, unveränderten Natur. Bin ich selbst, also wie ich mich verhalte, wie ich bin, und so weiter und so fort, bin ich also in all dem nur mein eigenes Kulturergebnis? Gestern habe ich einen Text geschrieben über konstruktives und destruktives Denken. Ich denke lieber konstruktiv, denn das bringt mich weiter. Ein ganz klares Element meiner persönlichen Kultur. Aber es war zum einen nicht so ohne weiteres zu erreichen, denn ich musste erst einmal bereit sein, anders zu denken, zum anderen erwische ich mich noch immer dabei, dass ich mich gerade wieder einmal in destruktivem Denken übe. Also wenn Sie mir versprechen, es nicht weiter zu erzählen: Ich bin nicht der Ordentlichste und lasse Sachen gerne auch mal herumliegen. Das hat zwei Aspekte: Zum einen stört es mich selbst. Zum anderen steht dahinter eine unbewusste Absicht. Ich sabotiere mich ganz klar selbst. Was jetzt nicht bedeutet, ins Internet zu schauen und einen von diesen Tests zu machen oder mich gar mit mir selbst zu versöhnen. Das brauche ich nicht, ich höre einfach damit auf, mich dafür anzuklagen. Aber lösen will ich es.

Das Phantom erkennen, das dagegen steht

Dafür muss ich ganz offensichtlich gar nicht wissen, was die dagegen stehende Absicht ist. Ich muss sie nicht unterdrücken, sondern nur konsequent tun, was ich „eigentlich“ tun will und genau wahrzunehmen, was da so in mir köchelt. Denn zu denken ist ja kein bewusster Prozess, auch wenn viele das noch glauben! 

Dazu eine Geschichte, die ich bei Wilhelm Klingholz gelesen habe: „Der heilige Bonifatius befand sich auf einer Missionsreise. Um die zum Großteil noch nicht zum Christentum bekehrten Chatten zu überzeugen, suchte er die Ohnmacht der altgermanischen Götter zu beweisen und ließ im Jahre 723 unter dem Schutz fränkischer Soldaten und in Gegenwart zahlreicher Chatten, die Eiche fällen, die eines der wichtigsten germanischen Heiligtümer war.“ Und was passierte dann? Nichts! Er hatte ganz einfach ein Phantom entlarvt. Kluger Mann, doch dummerweise hat er dann selbst Phantome, christliche Phantome, definiert. Genauso geht es mir bei meinem Nicht-ordentlich-Sein. Das, was mich hindert, ist ein Phantom. Und genau diesem Phantom huldige ich mit meiner Kultur des Nicht-Aufräumens. Die Frage ist also: Gibt es einen logischen Grund, unordentlich zu sein? Oder zu viel essen zu wollen? Nein, gibt es nicht! Was nichts anderes heißt, als dass ich einem Phantom hinterherrenne. Nein, nicht hinterherrenne, ich huldige ihm so, wie ich als Kind, Jugendlicher und auch noch als Erwachsener den falschen Göttern gehuldigt habe. Wie sagt doch Arno Gruen? „Falsche Götter sind beides: Erzeugnis wie auch Erzeuger einer vergeblichen Suche nach einer Identität, die uns rettet. Solange wir uns der uns umgebenden Lieblosigkeit nicht wirklich stellen, werden wir zu keiner eigenen, in uns ruhenden Identität gelangen.“ Nur muss ich aufpassen, dass ich das alte Phantom nicht mit einem neuen Phantom auszutreiben versuche.

Also Vorsicht bei der Lösungssuche! Ich darf das vermeintliche Problem nicht zu kompensieren suchen. Wenn ich ein Problem mit Wut hätte, dann macht es mich nur scheinheilig, wenn ich mich zu beherrschen suchte. Die Lösung für die Wut liegt in der Wut selbst und in nichts anderem. Also nichts mit Ausgleich. Doch mit diesem Wissen ist die Geschichte leider noch nicht zu Ende. Denn ganz klar lässt mich explizites Wissen nicht ohne weiteres stimmig handeln. Was also muss ich tun? Bei dieser Frage greife ich gerne auf eine Situation zurück, wo ich schon einmal ganz bewusst aus explizitem Wissen implizites generieren konnte. Nämlich beim Motorradfahren. Was war der Trick? Ich hatte einen klaren Feedbackgeber, nämlich mein Fahren. Das sagt mir ohne wenn und aber, ob es passt oder eben nicht. Doch um diesen Feedbackgeber kalibrieren zu können, musste ich einen Anspruch an mich selbst definieren. Ich wollte auf eine bestimmte Art und Weise fahren, ich hatte also eine Vorstellung von meiner Fahrkultur. Erst einmal nur implizit, explizit wurde sie mir erst im Nachdenken bewusst. Und genauso mache ich es auch bei diesem Phantom, das mich daran hindert, wirklich ordentlich zu sein. Ich generiere eine eindeutige Vorstellung von dem, was richtig ist, was aber kein Jota Spielraum für falsche Vorlieben lässt.

Die Crux der falschen Vorlieben

Und das ist die wirkliche Kröte. Ich muss meine falschen Vorlieben herausnehmen. Ich habe lange hin und her überlegt, ob ich mir ein neues Motorrad kaufen sollte. Bis ich begriff, dass ich wieder einmal einem Phantom hinterherrannte. Ich wollte etwas erreichen, was aber nur eine Illusion zufriedenstellen konnte. Doch wäre die dann erledigt gewesen? Sicher nicht! Woran aber erkenne ich, dass etwas, was ich tue, nicht stimmig ist? Ganz einfach, mein Denken ist fragmentiert. Ich trenne mich auf in den, der ich bin und der vollkommen zufrieden mit seinem Motorrad ist, und den, der ich glaube sein zu sollen, um den Vorstellungen anderer zu genügen. Solange ich mir selbst nicht genug bin und mich an den Vorstellungen anderer orientiere, fragmentiere ich mich selbst. Und schon sitze ich in der, na ja, Grube. Was also ist der wirkliche Grund für meine Vorlieben?

Etwas sein oder haben zu wollen, was ich nicht bin oder nicht habe.