Die Form ist entscheidend, nicht der Inhalt

Der natürlich auch, nur habe ich auf ihn keinen unmittelbaren Einfluß, da er konsequent der Form folgt und automatisch geschieht. Entscheidend ist also die Form, nach der ich lebe.

Was macht nun meine Form aus? Dies ist nicht etwa die Art, wie ich mich anziehe, sondern es ist die dahinterstehende Ideologie, die mich etwas anziehen lässt. Entscheidend ist nicht, dass ich nur geputzte Schuhe trage, wirklich entscheidend ist, weshalb meine Schuhe immer geputzt sind. Oder eben nicht.

Es ist die Ideologie ‚dahinter‘, auf die es ankommt, die inneren Ansichten, Einstellungen und Überzeugungen. Ich kenne aus meinem Beruf (Jurist) einige, ich möchte sagen, ungehobelte Menschen, die absolut ok waren und einige, die zwar perfekte Manieren hatte, aber herzlos ohne Ende waren oder sind.

Ich hatte einmal in einer Scheidungs-Mediation eine sehr kluge, gebildete und wirklich zuvorkommende, sehr höfliche Frau als Klientin, die am Ende einräumte, dass sie wollte, dass ihr Mann mit den Füßen voran das Haus verlässt. Das habe ich nicht nur einmal erlebt, sondern öfters; der blanke Haß auf den bisherigen Partner.

Was ich oft nicht glauben mochte, dass jemand so denkt und das bei dem sonstigen Verhalten auch nie vermutet hätte, das habe ich sehr oft erlebt. Dahinter steht immer eine Ideologie, die oft sehr schwer zu fassen ist. Umso wichtiger ist es mir selbst über meine eigene Lebensideologie klar zu werden. Wie bei der Klientin in der Mediation kostet es oft Überwindung, sich seine wirklichen Ansichten einzugestehen, einfach weil man nicht wahrhaben will, dass man selbst so denkt. Doch nur das macht den Weg frei für das, was ansteht.

Dass jemand ‚gute Dinge‘ tut, freundlich und höflich ist, sich an gesellschaftliche Gepflogenheiten hält, all das kann sehr schnell den Blick darauf verstellen, welcher Ideologie derjenige (oder man selbst) überhaupt folgt. Das Schlimme ist, wenn man dabei nur das tut, was viele genauso tun; das macht es wesentlich schwieriger, sich selbst zu durchschauen.

Im Nationalsozialismus waren die Bereitschaft des Dienens, des Verzichts auf persönliche Vorteile, die große Entschlossenheit etc. aufgerufen – alles gute Dinge – doch sie waren in den Dienst einer vernichtenden rassistischen Ideologie gestellt, die von Abermillionen mitgetragen wurde. Es ist wichtig, dass man das Ganze sieht und vor allem, dass das ‚Gute‘ nicht mehr gut ist, wenn es in den Dienst einer solchen Ideologie gestellt wird.

Das erklärt, warum der Lagerleiter von Auschwitz, Rudolf Höß, seinen Kindern ein liebevoller Vater und gleichzeitig ein grausamer Massenmörder sein konnte. Wir Menschen können scheinbar ganz offensichtlich zwei Gesichter haben, was man bei sich selbst selten wahrzunehmen bereit ist. Doch es ist fatal, nur das eine davon zu sehen. Sieht man nur das Gute, kann man die wahre Ideologie nicht sehen. Und sieht man nur das Böse, dann nimmt man nicht wahr, welche Ideologie sich hinter einer ‚guten‘ Fassade verbergen kann.

Es ist unsere Tendenz, alles in ‚gut‘ oder ‚böse‘ zu trennen, die so leicht verhindert, dass man das Ganze sieht, vor allen Dingen bei sich selbst. Kürzlich habe ich einen Film über die ‚Reichsuniversität Straßburg’ angeschaut, in dem auch die Tochter von Johannes Stein, dem Dekan der Medizinischen Fakultät, und andere zu Wort kamen, die damals kleine Kinder waren. Sie hatten auch Jahre danach meist nur den liebevollen Vater im Blick, nicht aber das Grausame, was er tat.

Schaut man genau hin, dann merkt man manchmal, dass man einer sehr ähnlichen Ideologie wie diejenigen folgt, gegen die man ‚eigentlich‘ ist. Ich habe das in meinem Beruf, in der Wirtschaft und in der Politik immer wieder erlebt, aber nicht nur da, sondern gerade auch in meinem eigenen Verhalten. Bewusst wurde es mir jedoch erst, als ich nicht mehr aktiv tätig war, die Dinge und vor allem mich selbst sozusagen aus der Distanz betrachten konnte.

Ich war immer absolut davon überzeugt, das Richtige zu tun. Wie mein Vater auch, der im Dritten Reich ‚aktiv‘ war. Es war die Ideologie des ‚Recht-Habens‘, der wir beide folgten, wenn auch auf sehr unterschiedlichen Wegen. Es war immer die innere Form, also meine Ideologie, die mich handeln ließ, wie ich eben handelte. Doch die war mir selten wirklich bewusst, vielleicht auch deshalb, weil ich als Anwalt und auch in der Politik eine Menge Menschen hinter mir wusste.

Anerkennung verhindert regelmäßig, dass man sich mit seiner (ich mich mit meiner) eigenen Form wirklich konfrontiert, es ist, als hätte ich einen Nebelwerfer angestellt, der meine Wahrnehmung wie in Watte gepackt hat. Der Nebelwerfer war zu glauben, ich hätte recht. Und diese Ideologie verfolge ich solange, solange ich das Verhalten der Menschen in ‚richtig‘ und ‚falsch‘ trenne. Für mich gibt es ganz klar ein ‚richtig‘ und ein ‚falsch‘. Sobald ein zweiter dazukommt gilt das jedoch nicht mehr, denn dann ist das gemeinsame ‚Richtig‘ oder ‚Falsch‘ auch miteinander zu definieren, und zwar im Dialog.

Suche ich das auf eine andere Weise zu klären, bleibe ich in der Trennung stecken. Vielleicht fragt sich der eine oder andere, ob ‚Dialog‘ eine solche Form sein kann. Mittlerweile weiß ich (für mich), dass es so ist. Wir wissen, dass ‚Beziehung‘ mehr als nur etwas Gelegentliches oder ein gesellschaftlicher Aspekt unter vielen ist, es ist die grundlegende Basis des Lebens.

Eine Beziehung lässt sich ausschließlich durch einen Dialog frei gestalten, alles andere ist der Versuch, zu dominieren, Recht zu haben und zu behalten. Daher ist der Dialog die einzige Lebensform, die es gibt. Auch die freilebende Katze und eine Maus stehen im Dialog miteinander, nur fällt uns das oft sehr schwer zu sehen, denn scheinbar ist die Katze der Feind einer Maus. Doch das ist nicht so, die Katze frisst die Maus nur, wenn sie Hunger hat. Keine Feindschaft, sondern eine innere Notwendigkeit des Lebens.

Wir Menschen leben kaum noch mit einem natürlichen Verständnis für das Leben wie etwa ein Tier, sondern haben uns umgeben mit den Produkten unseres Denkens, mit Ritualen und Symbolen, vor allem aber mit Ansichten und Überzeugungen, die sehr oft nicht mit der Wirklichkeit übereinstimmen, wie sie tatsächlich ist. Doch meist bemerken wir das erst wieder, wenn wir uns ernsthaft auf einen Dialog einlassen.