Die Gesellschaft ist in Bewegung geraten

Doch wohin wird sie sich bewegen? Das ist die noch offene Frage. Es wird davon abhängen, ob und in welche Richtung sich der Einzelne bewegt; schließlich bewegt sich ja eine Gesellschaft nur scheinbar, tatsächlich tut es der Einzelne mit allen anderen zusammen. Wie bei einem Vogelschwarm. Gesellschaft ist ja nichts anderes als das Bild, das wir von dem Verhalten der Menge der Einzelnen sehen oder zu sehen glauben.

Zuerst etwas vorneweg: Es ist wirklich traurig und wie ich finde auch erschütternd, dass wir Menschen scheinbar eine solche Krise wie die durch das Corona-Virus ausgelöste brauchen, um uns einmal Gedanken über unser eigenes Verhalten zu machen. Aber so ist es nun einmal, also versuchen wir das Beste daraus zu machen.

Entscheidend ist nämlich nicht, was die Gesellschaft macht, die macht nämlich absolut gar nichts, sondern was der Einzelne tut. Das wird leider in den Gesprächen und Diskussionen immer wieder übersehen. Und es ist müßig, anderen etwas nahe bringen zu wollen, wenn man dafür nicht mit seinem eigenen Tun einsteht. Und auch was unsere Politiker und Wirtschaftsführer tun ist letztlich zweitrangig, denn die bewirken ja nichts unmittelbar, wenn die Menschen nicht mitmachen oder sich dem unterwerfen.

Wie auch immer. Und zu jammern, dass man selbst doch nichts bewirken könne, das empfinde ich immer wie eine geistig-mentale Selbstkastration. Oder zu befürchten, dass ‚die da oben‘ etwas mit uns anstellen würden, das glaube ich nicht, denn es gibt das Internet. Wenn ich so lese, was da über unsere Regierung geschrieben wird, da denke ich, die würden ganz anders reagieren, wenn wir in einem wirklich totalitären System leben würden. Was in der Welt so passiert, das lässt sich bei uns nicht mehr verheimlichen. Nur warum es vielfach hingenommen wird, das ist eine ganz andere Frage. Aber eine sehr interessante, die definitiv auf die gesellschaftliche Agenda gehört.

Also sollten wir und müssten uns eigentlich fragen, wie wir uns in Zukunft organisieren wollen. Wieder zurück zu Vor-Corona-Zeiten, wenn alles vorbei ist, das halte ich für die absolut schlechteste Variante. Vielleicht denkt der eine oder andere mal über den Nutzen eines SUV nach, wenn der nur noch in der Garage herumsteht. Eine gute Gelegenheit sich ganz ernsthaft zu fragen, was einem selbst wirklich wichtig ist. Der Vergleich ist vielleicht ein wenig makaber, aber ich hatte kürzlich auch Gelegenheit dazu, als ich nämlich einem Schlaganfall gerade mal so entkommen bin und mit einer ordentlichen Carotisstenose im Krankenhaus lag.

Das hat mich verändert, ich bin noch nachdenklicher geworden, was ich mit der Zeit anfangen will, die mir mit bald 70 vielleicht noch zu leben bleibt. Mit anderen Worten, ich habe mich gefragt, ob ich weiter so leben will wie bisher. Und diese Frage stellen sich anlässlich der aktuellen Krise vielleicht auch einige andere. Auffallend ist für mich, dass so sehr viele gleich nach dem Staat rufen, wenn es wirtschaftlich eng wird. Ist das jetzt der Ruf nach Mamas Brust, die einen nähren möge, oder ist das Ausdruck einer wirklichen Solidargemeinschaft? Ich habe da doch die Befürchtung, dass es hier wohl doch eher um die Frage nach der Eigenverantwortung des Einzelnen geht.

Ja, es stellen sich uns gerade eine Menge Fragen. Wie soll es weitergehen – und nicht wie wird es weitergehen. Das ist die Frage. Doch eines darf dabei nicht übersehen werden: Das ‚Problem‘ ist nicht das Corona-Virus, das hat es nur ausgelöst. Doch wie hat Albert Einstein einmal ganz richtig gesagt? „Probleme kann man niemals mit derselben Denkweise lösen, durch die sie entstanden sind.“ Nur was bedeutet das aktuell für die Menschen unserer Gesellschaft?

Es hat sich ja mittlerweile ein Stück weit herumgesprochen, dass das übliche Denken viele Menschen dazu verleitet, die Welt auf eine Art und Weise zu sehen, wie sie aber tatsächlich nicht ist. Wir Menschen sind nun einmal Natur. Doch wie kann ich mich selbst stimmig wahrnehmen, wenn ich die Natur nicht korrekt interpretiere? Was ist, wenn ich die Welt schlicht und einfach nur reduziert sehe, nur einen kleinen Ausschnitt davon wahrnehme, aber das Wesentliche und vielleicht Eigentliche ausblende?

Viele gehen ja ganz selbstverständlich davon aus, dass man die Welt in Subjekte und Objekte differenzieren kann. Doch das stimmt nun einmal leider nicht, wie in dem Artikel ‚Warum die Physik die Psyche nicht erklären kann‘ von Robert Harsieber recht gut beschrieben ist. Man darf sich nicht davon ablenken lassen, dass es nicht so leicht zu verstehen ist. Eigentlich ist es überhaupt (noch) nicht wirklich zu verstehen, doch das ist absolut kein Grund, es zu ignorieren. Das wäre absolut fatal.

Es ist wirklich an der Zeit, sich einmal sehr, sehr grundsätzliche Gedanken zu machen. Nicht über die Gesellschaft, sondern vielleicht erst einmal über sich selbst.