Die Kunst, mir selbst auf den Leim zu gehen

Doch wie kann ich das verhindern? Konvention ist für mich wie ein Fliegenfänger für eine Fliege. Kaum merke ich, dass ich darauf herein geflogen bin, schon klebe ich fest und komme nur mit einem wirklichen „Reboot“ davon los. Um mir jedoch selbst nicht mehr auf den Leim zu gehen und wie eine dieser armen Fliegen zu enden, muss ich wissen, wie mein Leben überhaupt aussieht. Ich muss also wissen wollen, wie so ein menschlicher Fliegenfänger genannt Konvention überhaupt funktioniert. Doch das habe ich lange gescheut wirklich wissen zu wollen, denn ich wusste einfach nicht, was statt dessen stimmig für mich sein könnte. Mit anderen Worten: Ich wagte den Reboot nicht, weil ich nicht wusste, was danach kommen würde.

Zur Konvention brauche ich nicht viel sagen, die hat Scott Peck perfekt beschrieben: Zur Aufrechterhaltung … bedient man sich vor allem einer Anzahl unausgesprochener allgemein gültiger Verhaltensregeln, Manieren genannt: Wir sollen unser Bestes tun, um nichts zu sagen, was einen anderen Menschen verstören oder anfeinden könnte; wenn jemand anderes etwas sagt, das uns beleidigt oder schmerzliche Gefühle oder Erinnerungen in uns weckt, dann sollen wir so tun, als mache es uns nicht das geringste aus; und wenn Meinungsverschiedenheiten oder andere unangenehme Dinge auftauchen, dann sollten wir sofort das Thema wechseln. Jede gute Gastgeberin kennt diese Regeln. Sie mögen den reibungslosen Ablauf einer Dinnerparty ermöglichen, aber mehr auch nicht. Die Kommunikation … läuft über Verallgemeinerungen ab. Sie ist höflich, unauthentisch, langweilig, steril und unproduktiv.

Der Inhalt folgt der Form

Heute denke ich, dass es meine lange Zeit gepflegte Vorstellung von der Lösung war, die mich letztlich davon abhielt, einen Reboot zu starten, um aus der Konvention herauszukommen. Denn ich suchte die Lösung in inhaltlichen, nicht aber in formellen Mustern. Mittlerweile weiß ich jedoch, dass die Form entscheidend ist und eben gerade nicht der Inhalt, denn der wird erst durch die Form – wie das Wort es schon nahelegt – geformt. Fehlt also die Idee einer (anderen) Form, gibt es auch keinen neuen Inhalt. Außer natürlich, ich beziehe mich in meinen Überlegungen auf die bereits bekannten Vorstellungen.

Auch Einstein wusste, dass man ein Problem nicht mit dem selben Denken lösen kann, durch das es entstanden ist. „Anders“ zu denken heißt für mich, mit und durch eine andere Denk-Kultur zu denken. So ist auch „Kochen“ nicht „Kochen“. Ein mexikanisches Reisgericht unterscheidet sich von Sushi vielleicht so wie diese von dieser Website, einem Teller Risotto würde wohl eher diese entsprechen. Das Interessante bei diesem Website-Vergleich ist, dass der Inhalt identisch ist – wie bei den Gerichten. Alles der identische Inhalt, nämlich Reis. Aber der Vergleich hinkt natürlich ein bisschen, denn es soll ja ein anderer Inhalt dabei herauskommen. Doch das Prinzip wird deutlich: Will ich etwas in meinem Leben ändern, muss ich die Form ändern.

Inhaltlich offen sein!

Es ist eine dieser für manche Menschen sehr schwer zu begreifende Paradoxie des Lebens, dass man inhaltlich keine konkreten Vorstellungen haben darf, soll etwas Neues und Stimmiges entstehen. Woher wir das wissen? Von der Evolution. Wir leben nämlich nicht in der Welt, in der die Fittesten überleben, wie viele noch immer glauben und in der Kämpfen angesagt wäre. Etwas wirklich Neues entsteht in der Natur nur dann, wenn es auch stimmig und im Ausgleich mit allem anderen ist. Ist das nicht der Fall, dann  ist es eine Frage der Zeit, bis eine solche Spezies von der Bildfläche verschwindet. Das ist in der Natur und auch in der Menschheitsgeschichte so.

Dabei hat Evolution vor allen Dingen zwei sehr wichtige Faktoren, ohne die es sie nicht gibt. Das eine ist die Zusammenarbeit mit dem Vorhandenen, die Kooperation. Ohne die findet Evolution und Weiterentwicklung einfach nicht statt. 

Ich spreche hier übrigens nicht von mechanischen Prozessen, die funktionieren anders. Aber will ich selbst mich ändern, sollte ich die Prinzipien des Lebens und nicht die der Technik auf mich anwenden. Und da ist noch ein Prinzip extrem wichtig, nämlich die Selbstorganisation. Doch die passiert nur dann, wenn sich niemand bewusst einmischt.

Es geht darum, etwas Neues zu entdecken, also etwas was noch nicht da war. Daher kann ich es auch nicht vorher denken. Selbstorganisation braucht, für manchen Manager eine Horrorvorstellung, gerade keine inhaltliche Planung, sondern Vertrauen in das Leben, und nicht in sich selbst. Für mich gibt es daher zwei sehr unterschiedliche geistige Zustände, in denen ich lebe. Einmal den der Konvention und den des Flow. Meine Überzeugung ist, dass es noch einen dritten gibt. Konvention, das ist klar, das ist der Zustand, den ich nicht haben wollen sollte, jedenfalls nicht, wenn ich der Menschheit weiterhin eine Zukunft auf diesem Planeten wünsche. Und wenn ich selbst stimmig leben will, ist Konvention sicher der falsche Weg. Der ideale Weg wäre dann wohl der des Flow, dem Zustand, in dem ich einfach auf stimmige Weise denke, einfach deshalb, weil all das, was mich in der Konvention hält, dabei ausgeschaltet ist. Nur ist ein Flow nicht so ohne weiteres zu realisieren und nicht einfach auf Befehl zu erreichen. Doch was ist mir darüberhinaus möglich?

Anspruch und Wirklichkeit

Mein eigener Anspruch an mich selbst definiert die Grenzen dessen, was mir innerhalb meiner eigenen Situation und meiner Umgebung möglich ist. Die Herausforderung ist dabei, dass mir zum einen meine eigene Situation, also das mir Mögliche nicht bewusst sein kann, ich kenne nur, was ich schon in Anspruch genommen habe. Zum anderen weiß ich nicht, was mir überhaupt möglich sein könnte, wozu ich überhaupt in der Lage wäre. Ich habe also keine Ahnung, wozu ich über das hinaus fähig bin, was ich schon kann und bereits tue.

Das kann ich jedoch lernen, mir also entsprechendes Wissen aneignen und das dann einüben, es für mich selbst erfahren und es zu infernalem Wissen machen. Dabei ist nur das, was ich lernen kann, auch wieder durch meinen inneren Anspruch limitiert, dessen Grenzen mir nicht bewusst sind. Und dann ist da die Angst zu versagen genauso wie die Unsicherheit, mir nicht auf andere Art und Weise auf den Leim zu gehen und mich zu überschätzen. Nicht ohne Grund finden ja viele das Sprichwort „Schuster, bleib bei deinen Leisten!“ schlicht und einfach richtig.

Der andere Weg

Dazu eine Vorbemerkung. Instinkt etwa darf ich nicht wollen, will ich ihn nicht verhindern. Oder Kreativität. Kreativ sein zu wollen ist die optimale Art, jegliche Kreativität zu verhindern. Auch Flow kann ich nicht wollen, in ihn komme ich oder eben nicht. Oder das Phänomen der Selbstorganisation. Was nicht bedeutet, dass ich nicht Rahmenbedingungen dafür schaffen kann. Um beim Motorradfahren in einen Flow zu kommen muss ich eben Motorradfahren. Motorradfahren ist die „Rahmenbedingung“, die es mir ermöglicht, (Konjunktiv!) die Erfahrung eines Flow zu machen.

Um Motorrad fahren zu können, bedarf es einer technischen, einer körperlichen wie einer geistigen Fertigkeit. Die technische Seite kann ich mir mittels Mathematik aneignen, die körperliche sollte ich mitbringen, doch was ich definitiv noch nicht habe, das ist die geistige Fähigkeit Motorrad zu fahren, wenn ich noch nie Motorrad gefahren bin. Und um in einen Flow-Zustand kommen zu können braucht es weitere geistige Fähigkeiten, Fähigkeiten, die mir jedoch allesamt nicht bewusst sind. Ich kann sie zwar grob umschreiben, aber ich kann sie nicht definieren. Sie sind also nicht „einfach so“ abrufbar. Was ich aber definieren kann, ist die dahinterstehende Philosophie, sozusagen die Prinzipien des Flow.

Die Philosophie meines Lebens

Will ich im Flow leben, also nicht nur, wenn ich mit dem Motorrad unterwegs bin, sondern überhaupt, dann brauche ich eine stimmige Philosophie. Dieser Gedanke kam mir kürzlich, als ich dieses Zitat von Malte Härtig aus seinem Buch „Kaiseki: Die Weisheit der japanischen Küche“ las:  „Die japanische Küche, könnte man kurz sagen, ist gekochte Philosophie und geschmeckte Lebensweisheit.“ Das bedeutet jetzt nicht, nur noch Sushi zu essen, sondern die Philosophie des Flow zu ergründen – und gelegentlich Sushi zu genießen. Aber es bedeutet, mir meiner Philosophie im Leben bewusst zu sein. Und es bedeutet vor allem, dass ich mir bewusst bin, dass es kein „ich“ gibt, dass ich Kreativität oder Selbstorganisation „wollen“ könnte, oder dass ich die Dinge in meine Leben überhaupt kontrollieren könnte.

In erster Linie geht es darum, mir meiner eigenen philosophischen Identität bewusst zu werden. Alles, was ich tue, ist ja Ausdruck meiner selbst. Dessen muss ich mir zunächst einmal bewusst sein, denn erst dann kann ich daraus zumindest für einen Moment aussteigen und mich einer anderen Philosophie zuwenden. Auch die Beschäftigung mit einer anderen Philosophie ist ein Dialog, und das bedeutet, dass ich, beschäftige ich mich mit etwas Unbekanntem, ich mein Wissen erst einmal zur Seite stelle und auf alles Bewerten, Urteilen und Kommentieren verzichte. Mit anderen Worten, ich kann die andere Philosophie erst dann erfassen, wenn ich meiner eigenen eine Pause gönne.

Geht es dabei um mein Leben oder das Leben an sich?

Ganz klar, es geht um beide, denn sie sind eins, wenn auch ein in sich differenziertes Eines. Was in meinem Leben passiert, verändert das Leben auf der Erde, und was auf der Erde passiert, verändert mein Leben. Es ist schwer sich vorzustellen, dass das, was ich denke, das Leben auf der gesamten Erde tangiert. Aber es ist so. Und wenn ich mein Zimmer nicht aufräume, wie ich Koche, Auto fahre und wie ich mich anziehe, all das hat seinen Ursprung im Denken und prägt damit auch das Leben auf der Erde. Leider haben das manche Menschen noch nicht erkannt, dass nämlich das eigene Denken ein Aspekt des Denkens in der Welt ist.

Nur wenn ich akzeptiere, dass die Welt eben eins ist, und dass das, was der Einzelne tut und vor allem, was er denkt, einen unmittelbaren Einfluss auf das Geschehen in der Welt hat, nur dann kann ich überhaupt stimmig handeln. Wenn wir heute wissen, dass Wälder, also Bäume, mit dem Klima kommunizieren, dann sollten wir aufhören zu glauben, dass es beliebig ist, was wir denken. Denn das ist es definitiv nicht, auch wenn es uns meist nicht unmittelbar bewusst ist. Das ist meines Erachtens nach ein klarer Hinweis darauf, wirklich nichts mehr auf den Leim zu gehen, vor allem sich nicht in metaphysischen Schwärmereien zu verlieren.

Nicht kompliziert, aber komplex

Das entspricht dem Konzept des unus mundus, das auf Carl Gustav Jung zurückgeht, dass wir also von einer einheitlichen Realität ausgehen müssen (und nicht nur können!), aus der alles hervorgeht und zu der alles zurückkehrt. Doch um das nicht nur verstehen zu können, sondern in dieser Welt stimmig zu leben, ist es notwendig, mich von dem Denken der Kompliziert-Strukturen zu verabschieden und statt dessen in Komplex-Strukturen zu denken. Kompliziert wird es schnell, wenn ich inhaltliche Ziele verfolge, nicht jedoch, wenn ich die Form gestalte. Doch dazu brauche ich erst einmal Wissen darüber, wie sich komplexe von komplizierten Strukturen unterscheiden kann.

Der naive und intuitive Sprachgebrauch vermischt und überlagert zuweilen, was besser sauber unterschieden werden sollte, beispielsweise die Begriffe anscheinend und scheinbar. Ersterer bedeutet, dass etwas allem Anschein nach auch so ist, während mit scheinbar zum Ausdruck gebracht wird, dass etwas nur so zu sein scheint, aber in Wirklichkeit ganz anders ist. Scheinbar (sic!) genauso spitzfindig ist die Unterscheidung zwischen den Begriffen kompliziert und komplex. In der Praxis werden sie oft synonym verwendet oder komplex wird als Steigerung für kompliziert benutzt. Die Unterscheidung dieser beiden Begriffe macht aber einen entscheidenen Unterschied. Wobei ich bei meinen Lesern davon ausgehe, dass Sie wissen, was kompliziert und was komplex ist.

Das Leben verstehen lernen

Kompliziert ist keine inhärente Eigenschaft von etwas, sondern beschreibt nur wie ich bzw. mein Wissen sich in Bezug darauf verhält. Kompliziertheit kann ich also durch den Erwerb von entsprechendem Wissen reduzieren. Und Kompliziertheit lässt sich managen. So kompliziert etwas auch sein mag, es ist für den genügend Wissenden stets vorhersehbar. Ganz anders Komplexität. Die sorgt für Überraschungen trotz Kenntnis und Verständnis der Komponenten und ihrer Interaktionen. Vor allem alles, was lebendig ist, organisiert sich komplex.

Komplexität ist also eine Eigenschaft eines Systems. Mein Gehirn ist ein kompliziertes Geflecht aus Neuronen und die biochemischen Vorgänge zwischen ihnen lassen sich auch (für den Experten) verstehen. Was aber von mir gedacht wird, dieser Text etwa oder was ich heute Abend koche, ist nicht vorhersagbar und damit eine Überraschung. Komplexe Systeme sind nicht nur die Summe ihrer Teile, sondern das nicht vorhersagbare Produkt ihrer Interaktionen.

Es geht um Beziehung

Das ist vielleicht der entscheidende Unterscheid. Komplizierte Dinge interagieren nicht, komplexe schon. Dabei darf ich mein Verständnis von „Interaktion“ nicht allein auf den Menschen beziehen, auch was ich Koche, interagiert miteinander. Ein Rezept mag kompliziert sein, sobald ich es jedoch koche, treten die einzelnen Nahrungsmittel zueinander und auch zu mir selbst in Beziehung. Und das macht letztlich ein Gericht aus. Entscheidend ist nicht, dass es wir Sushi aussieht, sondern wie Sushi schmeckt.

Daher ändere ich den Gedanken von Malte Härtig für mich ein wenig ab: „Mein Leben ist gelebte Philosophie und erfahrbare Lebensweisheit.“ Was natürlich die Frage aufwirft, nach welcher Philosophie und welcher Weisheit ich leben will. Das ist die grundlegende Entscheidung, die ich treffen muss. Für mich ist das ganz klar eine Philosophie, die mit allen Aspekten des Lebens, also meines Lebens, kompatibel ist.

Als Einheit sehen, was zusammen gehört

In unserer Gesellschaft haben sich mittlerweile viele Dinge regelrecht verselbstständigt, auch im Denken und im Verständnis der Menschen. Nicht nur Wissenschaften und Philosophie, auch ganz praktische Dinge wie Politik, Recht oder Wirtschaft haben ein regelrechtes Eigenleben entwickelt. Doch warum ist das so? Ganz einfach, weil wir Dinge als getrennt (und nicht differenziert) ansehen, wobei unter „Dinge“ absolut alles zu verstehen ist, was es auf der Erde und im Universum gibt, also auch wir Menschen.

Wenn ich die Dinge also nicht mehr als getrennt und als nicht kompliziert ansehe, was tatsächlich komplex ist, dann gehe ich mir nicht mehr auf den Leim. Was zugegebener Maßen erst einmal eine echte Herausforderung ist, sich darauf einzulassen. Doch es lohnt sich.