Die Musik des Lebens

Vieles lässt sich über Schwingungen darstellen, nicht nur Musik, auch Materie. Gilt das auch für mein Leben? Auf diesen Gedanken kam ich wieder einmal, als ich gestern dieses Video sah. Es erinnerte mich sehr an den Firm „Wie im Himmel“ von Kay Pollak. Der Protagonist Daniel Daréus, ein erfolgreicher Dirigent, zieht sich krankheitsbedingt in die Einsamkeit zurück, flieht regelrecht vor dem gewöhnlichen und üblichen Musikzirkus. Doch in dem schwedischen Dorf fängt ihn die Musik wieder ein, scheinbar ganz banal, in Gestalt eines Kirchenchors, dessen Mitglieder ihn bedrängen, sie zu dirigieren. Schließlich willigt er ein und es entwickelt sich eine ganz besondere Dynamik.

Es ist das Fordernde des Profis, das die einzelnen Chormitglieder immer besser und besser werden lässt. Mit jeder weiteren Entfaltung ihres Könnens gewinnen sie an Selbstvertrauen. Diese innere Stärke aber lässt sie auch ihre gewöhnlichen und normalen Lebensbedingungen mit all ihren Einschränkungen, faulen Kompromissen et cetera zu erkennen und bewusst wahrzunehmen, bis hin zu der für Außenstehende unverständlichen Unterwürfigkeit in Beziehungen, die Bereitschaft, sich von anderen dominieren zu lassen. Aber, und das ist das Entscheidende, sie beginnen auch, sie nicht mehr zu tolerieren, sie sind nicht mehr bereit, sie zu erdulden und zu ertragen. Die nur scheinbare Akzeptanz und die die Unstimmigkeiten verdeckende und kaschierende Oberflächlichkeit bricht auf, die teilweise so selbstverständliche Fadenscheinigkeit des gesellschaftlichen Miteinanders wird immer offensichtlicher und durchsichtiger. Sie akzeptieren ganz einfach das Falsche in ihrem Leben immer weniger, sind nicht mehr bereit, es hinzunehmen.

All das ging mir durch den Kopf, als ich gestern das Video sah. Die durch den Geigenbogen erzeugten Schwingungen übertragen sich auf die Bodenplatte und der lose darauf gestreute Sand „folgt“ ihnen, er ordnet sich in phantastischen Strukturen. Der Schritt zu meinem eigenen Leben war dann nicht mehr allzu weit. Wenn ich mir unsere Nachbarn ansehe, sind wir alles Familien mit ganz unterschiedlichen persönlichen, altersmäßigen und sozialen Hintergründen wie Lebenssituationen. Und vielleicht ist genau das der Grund, warum wir so unterschiedliche Musikgeschmäcker haben. Was ich toll finde, erinnert meinen übernächsten Nachbarn zur rechten Seite an einen Zahnarzttermin. Aber es ist nicht nur die Musik, es sind unsere jeweilige Lebensgestaltungen, die ganz unterschiedliche und sehr spezifische Strukturen haben. Wenn die Lebensgestaltung meiner Frau mit meiner nicht mehr harmonisieren würde, denke ich, hätten wir ein ernsthaftes Problem. So wie es im Kleinen ist, ist es aber auch im Großen.

Wie in dem Video erzeuge ich, wie auch jeder andere, eine ganz bestimmte Schwingung in meinem Leben, was wiederum auf einer spezifischen Ordnungsstruktur beruht, der Struktur, die mein Verhalten ausmacht. Und ganz offensichtlich spiegelt sich das in meinem Musikgeschmack wieder. Es geht also sowohl um die Schwingung wie auch die Musik, die ich in meinem Leben nicht nur höre, sondern auch spiele, wobei beides auf gewisse Weise miteinander synchronisiert ist. Ich darf dabei nicht vergessen, dass der durch Schwingung erzeugten Musik eine Struktur, eine Ordnung zugrunde liegt, die Schwingung selbst ist nur das Medium, das diese Struktur sichtbar werden lässt. Man sieht dies recht gut in dem Video. Die mit dem Geigenbogen erzeugten Schwingungen bedingen zwar die sichtbare Gestaltung der Materie, aber sie sind nicht der Grund dafür. Das ist die immanente Ordnung, die die Schwingungen modelliert, die dann letzen Endes die Melodie erzeugen.

Ich weiß nicht, was Musik mit mir „macht“, aber sie macht definitiv etwas mit mir. Das bedeutet jetzt nicht, dass ich eins zu eins wie die Musik bin, die ich gerne höre, aber sie macht meine Ausrichtung und Richtung im Leben deutlich, vielleicht auch, was mich beschäftigt, was ich unter Umständen klären sollte und wo ich in meinem Leben hin will. Mich wundert es nicht mehr, dass ich in der Zeit, in der ich mich intensiv mit der (Nazi-) Geschichte meiner Eltern auseinandersetzte, sehr viel Klezmer hörte. Erst allmählich drängten sich wieder die Songs aus meiner Jugend in den Vordergrund. Klare Botschaft: Da ist noch etwas unerledigt. Zwischen Pink Floyd, Queen, Bob Dylan, Cat Stevens, den Beatles, Melanie, Deep Purpel, Janis Joplin und Joan Baez und all den anderen taucht aber immer wieder nicht Klassik, sondern Bach auf, vor allem Toccata und Fuge in D-Moll, sowie Klavierstücke einer ganz bestimmten Art. Die Musik, die ich gerne höre, entspricht ganz offensichtlich der Musik, die ich in meinem Leben gerade sinnbildlich spiele, also in meinem Denken, meinem Verhalten, meinem Tun und meiner Organisation. Davon bin ich überzeugt.

Und so, wie ich in meinem Leben eine ganz spezifische Musik spiele und durch diese Schwingungen mein Leben ordne und ausrichte, ordnet jede Beziehung, jede Gemeinschaft und auch jede Gesellschaft ihr Miteinander mit einer ganz spezifischen Musik, wobei das offensichtlich nicht immer klappt. Wie in dem Film „Wie im Himmel“. Doch es ist nicht seine Qualität als Dirigent, die Daniel Daréus auszeichnet, sondern seine Sehnsucht nach Begegnung ist das, was ihn wirklich bewegt und er ist überglücklich, als er erkennt, dass er mit Hilfe der Musik einen Weg in die Herzen der anderen findet. In dem Moment, in dem jeder seinen eigenen Ton zu finden lernt und auch findet. Das zeigt sich zum Schluss des Films, als Daniel Daréus wegen einer Verletzung nicht erscheint, der Chor im entscheidenen Moment also ohne Dirigent ist, doch einer nach dem anderen seinen eigenen Ton anstimmt, was die anderen Chöre derart in ihren Bann zieht, dass sie auch einstimmen und diese Improvisation die Menschen im Saal nicht nur erreicht, sondern verbindet.

Nicht nur, dass es in jeder Ecke der Welt Musik gibt, scheint es auch so zu sein, dass die verschiedenen Musikrichtungen und -Arten der Welt einer identischen Grundstruktur folgen, so unterschiedlich sie im Ergebnis uns auch erscheinen. Ich gehe ja davon aus, dass alles das in sich differenzierte Eine ist (auch wenn man das bei all den Widersprüchen manchmal auch kaum glauben mag, aber es ist so. Ich denke wirklich, dass jeder nur wieder seinen eigenen Ton zu finden braucht, damit wir uns zu dem Lebenschor verbinden, der wir letztlich doch sind. Das für mich Faszinierende an diesem Bild ist, dass erst einmal jeder seinen eigenen Ton finden muss und sich erst dann mit den anderen in Beziehung setzen kann. Es ist daher ein gewaltiger Unterschied, ob ich eine gemeinsame Melodie einstudieren will oder ob letztlich die Töne zueinander finden. Es braucht keinen Dirigenten, aber vielleicht einen oder mehrere Initiatoren.

„Meine“ Musik ist der Ton, der Klang, mit dem ich mich zu der Welt und dem Kosmos in Beziehung setze. Aber das beziehe ich nicht nur auf Musik, sondern jegliche Form der Gestaltung hat damit zu tun. Betrachte ich beispielsweise den Baum in unserem Garten mit seinen kleinen, roten Äpfeln, dann empfinde ich ein Gefühl von Schönheit, wie bei der Musik Bachs. Diese Empfindung geht wie jede andere auf eine immanente Ordnungsstruktur zurück, die nicht in mir angelegt ist, sondern sich ausgebildet hat. Natürlich spielt dabei eine Rolle, in welchem Kontext ich lebe, doch es kommt alleine darauf an, wie ich darauf antworte.

Was natürlich nicht so ohne weiteres für mich selbst erkennbar ist. Doch wenn ich einmal bewusst wahrnehme, wie ich mein Umfeld gestalte, kann ich ganz klar erkennen, welcher Struktur ich folge. Wie auch bei der Musik Bachs, die ich einfach deswegen gerne höre, weil die ihr zugrundeliegende Struktur mit meiner Struktur kompatibel ist und harmonisiert. Ich kann ja nur sehen, hören, riechen, schmecken oder fühlen wie empfinden, wofür ich auch eine entsprechende Erkenntnisstruktur habe. Diese Erkenntnisstruktur bedingt den Ton, den ich in meinem Leben zum Erklingen bringe; doch das bedeutet keineswegs, dass er frei von Misstönen wäre. Das ist er erst dann, wenn ich mich aus jeglicher Anhaftung gelöst habe, die nicht zu mir gehört. Was man daran wird erkennen können, dass meine Ordnung eben in Ordnung ist. Ist sie das nicht, muss ich nicht einfach nur Ordnung schaffen, sondern meine bisherige Ordnungsstruktur in Frage stellen und einer kritischen Betrachtung unterziehen.

Leider ist das nicht immer so einfach, denn es kann schmerzen, Beziehungen nicht grundsätzlich, wohl aber ihrer Struktur nach nicht nur in Frage zu stellen, sondern stellen zu müssen, will man wirklich leben. Diese Ordnungsstruktur, die meinem Denken, meinem Verhalten und meinem Tun zugrunde liegt, folgt also idealerweise der darüber liegenden gesellschaftlichen Struktur, sofern die mit der darüber liegenden in Harmonie ist, eine Kette, die letztlich bis zu der kosmischen Struktur reicht. Ich, Gesellschaft, Welt und Kosmos sollten also nicht, sondern sie müssen idealerweise in Harmonie miteinander sein, soll das Leben gelingen. Doch um das für mich klären zu können, muss ich bereit sein, hinter die Kulissen zu schauen. Vor jeglicher Wahrnehmung und Empfindung steht ein geistiger Prozess, ohne den ich eben nichts wahrnehmen und empfinden könnte. Und ist dieser geistige Prozess gestört, wird es auch nichts mit dem eigenen Ton.

Nur wie erkenne ich einen falschen Ton? Ich bin der Überzeugung, dass in mir eine ganz grundsätzliche Struktur angelegt ist, die mich empfinden lässt, ob etwas in Harmonie ist oder nicht, vorausgesetzt, ich lasse mich ohne jegliche Bewertung und Beurteilung darauf ein. Nur wenn ich bereit bin, mich wirklich darin zu versenken, was natürlich bedeutet, das eigene gedankliche Ich aufzugeben, denn nur dann komme ich überhaupt in die Lage, die Harmonie des Lebens zu empfinden. Das – und nur das – löst das Dilemma auf, in dem ich mich befinde beziehungsweise zu befinden glaube, nämlich in zwei Welten zu leben, einmal in der Welt des Absoluten, zum anderen in der Welt des Relativen. Beide Welten sind Eins, doch das kann ich zwar verstehen, was nicht bedeutet, dass ich es auch erleben kann. Beide Welten sind mir präsent, aber in meinem Erleben sind es scheinbar noch zwei von einander getrennte Welten, jedenfalls so lange ich meinen Ton noch nicht erkannt habe.

Einen unverfälschten Ton im Chor des Lebens zu spielen, darum geht es.