Die Naivität beenden

Das Bedeutsame und wirklich Revolutionäre an der modernen Physik liegt in der Erkenntnis, dass sie sich nicht mit der erkenntnistheoretischen Naivität der klassischen Physik verträgt. Doch was bedeutet das für mein alltägliches Leben?

Fest steht, dass sich die physische Welt nicht so erkennen lässt, wie sie an sich beschaffen ist, unabhängig von meinen Wahrnehmungen, sondern eben nur so, wie sie sich in meinen Erfahrungen zeigt. Dennoch bin ich im Alltag immer wieder versucht, astronomische Phänomene geozentrisch zu interpretieren, dem Sonnenauf- und Untergang, den Lauf der Sonne und so weiter.

Dabei fällt es oft schwer, beispielsweise zwischen der Bewegung des Mondes und dem der Sonne zu unterscheiden, phänomenologisch ist hier nicht viel Unterschied zu erkennen. Letzten Endes ist aber auch das heliozentrische Weltbild nicht „die absolute Wahrheit“.

Heute wissen wir, dass die Sonne nur ein Stern von vielen ist und alle gemeinsam die Milchstraße bilden. Die Milchstraße wiederum ist nur eine von Milliarden Galaxien im Universum. Man kann das noch endlos fortsetzen, vorstellbar ist es nicht mehr, man kann es allenfalls denken. Da kann man dann schon auf die Idee kommen, wozu ich das denn denken können muss. Schließlich betrifft dies scheinbar nur das Universum und die Materie, das ganz Große und das ganz Kleine.

Wenn aber die Dinge nicht miteinander verbunden, sondern tatsächlich eins sind, wie die Physiker es mittlerweile sehen, dann bedeutet das ja auch, dass ich nach den gleichen Prinzipien funktioniere, wie der Kosmos oder wie ein Atom funktioniert. Also sind die Erkenntnisse der modernen Physik nicht nur etwas für an der Technik Interessierte, sondern irgendwie für jedermann. Also auch für mich.

Klingt erst einmal sehr gewöhnungsbedürftig, ist aber konsequent logisch weiter gedacht. Daher fange ich einmal damit an nicht das für wirklich zu halten, was ich wahrnehmen kann, sondern nur das, was den Gesetzmäßigkeiten folgt und entspricht. Diese grundsätzlichen Prinzipien sind erfreulicherweise nur ein paar wenige, dafür haben die es ordentlich in sich. Sie stellen nämlich meine übliche Vorstellung von der Wirklichkeit so richtig auf den Kopf.

Daher ist es Zeit, umzudenken.

Der Begriff „Naivität“ darf einen aber nicht abschrecken. Ist ja nicht sehr freundlich, wenn man gesagt bekommt, man sei in seinem Denken naiv. Aber es ist definitiv ehrlich und wesentlich besser, als weiter zu machen wie bisher, etwa zu glauben, dass das, was ich empfinde, auch wahr wäre. Ist es aber nicht, nur meine Empfindung.

Einstein selbst hatte erhebliche Probleme mit der Quantenmechanik und versuchte sie immer wieder zu widerlegen – was ihm jedoch nicht gelang. Eine Tatsache, also die, dass er sie widerlegen wollte, die oft regelrecht ausgeblendet wurde und wird, da die Quantenmechanik ordentlich an unseren bisherigen Ansichten rüttelt.

Viele kennen den Spruch von ihm, „dass Gott nicht würfle“, oder dass „die Naturwissenschaft ohne Religion lahm sei“, wobei der Nachsatz „… die Religion ohne Naturwissenschaft aber ist blind“ gerne unterschlagen wird. Darin besteht unsere „Naivität“, dass wir trotz besseren Wissens beharrlich an unseren bisherigen Überzeugungen festhalten wollen.

Oder nehmen Sie „Schrödingers Katze“. Es ist schwer vorstellbar, dass sie lebendig und tot sein kann. Wir wissen es nicht, ist unsere häufigste Annahme, aber das stimmt nicht, sie ist wirklich beides gleichzeitig, lebendig und tot. Die Wahrscheinlichkeit, von der wir so oft ausgehen müssen, bedeutet jedoch nicht, dass zwischen Zuständen entschieden werden würde, sobald wir zu messen beginnen, vielmehr bedeutet es, dass es keinen definierten Zustand gibt, solange wir nicht messen.

Doch was ist, wenn wir gewürfelt haben und der Würfel nur verdeckt ist? Sind alle Zahlen möglich oder nur eine Gewürfelte? Hier bekommen wir es dann mit der Dekohärenz zu tun und nur eine Zahl ist erkennbar, wenn wir unter den Würfelbecher schauen. Aber nur, weil die Quanten des Würfels mit ihrer Umwelt in Kontakt sind. Dekohärenzeffekte ergeben sich, wenn ein bislang abgeschlossenes System mit seiner Umgebung in Wechselwirkung tritt. Sehr schwer vorstellbar. Eigentlich gar nicht. Aber wahr.

Dekohärenz ist ein extrem wichtiges Thema für uns. Schließlich sind wir mit sehr vielen Dingen, Situationen und Meinungen in Kontakt. Die „offene Weite“ meiner Gedanken, also ihre offene Wellenfunktion, kollabiert sozusagen durch den Kontakt mit anderen Gedanken. Und – zack – habe ich eine spezifische Meinung. Bewege ich mich in der Welt der Konvention, sind die Würfel für mich immer schon längst gefallen, ob mir das bewusst ist oder nicht.

Wir – also ich – habe die Wahl: Naivität oder offene Weite.

Das ist übrigens der Grund, warum ich so gerne Motorrad fahre. Was die meisten nicht wissen, oft auch Motorradfahrer nicht, das ist, dass man sich beim Fahren in dem Bereich des Flow bewegt, vor allem dann, wenn es herausfordernd ist – wie bei jeder Tätigkeit, die uns an unsere Grenzen bringt.

Im Flow passiert Folgendes: Weil wir dabei nicht (jedenfalls nicht willentlich bzw. reflektiv) denken, bleiben wir weitestgehend im gedanklichen Zustand der Kohärenz, also in dem Zustand der vollkommenen Offenheit, ohne jegliche Festlegung, aber natürlich nicht beliebig. Eine gewisse Festlegung passiert selbstverständlich. Im Flow reagieren wir automatisch, aber eben nicht wie ein Automat, sondern selbstorganisierend, also ohne willentliches Zutun von uns selbst.

Die interessante Frage ist, weshalb wir nicht immer oder zumindest meistens in diesem Zustand sind – wäre doch ideal – ohne eigentlich. Doch das Alltagsleben fordert seinen Preis. Ob agile Arbeitsmethoden, Meeting-Marathons, Innovationsdruck, virtuelle Teams oder die ständige Erreichbarkeit durch Handys etc., all diese Erscheinungen des modernen Lebens sorgen dafür, dass wir unglaublich beschäftigt, aber selten wirklich produktiv sind.

Man braucht nur einmal anfangen zu schweigen, statt ständig und zu allem eine Meinung zu haben. Auf den ersten Blick klingt das einfach. Doch erst wenn man dies wirklich einmal praktiziert merkt man, wie oft und wie viel wir reden. Der Kampf darum, einfach nur nichts zu tun, ist erst einmal unglaublich anstrengend. Doch durch dieses Nicht-Reden erfährt man, was Achtsamkeit bedeutet. Jedenfalls mir ging es so.

Die Vorzüge des digitalen Zeitalters fordern ihren Preis und sorgen für eine Reduktion von achtsamen Momenten. Aber dagegen kann ich etwas tun. Mit Disziplin und Beharrlichkeit. Früher war ich von dem pulsierenden Leben in Metropolen fasziniert und von der Vielfalt an Produkten und Angeboten beeindruckt.  Doch heute sehe ich keine verlockende Skyline mehr, sondern eher Legebatterien für Funktionsmenschen. Wir haben uns eine Welt geschaffen, für die der Mensch nicht geschaffen ist. Aber darüber spricht niemand gerne. Leider.

Doch das ist nicht alles, was mit dem oft fehlenden Bewusstsein für Kohärenz beziehungsweise dem Kollaps der Wellenfunktion und in der Folge Dekohärenz zusammenhängt. Marshall mcLuhan prophezeite die Wirkung von SocialMedia, bevor es die überhaupt gab. Er erkannte, dass „das Medium die Botschaft ist“. Also nicht der Inhalt ist entscheidend, sondern die Form, denn die definiert letztlich den Inhalt. Das beantwortet die Frage, weshalb ich mich im Wald wohler fühle als auf einer Müllkippe.

Alles, womit ich in Beziehung bin, bedingt nicht durch die äußere Situation, sondern durch meine innere Einstellung dazu, welche Richtung mein Denken nimmt – eben durch die Dekohärenz, die durch das In-Beziehung-Setzen. Wozu ich mich in Beziehung setze lenkt meine Gedanken, weil ich dadurch an Offenheit verliere. Doch solange ich lebe, wie wir das bisher tun, habe ich ein Problem, den ich bleibe sozusagen an der Oberfläche kleben und kann nicht in die Tiefe gehen (denken), einfach deshalb, weil ich mir viel zu schnell eine Meinung bilde und mich festlege.

Das ist der Preis für unsere Naivität. Weil wir die Wirklichkeit nur vordergründig wahrnehmen und den Dingen nicht auf den Grund gehen, können wir mit unserem Wissen auch nichts wirklich Sinnvolles anfangen.

Was ich aber ändern kann. Leider nur für mich, nicht für andere.