Die Qual der Wahl in Beziehungen

Was darf es denn sein? Geschehen lassen, kontrollieren oder gestalten? Hat man einmal eine Beziehung zu einem Partner oder auch zu einem Fremden, etwa einem Nachbarn oder dem Chef, dann stellt sich meist schnell die Frage, wie man die Beziehung beeinflussen kann, wenn es nämlich nicht mehr so ganz rund läuft. Beim Nachbarn und bei Chefs ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass man das eben geschehen lässt, wenn man sich nicht so mag. Oder man versucht die Beziehung irgendwie zu kontrollieren, die bevorzugte Wahl bei Partnern. Und wenn gar nichts mehr geht, steigt man eben aus, trennt sich oder kündigt.

Geschehen lassen und sie zu kontrollieren ist gleichwohl nicht die beste Wahl bei Beziehungen. Eigentlich ist es überhaupt keine Wahl, sondern eine Kapitulation. Einzig richtig ist deren Gestaltung. Doch nicht etwa die Beziehung zu dem anderen Ende der Beziehung ist vorrangig zu gestalten, sondern die Beziehung zu sich selbst, was leider viel zu oft übersehen wird. Wir sind zwar, wie wir sind, aber das bedeutet nicht, dass das für immer in Stein gegossen oder vorherbestimmt wäre. Die Beziehung zu sich selbst zu betrachten (nicht zu untersuchen!) heißt nämlich, sich in sich selbst zu versenken. Und sich in sich selbst zu versenken heißt, sich in den Geist zu versenken. Und sich in den Geist zu versenken heißt, sich selbst zu vergessen.

Nur eben nicht mit Wollen, sondern mit Sein. Also ist die Frage, wie ist – und nicht wie wäre – mein ideales Ich? Das bedeutet, den Sinn in seinem Leben zu erkennen und zumindest für sich selbst klar zu definieren. Sucht man nämlich den Sinn in seinem Leben zu erkennen muss man sehr auf der Hut sein, um nicht nur doch wieder dem Marketingcharakter zu Diensten zu sein. Auch zu funktionieren gehört fraglos dazu, genauso wie die von Étienne de La Boëtie sehr gut beschriebene freiwillige Knechtschaft.

Die, wie ich finde, große Schwierigkeit ist, dass wir in einer gesellschaftlichen Welt leben, die in der Vorstellung vieler nach klaren Regeln strukturiert ist. Die Grundlage für dieses gesellschaftliche Bild ist das Weltbild, das die Mehrheit hat. Meine Enkel (3 und 5 Jahre alt) können mit Genuss einen Kaffee schlürfen, den es überhaupt nicht gibt, bei meiner Enkelin (7 Jahre) sieht das schon ein bisschen anders aus. Wenn sie noch jung an Jahren sind, übertragen sie die Elemente, die es in der Welt der Erwachsenen gibt, in ihre Welt. Sie gestalten die Welt in der sie leben in ihren Gedanken, sie versenken sich vollkommen in den Geist.

Von den Erwachsenen wird das als reine Phantasie angesehen, manchmal belächelt, aber immer mit einem gewissen Unverständnis oder auch Erstaunen wahrgenommen, vor allem aber nicht wirklich ernst genommen. Die Kinder gestalten so ihre Beziehungen im Geist. Eine Tatsache, die sich die Erwachsenen doch ein wenig genauer ansehen sollten. Denn was machen sie denn anders? Wir gestalten unsere Beziehungen doch auch nur im Geist, dabei oft krampfhaft bemüht, sie nach irgendwelchen Regeln zu gestalten, die aber nicht mit der Wirklichkeit übereinstimmen müssen.

Ein Beispiel für solche Regeln sind meines Erachtens nach psychologische Konzepte. Die funktionieren ja teilweise wirklich, doch warum funktionieren sie? Ganz einfach, weil wir sie denken. Ich habe im Verlauf  meines Lebens den DISG Kreis bereits mehrfach durchwandert. Heute denke ich, dass ich immer genau so war, wie ich dachte (!), dass ich sein müsste. Es war nicht so, weil es zwingend so war, sondern weil ich so dachte. Ich folgte also nicht der Wirklichkeit, sondern ich gestaltete Wirklichkeit. Natürlich meine Wirklichkeit, aber auch die Wirklichkeit der Menschen, die damit in Berührung kamen, was wiederum deren Wirklichkeit beeinflusste und so weiter und so fort.

Alles klar? Was ich denke definiert meine eigene Wirklichkeit, also die Beziehung zu mir selbst. Und das definiert mein Verhalten, das wiederum definiert meinen Anteil an den Beziehungen die ich zu der Welt habe. Und natürlich (!!) glaubte ich, dass so, wie ich die Welt erlebte, sie auch ist. Was sie aber nicht ist, ich erlebte sie nur so.

Fazit: Ich gestalte meine Beziehungen und damit nicht nur meine Wirklichkeit, sondern die Wirklichkeit an sich.