Die Quanten und ich

Ich selbst bestehe aus nichts anderem als aus Materie. Daher ist erst einmal die Frage, was Materie eigentlich ist, will ich wissen, was ich bin. Dabei geht es nicht um die biologische Substanz, sondern das Wesen dieser Substanz. Also höre ich mich mal bei den Quantenphysikern um, was die dazu zu sagen haben, schließlich haben die es ja untersucht.

Doch fündig sind sie zu ihrem Erstaunen nicht geworden. Denn was immer sie auch fanden, es zerrann ihnen sozusagen zwischen den Fingern. Je genauer sie hinschauten, desto weniger Substanz war noch da. Und am Ende blieb irgendwie nichts, was sie zu der Feststellung veranlasste, dass die Materie irgendwie Geist ist. Und Zeilinger stellte fest, dass Information wohl das Wesentliche oder Eigentliche ist. Es ist also nicht Materie, die der Grundbaustein des Kosmos ist, sondern Geist und Information.

Jedenfalls fanden sie heraus, dass sie bei den kleinsten Teilchen nichts wirklich Greifbares herausfinden konnten, jedenfalls nicht das, was sie gesucht hatten. Und bei den ganz großen Teilen, also dem Universum, geht es uns letztlich genauso. Weil das nicht genügt, sind sie noch auf so verrückte Fragen gekommen, ob der Mond denn da wäre, wenn keiner hinschaut. Die Frage können sie bis heute nicht beantworten.

Demnach ist das Universum Geist, der uns als Materie erscheint. Oder umgekehrt. Und sie fanden weiter heraus, dass Raum und Zeit auch Eins sind und dass beides auf der Erde sehr statisch mit Messband und Uhr zu messen  ist, nicht aber wenn man etwa auf den Mond fliegen oder Satelliten in das All schießen möchte, die dann auch dort oben bleiben, damit unsere Handys funktionieren. Also ist die Raumzeit irgendwie flexibel. Und wenn ich ganz schnell rennen könnte, würden sich die Häuser vor mir verneigen, denn sie würden dann gebeugt. Und ich würde wahnsinnig schwer werden.

Darum bleibe ich lieber ruhig sitzen, dann bin ich leichter. Obwohl, dann altere ich schneller. Oder war es umgekehrt? Und wenn ich die Flugbahn einer Gewehrkugel ganz genau untersuchen würde, so wie ein Quantenphysiker das könnte, dann wäre da kein schöner Bogen mehr, sondern irgendwie wäre die Kugel mal da und mal nicht und sie flöge auch nicht wirklich auf einer ordentlichen Bahn, sondern bewegte sich irgendwie in Sprüngen hin und her. Unschärferelation nennen sie das dann.

Die Quantenmechanik hat eine sehr eigenwillige Definition von Realität: Danach hat ein Teilchen erst dann eine bestimmte Eigenschaft, wenn es von einem Forscher vermessen wurde. Bis zum Zeitpunkt der Messung hat das Teilchen alle möglichen Eigenschaften gleichzeitig – und die Quantentheorie kann nur vorhersagen, wie wahrscheinlich eine Eigenschaft ist. Eine physikalische Messung hat demnach kein festes Ergebnis – sondern ähnelt dem Werfen einer Münze.

Mit der Lokalität ist es nicht anders: In der Quantenmechanik lassen sich Teilchenpaare erzeugen, bei denen die Messung des Teilchens A die Eigenschaft des Teilchens B festlegt. Man sagt, die Teilchen sind „verschränkt“. Das Erstaunliche: Das funktioniert ohne den Austausch von Signalen und auch, wenn die Teilchen beliebig weit voneinander entfernt sind. Einstein bezeichnete diese Konsequenz einst als „spukhafte Fernwirkung“. Dies bestätigte John Bell 1964, indem er die Theorie für einen entsprechenden Versuch fand. Und siehe da: Genau so ist es auch. Alle bisherigen Versuche bestätigen das. Also leben wir nicht in einer lokal-realistischen Welt? Scheint so zu sein!

Die Quantenphysik hat damit eine ordentliche Kopfnuss für uns parat: Man kann sich die Welt, so wie sie tatsächlich ist, nicht mehr konkret vorstellen, sie widerspricht schlicht und einfach meinem (bisherigen) gesunden Menschenverstand. Intellektuell kann ich sie zwar ein Stück weit erfassen, aber sie mir bildhaft vorstellen? Keine Chance. Und, als wäre das nicht genug, kamen sie auch noch drauf, dass man die Naturgesetze eigentlich Naturbeschreibungen nennen müsste, denn definieren lässt sich die Natur nicht, nur beschreiben.

Also ist alles „nur“ ein Prozess. Und Bewusstsein spielt dabei eine entscheidende Rolle. Den Lauf des Prozesses kann ich vorher nicht bestimmen und nicht vorhersagen, weil ich ja nicht weiss, was das Bewusstsein so macht, denn das schaut mal hier hin und mal dort hin. Was es eben gerade interessiert. Ob das etwas damit zu tun hat, dass ich mit meinem Motorrad wie auf Schienen dorthin fahre, wo ich hinschaue? Auch wenn es eine Wand ist? Kann ich mein Bewusstsein nicht dazu bewegen, endlich wieder auf die Straße zu schauen, sondern es weiter stur auf die Wand schaut, dann werde ich auch an der Wand landen.

Ich kann einfach nicht anders, ich folge brav meinem Bewusstsein. Man nennt es Blickführung. Sieht man aus dem selben Grund bei dem Doppelspaltversuch mal Teilchen und mal eine Welle als Ergebnis der durchfliegenden Quanten? Weil der Beobachter eben entweder das eine oder das andere untersuchen will? Der Beobachter sagt indirekt den Quanten, was sie zu tun haben? Es kommt nicht darauf an, was ich will, sondern worauf mein Bewusstsein fixiert ist. Materie ist in erster Linie ein Konzept, aus dem die weitere Gestalt der Welt und ihre Struktur hervorgehen. Eine solche intellektuelle Konzeption der Welt ist jedoch nicht die reale Welt selbst. Und das soll ich jetzt verstehen?

Also wirft die Quantenmechanik auch die Frage auf, was ich überhaupt bin.