Die Schwierigkeit, einen Dialog zu führen

In den Social-Media-Plattformen tritt für mein Empfinden überdeutlich zu Tage, dass wir als Gesellschaft scheinbar große Schwierigkeiten haben, einen wirklichen Dialog miteinander zu führen. Ich weiß nicht, wie lange das schon so ist, ich bin ja kein Historiker, aber es ist definitiv so, seit ich lebe. Und wenn ich mir die Geschichten anhöre, die mein Bruder aus seiner Kindheit so erzählt, immerhin ist er acht Jahre älter als ich, dann würde ich sagen, dass wir es seit dem zweiten Weltkrieges nicht hinbekommen haben, in unserer Gesellschaft eine wirklich ernsthafte Dialogkultur dauerhaft zu etablieren. Es mag zwar Ansätze gegeben haben, aber die haben sich nicht verfestigt. Und ich spreche hier von der Gesellschaft, nicht von Einzelnen.

Ein Dialog zeichnet sich gerade nicht dadurch aus, dass man in seinen Ansichten übereinstimmt, eher ist das Gegenteil der Fall. Ich lese gerade ein Buch, in dem sowohl Steven Hawkins wie Jiddu Krishnamurti zu Wort kommen, zwei Menschen, die in ihren Ansichten nicht gegensätzlicher sein könnten, sucht doch der eine den Anfang der Zeit, der andere ihr Ende. Aber sie kämen niemals auf die Idee, sich Beleidigungen oder Abwertungen an den Kopf zu werfen, schließlich sind ihre Ansichten ja extrem unterschiedlich, scheinbar unvereinbar. Oder der Dialog zwischen Wolf Singer und Matthieu Ricard in dem Buch „Jenseits des Selbst“. Unterschiedlichere Ansichten geht kaum.

Doch wenn der eine seine Gedanken zu einem Thema darlegt und der andere nicht nur schweigend zuhört, sondern sich darauf einlässt, in das fremde Denken eintaucht, dann hat das Gesagte die Chance sich zu entfalten und zu wirken und das Denken des Zuhörenden zumindest nachdenklich zu machen. Genau darum geht es doch im Dialog, eben nicht die eigene Ansicht zu verfestigen, sondern sie aufzuweichen und empfänglich zu machen für Neues, selbst noch nicht Gedachtes. Im Dialog steckt für mein Empfinden ganz klar nicht nur die Bereitschaft die eigene Ansicht und Meinung immer wieder in Frage zu stellen, wie gesagt die eigene und nicht die des Anderen, sondern für mich liegt darin das Bewusstsein für die absolute Notwendigkeit des Zweifelns.

Nur so kommen wir in die Lage, über These und Antithese zur Synthese hinauszukommen und die Grenzen des eigenen Denkens zu überwinden. Bin ich mir dieser Grenzen nicht bewusst und suche ich sie in meinem Zweifeln nicht immer wieder zu überwinden, dann werden diese Grenzen zu meinen eigenen Gefängnismauern, wunderbar mit meinem eigenen Weltbild bemalt. Aber es bleiben dann Mauern. Da stehe ich dann doch lieber an der Grenze des mir Bekannten und taste mich vorsichtig Schritt für Schritt in etwas völlig Unbekanntes vor. Aber dazu brauche ich die andere Ansicht, die mit meiner eigenen Gerade nicht übereinstimmt. Was soll mir auch passieren, wenn ich mich auf eine andere Ansicht einlasse? Genau. Nichts passiert erst einmal. Aber ein Dialog fordert mich definitiv heraus, nicht etwas zu wissen, sondern Unbekanntes und damit Neues zu verifizieren und eben selbst zu denken.

Ich darf nur nicht etwas zu wissen mit selbst zu denken gleichsetzen. Das wäre ein wirklich fataler Fehler.