Die sinnlose Suche nach Sinn

Aber was ist der eigentliche Grund, dass wir etwas scheinbar Sinnloses tun? Denn gäbe es diesen Grund nicht, würde es kein Mensch tun. Aber von vorne. Meine Schlüssel kann ich suchen, denn da weiß ich, wie sie aussehen. Doch wie soll ich etwas suchen können, dass ich nicht kenne? Das geht nun einmal nicht. Und genauso ist es bei der Suche nach Sinn. Wenn ich den Sinn nicht kenne, kann ich ihn auch nicht suchen, ich weiß ja nicht, wonach ich suchen soll. Andererseits, wie könnte mir ein Sinn abhandenkommen, den ich kenne? Das geht doch gar nicht! Manchmal beschleicht mich der Verdacht, dass die Aufforderung, „finde deinen Sinn“ so etwas ist wie eine Tranquilizer-Pille, die man in der Hoffnung verschrieben bekommen hat (oder sich selbst verschrieben hat), dass man sich dann nicht mehr so sehr aufregt und wieder Dienst nach Vorschrift macht.

Der Sinn der Sinnsuche

Ein „persönlicher Sinn“ macht ja nur dann Sinn, wenn er sich in das allgemeine gesellschaftliche Gefüge auch ordentlich einfügt. Schließlich kann ich nichts tun, bei dem nicht andere Menschen mit im Spiel sind, es sei denn natürlich, ich sehe meinen Sinn darin, mich auf eine einsame Insel zurückzuziehen und dort alleine zu leben. Nur ich befürchte, dass die aller wenigsten Menschen darin ernsthaft Sinnhaftigkeit sehen könnten. Also ist die Frage ist erst einmal, was „Sinn“ überhaupt ist. Unter Sinn verstehen die einen einen Begriff, der teilweise den Bedeutungs­gehalt eines sprachlichen Ausdrucks bezeichnet oder der, allgemeiner, der Klärung der Beziehung von Sprache, Denken, Intentionalität und Wirklichkeit dient. Dieses Verständnis von Sinn ist also ganz klar eine Folge des Denkens und damit des Verständnisses eines Zusammenhangs. Das „andere“ Verständnis von „Sinn“ ist, wenn darunter die physiologische Wahrnehmung der Umwelt durch die Sinnesorgane bezeichnet wird. Daher würde ein Konstruktivist wohl sagen, dass es „Sinn“ als solchen gar nicht gibt, sondern nur nur sinnvolles Verhalten, ein Verhalten also, das eine Antwort auf das gibt, was ich oder man mittels der Sinne wahrgenommen habe.

Doch was ist ein „Sinn“ überhaupt, der seinen Ursprung im Denken und nicht in den Sinnen hat? Wenn ich eine Krankheit hinter mir habe, die mein Leben in eine drastisch andere Richtung hätte bringen können, also bedrohlich war, werde ich mein Leben zwar nicht mit den Sinnen anders leben, jedoch meine Beziehung zu dem, was ich unter meinem Leben verstehe, wird sich ändern, außer natürlich, ich blende dies einfach aus und nehme solche störenden Empfindungen nicht wahr. Hier kommt ein anderes Element hinzu, nämlich die Frage, ob ich das Gefühl habe, funktionieren zu müssen oder zu sollen, was natürlich sofort die weitere Frage aufwirft, woran ich mich dabei orientieren soll, kann oder muss. Einen Sinn im Leben erfahre ich ganz selbstverständlich, ohne darüber ein Wort zu verlieren, wenn ich in meinem Leben eine klare Orientierung habe, was zu tun ist. Doch darauf werde ich zum Schluss noch einmal zurückkommen.

Sinn und Sinnhaftigkeit

Seit ich beispielsweise weiß, dass meine Texte doch mehr gelesen werden, als ich bisher dachte, fahre ich wieder wesentlich lieber Motorrad, habe mehr Freude an den Dingen, die ich tue, einfach, weil mein Leben wieder eine Orientierung und damit einen „Sinn“ hat. Warum? Ganz einfach, weil mir mein Verhalten sinnvoll erscheint. Wie oft sage ich auch „Das macht Sinn!“, einfach deshalb, weil es sinnvolles Handeln ist. Etwas macht Sinn oder eben nicht, doch das bedeutet nicht, dass ich einen Sinn frei definieren könnte. Der Sinn, den ich bei etwas sehe, ist immer nur eine Folge der Beziehung, die den eigentlichen Kontext bildet. Und da habe ich immer ein Wörtchen mitzureden. Doch was tun, wenn mir alles sinnlos erscheint? Ganz einfach: Dann habe ich etwas wesentliches noch nicht verstanden oder übersehe etwas, das für mich wahrscheinlich von Bedeutung ist. Einen „Sinn“ für mein Handeln kann ich nicht suchen, den muss ich unmittelbar sehen können. Und sehe ich den nicht, dann habe ich einfach etwas noch nicht kapiert, was ich damit machen oder wie ich darauf reagieren soll. Oder aber auch, womit ich aufhören sollte. Oft liegt das Verständnisproblem ja in dem Grund, den ich für gegeben halte, also dem „damit“ oder dem „darauf“ aus obigem Satz.

Vielleicht ist ja in meinem Denken ein Element vorhanden, das ich zwar als gegeben ansehe, was es aber überhaupt nicht ist beziehungsweise überhaupt nicht sein sollte? Alles, was ich als logisch ansehe, geht ja immer von einer ganz spezifischen Annahme aus, eine Annahme, die mir so selbstverständlich ist, dass sie mir oft überhaupt nicht bewusst ist. Doch manchmal irre ich mich einfach bei solchen Annahmen und alles, was ich auf darauf aufbauend denke ist ganz einfach nicht stimmig. Also sollte ich nicht nach „Sinn“ suchen, sondern mich sinnvoll verhalten. Doch das wiederum setzt Verständnis voraus, heißt, den Dingen auf den Grund zu gehen. Das überhaupt zu wollen, also den Dingen, die ich tue wirklich auf den Grund zu gehen und das, was ich für richtig halte auch zu tun ist für mein Empfinden allein sinnvoll. Da erübrigt sich dann übrigens die Frage nach Sinn, denn die taucht nur dann auf, wenn ich mein eigenes Verhalten nicht mehr als sinnvoll empfinde.

Die Begegnung mit der eigenen Spezies

Doch das alles beantwortet noch nicht die Frage, weshalb so viele Menschen nach einem Lebenssinn suchen. Ich jedenfalls denke, dass der Grund dafür ganz wo anders steckt. Der Mensch als Spezies hat sich im Wesentlichen zum Herrscher über die Natur gemacht, er ist (fast) allmächtig. Und je weniger wir mit äußeren Feinden zu kämpfen und unser Verhalten auf sie abzustimmen haben, desto mehr kommt etwas anderes in unser Blickfeld, nämlich das Verhalten der Spezies Mensch. Die Herausforderungen, mit denen wir tagtäglich zu tun haben, sind nur extrem selten noch Probleme, die uns eine andere Spezies bereitet, sondern es sind die Probleme, die uns unsere eigene Spezies bereitet. Grundsätzlich wäre das eine gute Gelegenheit, sich einmal Gedanken über unser kollektives Verhalten als Spezies Mensch zu machen. Was ja auch schon viele tun. Nur ist das Problem dabei, dass wohl die meisten Menschen den Fehler bei den anderen und nicht bei sich selbst suchen. Es ist natürlich leichter, die Verantwortung bei anderen und nicht bei sich selbst zu suchen. Natürlich ist es nicht meine Verantwortung, wenn mein Freund Alkoholiker ist, doch es ist meine Verantwortung, was ich dann tue, wenn es mir bewusst geworden ist. Schaue ich weg, tue ich, als wäre nichts oder habe ich den Mut und sage ich ihm, dass er zu viel trinkt? Natürlich kann ich ihm auch helfen herauszufinden, was hinter seiner Alkoholsucht steht, selbstverständlich ohne jeglichen pseudotherapeutischen Ansatz.

Ich sehe darin ein gutes Beispiel für die Stimmigkeit des Tetralemmas, nämlich das zwei sich scheinbar widersprechende Wahrheiten gleichwohl beide richtig sein können. So bin ich ganz klar für das verantwortlich, was ich tue und das hat auch eine unmittelbare Wirkung; aber es ist auch richtig, dass nur alle zusammen etwas bewirken können. Beides ist richtig, der Widerspruch ist nur scheinbar, denn es ist möglicherweise ein klassisches Gefangenendilemma: Was soll ich tun, wenn ich nicht wissen kann, was der andere tun wird? Gehe ich volles Risiko und hofft, dass der andere ein Gutmensch ist und sich nicht so egoistisch verhält wie ich selbst? Was natürlich ein echtes Problem ist, wenn der andere genau so denkt, wie ich selbst. Das setzt natürlich voraus, dass man sich der Dynamik des Gefangenendilemmas überhaupt bewusst ist. Denn so einfach lässt sich das nicht auflösen. Die Suche nach Sinn ist für mein Empfinden nichts anderes, als eine andere Spielart des beschriebenen Gefangenendilemmas. Man weiß einfach nicht, wie es funktioniert, weil man es nämlich mit sich selbst auszumachen sucht. Doch genau das kann möglicherweise nicht funktionieren, denn es bedeutet, auf das Prinzip „Hoffnung“ zu bauen – ein äußerst trügerisches Prinzip. Es ist ein „Problem“, das letztlich auf die Konsequenzen unserer evolutionären Entwicklung zurückzuführen ist. Tiere haben dieses Problem nicht, denn sie sind eben nicht einzigartig wie der Mensch in dem Sinn, dass sie kaum noch jemanden mehr als realen Feind haben – außer einem Mitglied der eigenen Spezies, das auch nicht in einem anderen Rudel organisiert ist.

Der Mensch ist sich sein eigener Feind geworden

Früher haben sich auch die Menschen in Gruppen organisiert und mit anderen Gruppen um die vorhandenen Ressourcen gekämpft. Doch die mittlerweile ziemlich weltumspannende Wirtschaft hat dieses Prinzip von Grund auf in Frage gestellt. Tiere entwickeln sich, wenn man so will, zwingend nach systemischen und koevolutionären Prinzipien und Strukturen. Der Mensch hingegen hat dieses natürliche Feld verlassen und ist dabei sich seine eigenen Regeln auszudenken. Ein Beispiel dafür ist das Gefangenendilemma, in das ein Tier nie kommen kann – wohl aber der Mensch durch seine Fähigkeit zu denken. Es ist unser Denken, mit dem wir uns unsere Probleme selbst schaffen. Doch mit der Denkweise, mit der wir uns in das Dilemma gebracht haben, wegen wir nicht heraus finden, sondern alleine mit einer anderen Art zu denken. Früher halfen die verschiedenen Regeln, wie man das sich abzeichnende gesellschaftliche Dilemma einigermaßen unter Kontrolle bekommen konnte. Denn es ist ein Problem, seinen Nachbarn zu bekriegen, weil der in einem „feindlichen“ Konzern arbeitet, gleichzeitig aber zu dem anderen Nachbarn nett zu sein. Irgendwann blickt da keiner mehr durch, denn niemand kann einmal so und dann wieder ganz anders sein. Wenn man sich einmal genau die Scheidungsverfahren und die Arbeit der Jugendämter anschaut, dann sieht man leicht, dass unsere Gesellschaft ganz offensichtlich zutiefst krank ist.

Es geht also nicht darum, eine Lösung für das Gefangenendilemma zu finden – die es ja nicht gibt -, sondern eine Situation zu schaffen, in der das Gefangenendilemma für uns als Gesellschaft keine Rolle mehr spielt. Das setzt ganz grundsätzlich voraus, dass man aufhört, sich die entgegengesetzten Meinungen um die Ohren zu hauen, weil man von sich selbst glaubt, die Wahrheit gepachtet zu haben. Wir müssen endlich aufhören, uns feindlich gesinnt und berechnend zu begegnen. Das ist eigentlich ganz einfach, man braucht nur miteinander zu reden. Aber bitte auch wirklich dialogisch. Interessanterweise steht in dem Dialog, wie ich David Bohm sich vorgestellt hat, am Ende der Sinnraum. Das ist jedoch etwas ganz anderes, als nach Sinn zu suchen. Wer in einen Dialog geht, riskiert vor allem, dass sich sein Standpunkt verändert. Es geht nämlich nicht darum, dem anderen zu beweisen, dass man recht hat, sondern die eigenen Ansichten und Meinungen kritisch zu überprüfen. Echter Dialog findet nur in einer Auseinandersetzung mit sich selbst statt, in der „Standpunkte“ geäußert werden dürfen, ohne dass die von vornherein abgelehnt werden.

Doch das kann man beenden. Wenn man will.

Wer nicht nach Sinn sucht, sondern das Gespräch, kann und wird ihn auch finden. Einzige Voraussetzung: Offenheit, vollkommene Offenheit.