Die Welt in der ich lebe I.

Nur weiß ich das überhaupt, in welcher Welt ich lebe? Bin ich mir dessen überhaupt bewusst? Eine, wie ich finde, berechtigte Frage. Wir leben natürlich in der Welt und doch in einer Illusion. Das will ich für mich beenden, ich will in der Welt leben – und nicht in einer geistigen Illusion. Ich will sehen können, was wirklich ist – und nicht an der gedanklichen Oberfläche kleben bleiben.

Es lässt sich nicht mehr leugnen, dass wir Menschen, anders als die andere Natur, eher in unserer Gedankenwelt denn in der Welt unterwegs sind, wie sie wirklich ist. Gerade an extremen Auffassungen über Welt und Gesellschaft, an Verschwörungstheorien oder den Aliens, die angeblich die Welt beherrschen, sieht man, dass wir zwar alle auf der Welt leben, tun und machen, dabei doch in ganz verschiedenen Gedankenwelten zu Hause sind. Doch da das, was ich denke, fraglos mein Handeln modifiziert, ist es also überhaupt nicht egal, ob ich einer Verschwörungstheorie folge oder der Annahme anhänge, von Aliens beherrscht zu sein. Doch weiß ich wirklich, was ich denke und vor allem, kann ich mir sicher sein, dass das, was ich denke, auch stimmig ist?

Wir wissen heute, dass wir Menschen (und nicht nur wir) über einen 6. Sinn verfügen, Propriozeption genannt. Damit bezeichnen wir die Wahrnehmung von Körperlage und -bewegung in Raum und Zeit oder der Lage einzelner Körperteile zueinander. Es handelt sich dabei um eine Eigenempfindung. Das Schöne an diesem Sinn ist, dass man ihn üben kann. Ist er nämlich verkümmert und nicht ausgebildet, dann tun wir uns schwer in der Bewegung, wenn wir sie nicht auch sehen. Und so, wie es diesen 6. Sinn gibt, gibt es einen weiteren, und zwar auf der rein geistigen Ebene.

Diese von mir 7. Sinn genannte Fähigkeit, sich des eigenen Weltbildes bewusst zu sein, ist notwendig um zu verstehen, zu klären und verifizieren zu können, was man selbst für stimmig ansieht. Tiere und Pflanzen haben dieses „Problem“ nicht, denn sie leben von Natur aus ganz selbstverständlich in der realen Welt und nicht wie wir Menschen zusätzlich noch in ihrer ganz eigenen Gedankenwelt. Damit müsste sich eigentlich jedem Menschen die Frage stellen, inwieweit seine Gedankenwelt überhaupt in Übereinstimmung mit der realen Welt sein kann. Die Betonung liegt hier bei „sein kann“, denn solange wir denken, solange leben wir eben immer in einer Gedankenwelt. Also suche ich die optimale Übereinstimmung zwischen meiner Gedankenwelt und der realen Welt zu realisieren.

Dazu muss ich danach trachten, das Delta zwischen meiner aktuellen Gedankenwelt und der realen Welt so klein wie möglich halten. Dafür brauche ich einerseits das unverstellte Bewusstsein für mein eigenes Weltbild wie auch ein Verständnis für die Welt, wie sie wirklich ist. Letzteres ist das Schwierige, denn das muss ich selbst ergründen und verifizieren, um es überhaupt erfahren zu können. Jedes Wissen, das ich mir von anderen aneigne und selbst, wenn ich es zu eigenem, impliziten Wissen mache, ist letztlich totes Wissen, solange ich es nicht selbst als stimmig erkannt habe. Was ein ernsthaftes Problem ist, denn wie soll ich feststellen, ob ich fremdes Wissen einfach nur übernommen habe, oder ob dieses Wissen auch der Welt entspricht, wie sie tatsächlich ist?

Vielleicht beginnt es mit der Kunst zu zweifeln, ohne darüber zu verzweifeln. Jeden Stein umdrehen und schauen, was darunter ist – wie mein Enkel Paul, der das ständig macht. Weniges nimmt er als gegeben an, alles muss untersucht und ausprobiert werden. Doch er hat es natürlich einfach, er muss nur die Welt untersuchen, die er vorfindet, ich hingegen muss die Welt meiner eigenen Gedanken nicht nur erkennen, sondern darüberhinaus auf Stimmigkeit hin untersuchen. Es war für mich lange Zeit eine offene Frage, wie ich das und woran ich es „messen“ könnte. Denn mir fehlt ja gerade das Bewusstsein für die tatsächliche Welt, der ich in meinem Denken aber möglichst nahe kommen will. Ein herrliches Paradox – oder eine unlösbare Aufgabe, wenn ich dafür keine Lösung finden kann.

Das Erste, was mir weiter geholfen hat, war die Feststellung, dass ich sozusagen mitten drin sitze. Ich selbst kann ja nichts anderes als Kosmos sein. Weil das so ist, muss ich mich nur selbst gründlich untersuchen, verstehen und verifizieren. Und das ist einfacher, als es zu sein scheint. Denn es gibt einen (mentalen) Zustand, in dem die Welt vollkommen in Ordnung ist und ich ein absolut verlässlich und direktes Feedback zu meinem Verhalten bekommen. Das ist der Flow. Der hat nur einen Haken, denn in diesen Zustand komme ich nicht einfach so, sondern nur bei einer Tätigkeit, mit der ich an meine Grenzen gehe.

Was aber im ganz normalen Alltag nicht so einfach ist. Für mich persönlich habe ich drei Bereiche entdeckt. Da ist zum einen das Motorradfahren, zum anderen der Dialog und drittens das Posten von Texten. Bei letzteren ist es mein eigener Anspruch, der mich immer wieder an meine Grenzen bringt und mich zwingt, mir meiner selbst bewusst zu sein. So ist das Weiterleiten von Texten eine absolute Ausnahme, genauso wie das Zitieren. Und ernsthaft einen Dialog zu führen setzt ganz klar einen eigenen Anspruch voraus – so wie das Motorradfahren.

Es beginnt also mit einem klar und eindeutig definierten Anspruch an mich selbst, will ich wirklich in der Welt leben – und nicht weiter in einer Illusion. Und wenn ich das dann auch noch im Zustand des Flow hinbekomme, ist alles Paletti. Ziel erreicht. Und noch etwas: Auch den 7. Sinn kann man, wie den 6., üben und stärken. Und das ist notwendig, denn in einem Dauer-Flow-Zustand kann ich erst einmal nicht leben. Vielleicht kann ich irgendwann einmal ganz in diesen Zustand eintauchen, doch vorher muss ich erst einmal mein Denken in Ordnung gebracht haben. Und das geht nicht von heute auf morgen.