Die Welt ist, wie sie ist

Doch es ist nicht einfach, sie korrekt wahrzunehmen. Jedenfalls ist sie anders, als viele oder sogar die meisten Menschen denken und glauben, wie sie wäre.

»Die wahre Wirklichkeit – so ist es wirklich – wird von unseren Begriffen, Gedanken und Vorstellungen wie von Kleidern überdeckt. All unser Gerede über Buddha, Dharma, Wesens-Natur und Ähnliches sind nur Kopfgeburten und intellektuelle Bemäntelungen der Wahrheit. Das alles ist zutiefst irreführend! Wie hatte es der Sechste Patriarch ausgedrückt? ›Von Anfang an gibt es kein Ding. Wo sollte Staub und Schmutz dran haften?‹ Das Ziel unserer Zen-Praxis besteht darin, dieses Faktum, die absolute Leere ganz klar zu realisieren.«

Das Zitat habe ich aus dem Buch von Gert Scobel „NichtDenken: Achtsamkeit und die Transformation von Körper, Geist und Gesellschaft“ Es ist aus einem Kommentar von Yamada Koun Roshi zum 96. Fall des Hekiganroku (chin. Biyan Lu), einer Koan-Sammlung. Über das Sutra des sechsten Patriarchen habe ich auch einmal ein Buch geschrieben. Damit und mit den beiden Tannen, die ich damals aus meinem Krankenhauszimmer sehen konnte, fing es an. Obwohl, genau genommen kam vorher noch meine  Erkrankung, die mir nicht nur sprichwörtlich ziemlich an die Nieren ging.

Noch nie war der Tod für mich so präsent. Nicht nur dass um mich herum Menschen starben, ich selbst war an meinem persönlichen Limit angekommen. Aber noch etwas anderes war bei mir angekommen, irgendetwas hatte ich begriffen, auch wenn ich noch nicht wusste was. Ich suchte mich fortan mehr und mehr aus der Welt der Begriffe zu lösen, denn ich verstand, dass es genau darum geht: Die Welt zu sehen, wie sie ist. Doch dazu musste ich den Schleier der Gedanken, der Begriffe und der Vorstellungen loswerden. Wenn ich, wie jetzt gerade, den Vögeln in unserem Garten zuschaue, dann ist dieser Schleier weg und mein Geist ist sozusagen nackt und still.

Doch ich hatte zu keiner Zeit das Gefühl, dass, wenn es mir gut geht, auch alles gut ist. Kaum war ich aus dem Krankenhaus heraus – übrigens eine Höllenfahrt für mich, meine Frau wollte mir eine Freude machen und fuhr mich durch die Kirschanpflanzungen nach Hause, es war die Zeit der Kirschblüte, doch sie konnte nicht ahnen, dass mich diese Eindrücke regelrecht erdrückten, mich vollkommen überforderten. Da diese Erfahrungen so grundlegend für mich waren und sie nach meinem Verständnis weit über das Persönliche hinausgingen, sucht ich meine Erkenntnis und meine Erfahrung anderen zu vermitteln. Doch das misslang mir grundlegend.

Solange die Menschen nicht dazu bereit sind, diese Erfahrung selbst zu machen, so lange kann man nichts tun. Absolut nichts. Doch wie unter den Menschen leben, die für mein Verständnis die Welt nur durch einen Schleier sehen können, so wie ich selbst früher? Auch das ist die Wirklichkeit, wie sie wirklich ist! Man kann niemanden „retten“. Für mich hieß das, eine Illusion aufzugeben, nämlich zu glauben, anderen Menschen den Weg zeigen zu können, wenn sie ihn überhaupt noch nicht gehen wollen. Es ist auch eines der Prinzipien der Wirklichkeit, vielleicht ein sehr grundlegendes, dass sich jedes System selbst organisiert.

Das Einzige, was ich tun kann, das ist auf den Mond zu zeigen. Und das ist auch gut so, denn dann fällt niemand auf mich herein, wenn ich ein Scharlatan wäre und den Menschen etwas vorgaukeln würde. Jeder ist aufgerufen, diese Gedanken selbst zu verifizieren. Das habe ich selbst ja auch getan. Die Wirklichkeit zu erkennen kann einem niemand lehren und er kann auch nicht zeigen, wie das geht. Man muss ja auch nichts lernen, was aber leider viele nicht begriffen haben. Sie suchen und suchen und wundern sich, dass sie nichts finden, weil es ja nichts zu finden gibt. Man muss nur dazu bereit sein. Das ist alles. Der Rest ergibt sich dann ganz von selbst.

Auch das ist ein Aspekt der Wirklichkeit. Wenn man bereit ist sie zu sehen, dann geschieht es auch. Und das ist man in dem Moment, in dem man das falsche Spiel durchschaut, dass viele Menschen tagaus, tagein spielen – solange, bis man es endlich satt hat, sich permanent hinter einer Maske zu verbergen.

Denn die Welt zu sehen, wie sie ist, das setzt einiges voraus.