Die zwei Seiten eines Konzeptes

Hinter einem Konzept kann man sich gut verbergen, so wie kleine Kinder hinter Mamas oder Papas Rockzipfel. Ein Konzept kann einem auch den Rücken stärken, so wie Mamas oder Papas hinter einem stehen können. Für kleine Kinder sind das Verhalten von Mama und Papa nichts anderes als ihre Konzepte, die sie kopieren und zu eigenen machen. Doch irgendwann sollten auch Kinder ihren eigenen Weg gehen. Hierzu habe ich eine wunderbare Geschichte gefunden:

Dajue suchte den Meister auf. Dieser erhob seinen Fliegenwedel. Dajue breitete seine Matte für Niederwerfungen aus: Linji warf seinen Wedel zu Boden. Dajue faltete seine Matte zusammen und betrat die Mönchshalle. Als die Mönche das sahen, tuschelten sie: „Dieser Mönch muss mit dem  Meister sehr vertraut sein, da er sich weder verbeugt noch seinen Stock empfängt.“

Linji hörte das und hieß seinen Gehilfen, Dajue zu sich zu rufen. Als dieser zurückgekommen war, sagte Linji: „Die Mönche behaupten, du hättet die offizielle Begrüßung weggelassen.“ Dajue sagte: „Wie geht’s?“ Dann kehrte er zur Mönchsversammlung zurück. (Aus: Linji Yixuan, „Linji Yulu“)

Wer es hat, der hat es. Doch erst muss man es haben.

Was sagt mir die Geschichte? Als Dajue eigentlich mit seinem Konzept der Niederwerfungen beginnen wollte, signalisierte ihm der Meister ein (auf Bayerisch) „Basst scho!“, indem er seinen Wedel auf den Boden warf. Dabei ging es überhaupt nicht um die Niederwerfungen, sondern um etwas ganz anderes – was jedoch aus dem kurzen Textausschnitt nicht ersichtlich wird. Nur, dass Linji der Ansicht war, dass Dajue die Niederwerfungen nicht mehr brauchte, einfach weil er wohl der Meinung war, dass er „es“ kapiert hatte. Was dieses „es“ war, das steht da nicht. Und genau das haben die anderen Mönche auch nicht begriffen, dass nämlich die Niederwerfungen keinen Selbstzweck haben. Darum geht es gar nicht.

Konzepte, wie etwa Kaizen und Kanban, aber auch Meditation oder Bushido eigenen sich hervorragend, um das eigenen Verhalten zu trainieren, doch ihr eigentlicher Sinn liegt dahinter. Es geht ja bei meinem Verhalten nicht darum, mich auf eine spezifische Art und Weise zu verhalten, sondern alleine, welche Lebenseinstellung darin zum Ausdruck kommt. Mein Bild von der Welt definiert das Bild, das ich von mir selbst habe. Das wiederum definiert die Prinzipien, denen ich folge, was wiederum in meinem Verhalten sichtbar wird. Diese, wenn Sie so wollen, Hierarchie, die eine gewisse Ähnlichkeit zu den logischen Ebenen von Robert Dilts hat, definiert, welche Inhalte ich letztlich generiere, also das, was ich erlebe.

Konzepte brauchen geistiges Verständnis

Die erwähnten Konzepte, Kaizen, Kanban, Meditation und Bushido stammen ja alle aus der östlichen Tradition, wie auch das Hoshin-Management, ein Steuerungselement für wirtschaftliche Prozesse. Davon waren viele westliche Manager total begeistert, denn es brachte erstaunliche Erfolge. Nur waren sie – typisch für westliches Denken – vor allem von den wirtschaftlichen Ergebnissen fasziniert. Mit dieser alleinigen Fokussierung auf einen Zwischenschritt innerhalb eines wesentlich größeren Denksystems, „funktionierte“ die Anwendung jedoch nicht. Doch warum funktionierte das nicht?

Die Antwort darauf liefert uns die Quantenmechanik, natürlich nur, wenn man überhaupt bereit ist, sich auf solche vermeintlich rein technischen Überlegungen einzulassen. Man darf sich einfach nicht von dem Wort „Mechanik“ stören lassen, denn die Quantenmechanik beschreibt die Prozesse innerhalb von Atomen, und die sind alles andere als mechanisch. Und auch mein Gehirn ist aus Atomen zusammengesetzt. Daher ist es meiner Ansicht nach unsinnig zu denken, dass diese Gesetzmäßigkeiten für mein Gehirn nicht gelten würden.

Der Fokus ist entscheidend

Jedenfalls wissen wir auch durch die Quantenmechanik, dass der Fokus bei einem Versuchsaufbau darüber entscheidet, was festgestellt werden kann. So kann die Geschwindigkeit eines Teilchens festzustellen der Fokus eines Versuchsaufbaus sein. Die kann man dann auch feststellen, nicht aber seinen Aufenthaltsort. Und genau so ist es auch mit meinen (unseren) Gedanken. Der Fokus bestimmt die Realität, die wir dann feststellen können. Das sagt auch Qui-Gon Jinn, ein Jedi-Meister des Alten Jedi-Ordens zur Zeit der Galaktischen Republik. Ich selbst weiß das auch, weil ich es immer wieder selbst erlebe, vor allem auf dem Motorrad. Da fahre ich tatsächlich konsequent meinem Fokus hinterher, auch wenn es der falsche ist. Blickführung heißt es da. Doch es ist das identische Prinzip.

Ein Konzept ist also nichts anderes als die logische Folge eines gedanklichen Fokus. Da beide sich wie in einem Regelkreis wechselseitig bedingen, kann ich ein Konzept dazu nutzen, um einen geistigen Fokus zu trainieren. Dabei muss mir nur bewusst sein, dass hier der Satz einmal ist keinmal gilt. Wenn ich einmal auf dem Motorrad richtig in die Kurve geschaut habe, bedeutet das leider nicht, dass ich es von jetzt an immer tun würde. Das mache ich erst, wenn es eine andere Gewohnheit geworden ist, die die bisherige ablöst. Ein Grund, warum man sich seiner Gewohnheiten bewusst sein sollte, denn sind sie einem nicht bewusst, kann das üble Folgen haben. Damit niemand sagen kann: „Denn sie wissen nicht, was sie tun!

Konzepte dürfen keinen Selbstzweck haben

Ein Konzept ist daher ein Mittel zum Zweck, nicht mehr. So wie ich zum Motorrad fahren eine gute Blickführung brauche. Doch wie war das bei Linji und Dajue? Ganz offensichtlich waren die Niederwerfungen nur ein indirektes Mittel zum Zweck, etwas, das verzichtbar war, nachdem das Ziel erreicht war. Ich vermute mal, dass Dajue sein „Ich“ nicht dabei hatte. Und deshalb brauchte es auch keine Niederwerfungen mehr von ihm. Was die anderen Mönche offensichtlich nicht sahen. Doch bedeutet das, dass ich mich nicht mehr niederwerfen muss, wenn ich weiß, dass es um die Aufgabe des „Ich“ geht? Für mich bedeutet es etwas Anderes, nämlich das Niederwerfungen nicht mehr sind als etwas verständlich zu machen, was mit dem normalen Verständnis nicht zu verstehen ist.

Das unterscheidet ein solches Konzept von anderen, etwa dem Konzept der „Blickführung“. Das behält man bei, wenn man es begriffen hat. „Niederwerfungen“ haben ja denn Sinn, dass man durch und mit ihnen erkennen soll, dass sie letztlich keinen Sinn haben. Ich finde da ein Konzept wie „Flow“ wesentlich besser, denn das bekomme ich mit „Ich“ nicht hin. Doch ist das „Ich“ einmal abwesend und ich in einem Flow, dann ist es gut und das Konzept bleibt. Auch Meditation ist ein Konzept, das vielfach an irgendwelchen Ritualen festgemacht wird. Was meines Erachtens nach jedoch Unsinn ist. Nicht die Meditation, sondern viele Rituale, wie sich etwa den Hintern platt sitzen.

Der entscheidende Schritt

Es gilt also, Konzepte von Ritualen zu unterscheiden. Dann machen sie Sinn. Nach selbst verifizierten Konzepten und frei von den üblichen gesellschaftlichen Ritualen zu leben, das ist für mich der Schritt zum wirklich erwachsen Werden. Das ist keine Frage des Alters, sondern der Eigenständigkeit, der Eigenständigkeit im Denken. Die gesellschaftlichen Konventionen sind angefüllt mit Ritualen – aber keinen Konzepten. Und die Konvention gilt es zu verlassen.