Dreimal abgeschnitten und immer noch zu kurz

Zu kurz gedacht ist leider falsch gedacht. Wenn ich beispielsweise eine Sache oder jemanden als Ursache für etwas ansehe, sie oder er es letztlich aber nicht ist. Dieser Gedanke kam mir kürzlich, als ich im Internet den oft zitierten Satz „Geld regiert die Welt“ las. Ja, das könnte man meinen. Oder wenn ich mich über einen Konzern aufregen würde, etwa dass der dieses oder jenes tun würde. Was ich aber nicht tue, und das meines Erachtens nach aus gutem Grund.

Denn das ist eben leider falsch gedacht. Geld regiert die Welt nicht, auch wenn Joel Grey als Emcee in dem Film Cabaret das in dem Lied „Money makes the world go round“ wirklich virtuos behauptet. Man könnte es fast glauben. Aber es stimmt nicht, denn es ist nur ein Symptom, nicht die Ursache. Bekämpfe ich aber die Ursache nicht, kommt das Symptom immer wieder. Wie heißt es doch so schön? Unkraut muss man mit der Wurzel ausreißen. Die Ursache ist die menschliche Gier. Und über Konzerne zu schimpfen hilft auch nichts, weil ein Konzern nur ein juristisches Konstrukt ist, und die tun bekanntlich nichts. Wenn, dann tun Menschen etwas.

Wie fatal es ist, wenn man das Symbol benennt und nicht das, um das es tatsächlich geht, das habe ich durch einen Satz von Hanna Arendt begriffen. Sie sagte einmal sinngemäß, dass im Dritten Reich keine Juden umgebracht worden wären, sondern Menschen. Oder ob jemand sagt, dass sie getötet wurden anstatt korrekt zu sagen, dass sie ermordet wurden. Spricht man über getötete Juden, geht es nicht so unter die Haut. Aber vielleicht fragen Sie sich jetzt, was das mit dem Geld, das angeblich die Welt regiert, oder mit dem vermeintlichen Handeln von Konzernen zu tun hat.

Sehr viel. Denn es sind immer Menschen, die tatsächlich etwas tun. Nicht das Geld regiert die Welt, sondern die Gier der Menschen. Und nicht Konzerne tun etwas, sondern Menschen. Und im Dritten Reich wurden keine Juden von Nazis getötet, sondern Menschen wurden von Menschen ermordet. Der Kern, die wirkliche Ursache, das ist der Mensch. Und das wirft die Frage auf, warum Menschen das tut. Und wie man das ändern kann.

Das ist eigentlich relativ einfach. Den Menschen müsste nur bewusst werden, was sie da tun und auch bereit sein, dazu zu stehen. Das fängt als erstes bei mir selbst an, denn ich kann einem anderen nicht vermitteln, etwa nicht gierig zu sein, wenn ich mir selbst nicht eingestehe, selbst gierig zu sein oder gewesen zu sein, das wäre schlicht und ergreifend scheinheilig. Es ist ein grundsätzliches, menschliches Problem. Und der Grund dafür, dass es die Gräuel der NS-Zeit in Deutschland geben konnte, lag an etwas scheinbar ganz Banalem, das Stefan Zweig so formuliert hat „Der Nationalsozialismus hat sich vorsichtig, in kleinen Dosen, durchgesetzt. Man hat immer ein bisschen gewartet, bis das Gewissen der Welt die nächste Dosis vertrug.

Doch warum wurde Hanna Arendt für ihren Bericht über die Banalität des Bösen derart angefeindet, den sie anlässlich des Prozesses gegen Adolf Eichmann schrieb? Arendts sieht in der Person Eichmanns nicht das Extreme, sondern die allgegenwärtige Gefahr, die wiederum einer gesellschaftlichen Kultur entspringt, die mit den Begriffen Verlassenheit („Weltlosigkeit“), Bindungslosigkeit, Arbeitsteilung und bürokratische Anonymität bezeichnet wird. Das Nazitum verwirklichte diese zuvor nur latente Gefahr. Mit anderen Worten stellte sie die Frage, wie es bei einem selbst ist.

Wichtig ist zu sehen, dass sie Eichmann keineswegs entlastet hat. Nur hat sie gezeigt, dass auch ganz „normale“ Verhaltensstrukturen und Muster letztlich zu schrecklichen Taten kumulieren können. Und diese Mechanismen sind in jedem Menschen, es sei denn, er ist sich dessen bewusst. Das heißt natürlich nicht, dass es damit erledigt wäre, aber es macht deutlich, dass ich immer auf der Hut sein muss, dem nicht zu erliegen. Wir erleben dies gerade wieder auf einer anderen Ebene, dem sogenannten Klimawandel. Sogenannt, weil besser würden wir von den menschlichen Eingriffen in die natürlichen Prozesse sprechen. Und diese Eingriffe sind schlicht und einfach desaströs. Doch zum einen haben sich sehr, sehr viele Menschen daran gewöhnt, zum anderen wissen viele nicht, was sie machen können, da die eigentliche Ursache in unserem Wirtschaftssystem liegt. Wie also sollen sie dieses System ändern?

Was also passiert? Wieder wird nur an den Symptomen herumgedoktert, statt die Ursache anzugehen. Doch damit würde es anfangen, also über das zu reden, um das es tatsächlich geht. Das wäre ein Anfang. Denn da gründen die Mauern, schließlich ist niemand so ohne weiteres bereit, das aufzugeben, was er hat. Es sei denn, es ist vermittelbar, dass es anders besser geht. Für den Betroffenen selbst.

Anfangen würde es damit, korrekt zu denken, so wie Natalie Knapp es in ihrem Buch „Der Quantensprung des Denkens“ beschreibt. Und die eigenen, so selbstverständlichen Gewohnheiten einmal genau unter die Lupe zu nehmen. Sich in Gesprächen der intellektuellen Redlichkeit zu bedienen wäre auch ein wichtiger Schritt. Oder sich der eigenen Ethik bewusst zu sein und wie man sie tatsächlich lebt, sich immer wieder die Frage zu stellen, was man eigentlich tut. Für mich ist es letztlich keine Frage, dass, denke ich stimmig, ich auch das Stimmige tue.

Also korrekt denken. Nichts sonst.