Es ist noch nicht vorbei

Vielleicht noch lange nicht. Umso mehr ein Grund, etwas zu tun. Das wurde mir gerade bewusst, als ich das Buch von Kazimierz Albin ‚Postskriptum‘ zu lesen begann, das ich in Krakau nach einem Besuch in Auschwitz-Birkenau gekauft hatte. Vielleicht hat auch die Musik meiner von den 68er Jahren geprägten Jugend dazu beigetragen, die gerade lief, darunter viele Lieder, die die damaligen gesellschaftlichen Verhältnisse anprangerten, Verhältnisse, die aber noch lange nicht vorbei sind, sondern auch heute noch in den Köpfen vieler Menschen sehr, sehr präsent sind.

Die NS-Zeit ist endgültig vorbei; definitiv nicht vorbei sind jedoch nicht die Strukturen des Denkens, das diese Zeit überhaupt erst möglich gemacht hat. Doch es sind für mein Empfinden nicht die bekennenden Rechten das grundlegende Problem, gegen die kann man fraglos argumentieren (aber bitte nicht beschimpfen, das ist unwürdig). Ich denke, ein wirkliches Problem sind die, die wegschauen, die nicht wahrhaben wollen, was überhaupt die NS-Zeit möglich gemacht hat – und was auch vielleicht sie selbst prägt. Exemplarisch deutlich wird dies an der Reaktion auf Hannah Arendts Werk „Eichmann in Jerusalem. Ein Bericht über die Banalität des Bösen.“

Die wirklich entscheidende und auch einschneidende Erkenntnis ist für mich nicht Eichmann und seine Taten, sonder die Banalität – hier des Bösen – eben das, was sehr, sehr viele einfach nicht wahrhaben wollen: Es waren keine ‚bösen‘, sondern ganz gewöhnliche Menschen, die am Ende diese schrecklichen Taten vollbracht hatten, Taten, die durch nichts zu rechtfertigen oder gar zu entschuldigen sind. Der Film ‚Das radikal Böse‘ greift dies sehr gut auf, ein  Dokumentarfilm, der versucht, die psychologische Prozesse und individuelle Entscheidungsspielräume ‚ganz normaler junger Männer‘ in den deutschen Einsatzgruppen der Sicherheitspolizei und des SD zu ergründen, die während des Zweiten Weltkriegs Millionen Menschen umbrachten.

Ich spreche hier bewusst nicht von Juden, sondern von Menschen. Und auch die Nazis waren Menschen. Meine Eltern haben diese Zeit miterlebt. Mein Vater war Assistent von Paul Rostock wie von Heinrich Otto Kalk und arbeitete mit Ludwig Zukschwerdt zum Ende des Krieges an der nationalsozialistischen Reichsuniversität Straßburg zusammen. Was haben sie gedacht? Das interessiert mich vielleicht mehr als ihre Taten, die kann ich nur zur Kenntnis nehmen; doch ich muss aufpassen, nicht in den identischen Strukturen zu denken wie sie.

Was haben viele Menschen in dieser Zeit getan, was auch heute noch sehr, sehr viele tun? Sie folgen relativ unkritisch einer spezifischen Ansicht, hinterfragen nicht, was sie für gegeben halten, denken nicht eigenständig. Doch wenn man ihnen das vorhält werden sie wahrscheinlich vehement dagegen opponieren, selbst wenn es stimmen sollte. Was lässt den Menschen, also uns Menschen, so leicht so blind für Dinge zu werden, die doch eigentlich offensichtlich sind? Es ist nämlich nicht die Banalität des Bösen, die das Problem ausmacht, sondern die Banalität an sich!

Was aber sind die Strukturen, die ich immer anspreche? Etwa in meinem Denken? Die sind es nämlich, die für die Inhalte verantwortlich sind. Daher ist es müßig, über Inhalte zu reden, nein, wir müssen uns der Strukturen, also der Form bewusst werden, die uns handeln lässt, wie wir eben handeln. Weil dies noch immer ein drängendes Thema in unserer Gesellschaft ist, werde ich mich dem widmen. Nicht mit erhobenem Zeigefinger, sondern mit Verständnis, jedoch ohne etwas zu akzeptieren oder gar zu leugnen, auch nicht, worin mein Vater involviert war.

Das bin ich mir selbst und meiner Geschichte schuldig.