Ethik und andere Nebensächlichkeiten

Ethisch korrektes Verhalten ist für den einen selbstverständlich, für den anderen nicht unbedingt oder auch nur, wenn es angesagt ist. Doch meine Frage ist eine andere, nämlich die, ob es bei denjenigen, für den Ethik normal ist, nicht auch Unterschiede gibt? Ethisches Verhalten ist ja erst einmal Inhalt, sie definiert, wie sich jemand anderen gegenüber verhält, etwa höflich, zuvorkommend, respektvoll, et cetera. 

Doch entscheidend ist, worauf diese Inhalte gründen. Ist die Motivation für Höflichkeit etwa der soziale Kontext, dann kann ein und dieselbe Person in der direkten Begegnung höflich sein, trifft sie jedoch im Internet auf eine ihr unbekannte Person, die auch noch ganz wo anders lebt, es also extrem unwahrscheinlich ist, dass sie einander begegnen, dann sieht es mit der Höflichkeit oft schon magerer aus.

Und nachdem man sich mittlerweile mit unflätigen Bemerkungen über Politiker im Internet scheinbar nicht mehr zurückzuhalten braucht, wie der Fall Renate Künast zeigt, dann merkt man leicht, dass die Basis der gesellschaftlichen Ethik vielfach absolut oberflächlich ist. Man hat eben gelernt, sich so zu verhalten, weil man das eben tut, aber es wird kein tieferer Sinn darin gesehen. Konvention, mehr nicht. Wenn Ethik jedoch nicht mehr ist als Abrichtung zu einem bestimmten Verhalten, dann würde ich von einem ernsthaften gesellschaftlichen Problem sprechen.

Einerseits halte ich nichts davon, dass Ethik „gelernt“ wird, weil sich das so gehört und weil man das so macht, Kinderstube eben, was ich, man möge mir das bitte nachsehen, für nichts anderes als einen besseren Dressurakt halte. Andererseits ist Ethik elementar für unsere Gesellschaft, sie ist ein indirekter Gradmesser für unsere aktuelle Kultur als Gemeinschaft. Immanuel Kant hat ein grundlegendes Prinzip der Ethik mit den Worten definiert „Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde.“ Doch so richtig durchgesetzt hat er sich damit nicht. Vielleicht liegt der Grund nicht an der Unwilligkeit der Menschen, sondern einem unzutreffenden Weltbild.

Ich finde es interessant, dass ein Physiker wie Zeilinger die Ansicht vertritt, dass Kants Kategorischer Imperativ fortgeschrieben gehört. Ich interpretiere das so, dass aus wissenschaftlicher Sicht Gesetze einfach nicht genügen, um Gesellschaften zu gestalten, sondern dass es darauf ankommt, was der Einzelne tatsächlich denkt und nicht nur, wie er sich verhält. Vielleicht müsste die Fortschreibung lauten „Denke stets so, dass du zugleich wollen kannst, dass auch ein anderer so über dich denken mag.“, um der Tatsache zu genügen, dass Geist die Grundlage des Seins ist und eben nicht Materie, wie man zu Kants Zeiten noch vielfach gedacht hat.

Es ist das Problem der Fragmentierung, das uns immer wieder einholt. Und vielleicht sollten wir Menschen endlich anfangen zu verstehen, dass uns dieses Denken bereits an den Rand des Abgrunds gebracht hat. Da könnte man sich eigentlich einfach umdrehen und wieder weggehen, wenn uns nicht unser eigenes Denken blind dafür machen würde, dass wir die Dramatik der Situation scheinbar nicht wirklich wahrnehmen. Und mit Panikmache erreicht man definitiv das, was man eigentlich nicht erreichen will. Es ist eine Lösung erster Ordnung, wie Watzlawick sagen würde. Und solche Lösungen misslingen regelmäßig.

Wahrscheinlich lässt die mittlerweile nicht mehr zu übersehende Explosion der Bevölkerungszahl der Erdbevölkerung die gesellschaftlichen Brüche, die schon immer da waren und auch immer wieder zu Kriegen geführt haben, wesentlich brisanter werden und immer deutlicher zu Tage treten. Menschen werden nun einmal im Gedränge schneller als sonst rücksichtslos. Vor ca. 2000 Jahren gab es geschätzt 170 bis 400 Millionen Menschen. Vor 1000 Jahren lebten 250 bis 350 Mio. Menschen. Vor 500 Jahren betrug die Weltbevölkerung 425 bis 540 Millionen.

Nach dem Jahr 1700 setzte ein rapides Bevölkerungswachstum ein, um das Jahr 1804 überschritt die Weltbevölkerung eine Milliarde Menschen. Innerhalb des 20. Jahrhunderts hat sich die Weltbevölkerung etwa verdreieinhalbfacht, von 1927 2 Milliarden auf mittlerweile circa 7,5 Milliarden. Dazu kommt dann noch ein Wirtschaftssystem, das mittlerweile weltumspannend ist und die Menschheit regelrecht zu erdrücken droht, sich aber kaum jemand dagegen zu stellen wagt, weil „irgendwie“ jeder drin hängt und sich auf gewisse Weise davon abhängig wähnt.

Denken und Handeln klaffen bei manchen Menschen vielleicht regelrecht auseinander, für wesentlich problematischer aber halte ich all die Selbstverständlichkeiten, an die wir uns schon längst gewöhnt haben, die alles sein dürften, nur nicht selbstverständlich. Doch wie komme ich aus der Falle des Selbstverständlichen in Bezug auf Ethik heraus? Ganz einfach, ich denke darüber nach, reflektiere und verifiziere es mit der Fortschreibung des Kategorischen Imperativs „Denke stets so, dass du zugleich wollen kannst, dass auch ein anderer so über dich denken mag. 

Damit definiere ich die Form meiner Ethik und nicht nur den Inhalt. Und genau das ist notwendig.