Etwas „richtig“ zu üben – was heißt das eigentlich?

Es ist erst einmal auch „nur“ eine Konditionierung, doch es ist eine ganz andere, als vielleicht gewohnt! Auf jeden Fall ist es wesentlich mehr, als nur etwas zu trainieren. Es bedeutet vor allem, sich auf ein Denken einzulassen, das keine Symbole benutzt. Das ist die erste Hürde, die man wahrscheinlich nehmen muss. Ich will versuchen, dies an einem vielleicht untypischen Beispiel darzustellen. Mal sehen, ob es mir gelingt.

Aktuell war mein Blutdruck entschieden zu hoch. Was also tun? Ganz klar, man hat mich medikamentös behandelt. Als man dann die richtige Dosis gefunden hat, so dass der Blutdruck sich wieder in normalen Bahnen bewegte, hat man mich als gesund entlassen und nach Hause geschickt. Aber kann ich gesund sein, wenn ich Blutdruckpillen nehme? Für mein Verständnis bin ich solange krank, solange ich ein Medikament brauche. Also müsste ich mich eigentlich fragen, was den zu hohen Blutdruck auslöst. Aber das ist die Frage nach einem Grund. Den aber kann ich nicht wissen, weil ich alles, was in mir vorgeht, kann ich nur in seiner Wirkung beschreiben, aber nicht definieren. Eine Erkenntnis der Quantenphysiker für die Naturgesetze, die ja keine wirklichen Gesetze sind, sondern nur Beschreibungen. Und bei uns Menschen ist das nicht anders. Es gibt für „meinen“ Bluthochdruck keine organische Ursache, also fängt das Ganze (mal wieder) in meinem Kopf an, genauer mit meinem Denken. Doch bei dem Begriff muss ich aufpassen, denn es gibt zwei Arten des Denkens, einmal das „normale“ Denken, das mit Symbolen arbeitet und dann das Denken, das ohne Symbole arbeitet.

Huang-po hat es in dem Buch „Der Geist des Chan“ beschrieben, wie solche Symbole entstehen: „Schon der leiseste Wunsch jedoch, an diesem oder jenem festzuhalten, schafft gedankliche Symbole, die ihrerseits jene „Heiligen Schriften“ entstehen lassen, die euch in vielfältige Wiedergeburten zurückführen. Darum sei eure symbolische Vorstellung die der Leere; dann wird sich euch die wortlose Lehre des Ch’an offenbaren. Wisset, dass ihr euch nur dazu entscheiden müsstet, keinerlei Symbole zu bilden. Wenn ihr dies vermeidet, „symbolisiert“ dies die Große Leere, die nicht wirkliche Leere ist, das Symbol, das kein Symbol ist.“ Das sollte man sich wirklich mehrmals durchlesen und durchdenken, aber nicht indem man mit Symbolen darüber nachdenket, sondern indem man sich darin versenkt, sich darauf einlässt, ohne an irgend etwas festzuhalten.

Mit anderen Worten: Solange ich mich nicht einlassen und nicht ohne Symbole denken kann – was übrigens dem Flow-Zustand nahekäme , also absolut erstrebenswert und nichts Esoterisches wäre – solange also bilde ich in meinem Denken Symbole, die mein Denken, genauer das Nach-Denken, so im negativen Sinn erregen, dass der Blutdruck steigt. Und es ist tatsächlich so. Gerade habe ich den Beweis für diese Behauptung angetreten, ich war nämlich eine Runde um die Stadt laufen. Es war kühl, ein bisschen feucht, aber nicht regnerisch und mein Körper war so beschäftigt, dass ihm nicht mehr viel Zeit blieb, sich mit irgendwelchen Gedanken zu beschäftigen. Er war absolut mit dem beschäftigt, was er wahrnahm, vor allem aber war er mit Laufen beschäftigt. In diesem Zustand dachte ich zwar, logisch, aber eben mit relativ wenigen und vor allem wenigen geistigen Symbolen. Ich war damit beschäftigt, ordentlich zu laufen und nicht auf die Nase zu fallen. Mit anderen Worten: Ich dachte über kaum etwas nach, machte mir kaum Gedanken. Das darf nicht dazu verleiten zu glauben, dass ich wie ein Roboter durch die Gegend gelaufen wäre, nein, mein Denken war einfach nur nicht durch irgendwelche Symbole abgelenkt.

Und das Ergebnis? Mein Blutdruck war sehr niedrig, so niedrig, dass ich eigentlich auf die Medikamente hätte verzichten könnte. Aber leider erst einmal nur eigentlich, denn noch bekomme ich es nicht wirklich hin, dauerhaft ohne Symbole zu denken, was aber nicht mit schreiben oder sprechen gleichgesetzt werden darf. Es geht dabei immer um den Denk-Prozess, der der jeweiligen Tätigkeit vorausgeht. Wenn ich auf diese Art einen Schrank zusammen baue, man würde es vielleicht intuitiv zusammenbauen nennen, dann würde ich beispielsweise nicht in dem Symbol „Du brauchst jetzt den Schraubenzieher“ darüber nachdenken, was ich jetzt machen soll, sondern ich würde einfach einen Schraubenzieher benutzen. Da wäre einfach kein Gedanke mehr, Denken und Tun wären dann nicht mehr zwei Dinge, sondern würden sich gleichzeitig ereignen. Und es würde auch dem Begriff „bewusst“ eine ganz andere Bedeutung geben, denn ein anderer würde mich wahrscheinlich für total bewusst handelnd ansehen, ich aber nicht, denn mir wäre wohl gar nicht bewusst, was ich gerade mache, ich würde es einfach tun.. Und ich möchte wetten, dass mein Blutdruck dann auch ohne Pillen völlig normal wäre.

Jedenfalls merke ich, dass mein Blutdruck höher ist, je mehr ich mich in Gedanken bewege. Bin ich aber in Gedanken, dann bin ich nicht da, wo ich bin. Ich muss da sehr aufpassen, das immer sauber zu differenzieren, denn es macht einen Unterschied, ob ich mir Gedanken über etwas mache oder überlege, wie etwas geht. Gedanken ereignen sich in der Zeit, sie beziehen sich also nicht auf die Gegenwart, sondern auf Zukünftiges. Ganz anders, wenn ich „nur“ denke, sozusagen denke durch Nicht-Denken, das passiert nicht nur jetzt, sondern bezieht sich auch nur auf das Jetzt – und das ganz ohne Symbole. Aber das will ich können, das muss ich noch üben. Noch ist ja mein Blutdruck zu hoch. Also habe ich mir überlegt, wie ich mich immer wieder daran erinnern kann, nicht mit Symbolen zu denken. Ich brauche dafür nur eine „neue“ Konditionierung, die mir aus der bisherigen Konditionierung heraus hilft. Natürlich kann ich mir nicht vorgeben, worüber ich nachdenke, aber ich kann die Form des Denkens ändern, ganz einfach, in dem ich darauf achte, beim Denken keine Denksymbole zu verwenden. Und eine solche Erinnerung kann ganz einfach die morgendliche und abendliche Medikamenteneinnahme sein.

Ich will jetzt nicht darüber spekulieren, ob alleine das schon die Wirkung des Medikaments ausmacht, aber ich kann statt des Medikaments ein Placebo einnehmen, das mich daran erinnern soll, ohne Symbole zu denken. Es ist eine Sache, mir vorzunehmen, mir weniger oder keine Gedanken mehr zu machen – was wohl kaum funktionieren wird -, oder aber ich kann mir vornehmen, keine Symbole mehr zu verwenden. Das bedeutet, in einen entsprechenden Denk-Raum einzutreten. Mein Denken passt sich automatisch dem Raum an, in dem ich mich befinde. In einer Kirche denke ich erst einmal garantiert anders, als wenn ich in einem Einkaufszentrum unterwegs bin. Aber muss das so sein? Kann ich nicht sowohl in der Kirche oder bei einem Spaziergang im Wald mit meinem Enkel wie auch im Einkaufszentrum ohne Symbole denken? Genauso ist es auch in meinem Zimmer. Da sind Dinge, die machen Sinn, weil ich sie brauche. Doch da sind auch Dinge, die machen „eigentlich“ keinen unmittelbaren Sinn, sie machen nur einen gedachten Sinn. Kommen die mir aber in mein Blickfeld, lösen sie interessanterweise sofort Gedanken aus – wie gesagt, Ge-danken und nicht Denken! Ge-danken bewegen sich nun einmal in der Zeit und nutzen auch die Symbolik, ob ich mir dessen bewusst bin oder nicht. Und genau das ist das, was meinen Blutdruck in die Höhe treibt, denn ich beschäftige mich mit etwas, was  keinen konkreten, sondern nur einen gedachten und damit letztlich konstruierten Bezug zu meinem Leben jetzt hat.

Ich sitze gerade in unserem Wohnzimmer und schaue mich einmal sehr bewusst um. Was hat einen Bezug zu meinem Leben jetzt und was nicht? Etwa die alten Zeitungen, die da liegen, die habe nur einen gedachten Bezug zu meinem Leben. Also weg damit! Es sind einfach nur Platzhalter für eine mehr oder weniger offensichtliche Überlegung, etwas, was ich sollte oder könnte, irgendwann eben einmal. Und genau das sind beziehungsweise erzeugt die Symbole, von denen Huang-po spricht, die Dinge, die das korrekte und einfache Denken verhindern – das ich definitiv aber lernen will. Dabei muss ich mich zwischen zwei Gegensätzen entscheiden: Entweder, ich suche die Kontrolle über meine Gedanken zu haben oder aber ich trete in Beziehung zu dem ein, was ist. Über etwas Kontrolle zu haben ist ja nur ein Gedanke, vor allem, wenn ich das eigene Leben unter Kontrolle zu haben suche. Doch dabei geht mir das verloren, um das es tatsächlich geht, nämlich darum, in Beziehung zu sein. Denn ich existiere tatsächlich nur in Beziehung, aber ich existiere nicht, wenn ich mich in meinen Gedanken bewege.

„Etwas“ richtig zu üben heißt also, in Beziehung zu sein, mich in Beziehung zu wissen und das auch jeden Moment zu empfinden. Nichts sonst, nichts, was darüber hinaus zu tun wäre. Spüre ich nicht unmittelbar, in Beziehung zu sein, dann lebe ich zwar, doch nicht wirklich, nicht wahrhaftig, denn gedankliche bin ich ganz woanders. Und wie leicht ist es, ganz alltägliche Dinge zu Symbolen werden zu lassen und die tatsächliche Wahrnehmung durch die gedankliche Vorstellung zu ersetzen. Etwa, wenn ich mich mit jemandem unterhalte und dabei auch noch Musik höre. Ich kann mich ja nur auf eines von beidem konzentrieren, das andere wird dann zu einem Symbol, einem Platzhalte, ohne wirkliche Beziehung zu mir, im Normalfall sogar beide, Musik und Gespräch. Die Frage, die ich mir immer stellen sollte oder müsste, die ist, ob ich unmittelbar zu dem was gerade ist in Beziehung stehe oder ob ich nur in Beziehung zu mir selbst stehe, also meinen eigenen Gedankeninhalten, aber eben nicht zu der Welt „da draußen“, sondern nur zu mir selbst? Obwohl, eigentlich brauche ich mich das nicht zu fragen, denn ich kann es unmittelbar wissen: Mache ich mir Gedanken oder denke ich, ohne mich dabei auf Symbole zu beziehen? Mein Blutdruck ist ein Anzeigeinstrument für „richtiges“ oder „falsches“ Denken. Aber nicht nur der ist ein solches „Instrument“, sondern alle gedanklichen Dinge, die in Schieflage geraten sind. Warum ist egal, wichtig ist mir bewusst zu sein, dass ich mich hinter einem Symbol verschanze und deswegen die Wirklichkeit nicht sehen kann.

Das zu üben würde ich aber eher praktizieren nennen.