Etwas zu begreifen ist wie etwas zu verdauen

Klingt ein wenig skurril, mir fällt nur gerade kein besserer Vergleich ein. Stellen Sie sich einmal vor, wie es wäre, wenn Sie Hunger hätten und bekämen ein köstliches Menü serviert. Stellen Sie sich dann weiter vor, Sie würden es mit Vergnügen essen. Doch ich möchte wetten, dass Ihr Vergnügen sehr schnell vorbei wäre, wenn Sie Ihr Essen dann nicht auch verdauen könnten. Wie sollen Sie denn die darin enthaltenen Nährstoffe aufnehmen, wenn Sie Ihr Essen nicht auch verdauen?

Klarer Fall, das geht nicht. Und genau so ist es auch mit implizitem Wissen, also dem Wissen, das man zwar hat, nur dass man sich nicht immer bewusst ist, dass man es überhaupt hat und es auch manchmal nicht erklären kann, warum man es weiß und vor allem kann man oft nicht darstellen, wie es im Detail funktioniert. Wirklich vertrackt. Aber die Schwierigkeiten, die manche mit dem Essen und dem Verdauen haben, das scheint es auch bei Wissen zu geben.

Da wären die, die mehr essen, als sie benötigen. Ich gehöre da dazu. Beim Essen wie beim Wissen. Unnützer Ballast. Weiter gibt es die an Bulimie erkranken, die viel essen, es aber nicht verdauen wollen. Gibt es die bei dem Thema Wissen nicht auch? Oder die, die ihr Essen / Wissen nicht gut verdauen können und ihnen ständig etwas im Magen liegt? Und dann gibt es auch die Magersüchtigen, die einfach nicht essen wollen, so wie es die gibt, die einfach etwas nicht wissen wollen.

Verstehen und begreifen

An dem Beispiel „essen und verdauen“ kann man, finde ich jedenfalls, den Unterschied zwischen „verstehen“ und „begreifen“ sehr gut deutlich machen. Es ist einfach nicht das Selbe und auch nicht das Gleiche. Sonst gäbe es dafür ja auch keine zwei Begriffe. Habe ich etwas verstanden (gegessen) bedeutet das noch lange nicht, dass ich es auch begriffen (verdaut) hätte. Etwas nur zu verstehen, aber nicht auch zu begreifen, ist wie ein Gericht zu kochen, es zu essen aber nicht zu verdauen.

Doch das tun wir normalerweise nicht, der Hunger lässt uns dann schon irgendwann etwas essen. Wie sagt man doch so passend „Der Hunger treibt’s rein!“, wenn man etwas überhaupt nicht mag? Nur ist das beim Wissen ganz anders. Bei manchen Menschen scheint der Wissenshunger oder Wissensdurst regelrecht aus- und abgeschaltet zu sein. Und die darüber auch gar nicht reden wollen.

Was natürlich die Frage aufwirft, was man wissen müsste und was nicht. Beim Essen sollte man sich zum Beispiel überlegen, ob es Sinn macht, sich ausschließlich von FastFood zu ernähren und nur süße Limonade zu trinken oder ob es Sinn macht, zwar normal zu essen, aber jeden Abend mehr oder weniger betrunken ins Bett zu gehen, ganz zu schweigen von der schleichenden Gewöhnung an Alkohol, die oft nichtmehr bemerkt wird. Ich will es mir hier mal verkneifen, die Parallelen zum Nicht-Wissen-Wollen aufzuzeigen.

Was man wissen und begreifen sollte

Es ist also nicht so einfach, das gewohnte Denken neu zu organisieren, einfach deshalb, weil wir keinen unmittelbaren Zugriff darauf haben. Da hilft auch jede Menge Wissen nicht, wenn wir es nicht begreifen. Die Frage ist also, wie wir ein System organisieren können, das sich unserer direkten Einflussnahme entzieht. Aber hier ist es wie beim Essen. Als ich meinen Hausarzt nach einer Carotisstenosen-Operation aufsuchte, meinte der nur lapidar, dass es wohl an der Zeit wäre, meine Ernährung umzustellen. Habe ich auch gemacht, indem ich beim Kochen einen anderen Fokus habe.

Beim Wissen ist es nicht anders. Welches explizites Wissen brauche ich, damit daraus das für mich stimmige implizite Wissen wird? Bei dem Thema „Essen“ halte ich mich erst einmal an die, von denen ich ausgehe, dass sie davon etwas verstehen. So sagte mein Hausarzt auf meinen fragenden Blick hin nur „Mediterrane Küche“. Und ich verstand ihn sofort. Ganz einfach, weil ich die mediterrane Küche schon kenne. Doch was, wenn ich sie nicht gekannt hätte? Ich esse zum Beispiel sehr gerne Sushi. Traumhaft. Aber es kochen? Keine Chance! Also lasse ich es sein und gehe nur ab und zu in ein entsprechendes Lokal.

Die Analogie erkennen

Das könnte ich beim Wissen auch so machen und mir ab und zu einen hochinteressanten Vortrag anhören oder ein entsprechendes Buch lesen. Nur würde das sicher keine Wissensumstellung bedeuten; so wie meine gelegentlichen Besuche im Sushi-Lokal nicht zwangsläufig bedeuten, dass ich in den Prinzipien des Zen denken würde. Zen ist fraglos die philosophische Basis des Sushi-Kochens. Ich denke, dass ich die Zen-Philosophie begriffen haben muss, um wirklich Sushi kochen zu können, so wie ich die Philosophie der mediterranen Welt verstanden haben muss, um so zu kochen – und nicht nur Rezepte abzukochen.

Also ist die Frage, wie ich wirklich sein will – und nicht nur darüber zu reden. Einfach, wesentlich, klar, frisch, unmittelbar und ursprünglich – das sind die Begriffe, die mir zur japanischen wie auch zur mediterranen Küche einfallen. Darüberhinaus schmeckt die mediterrane Küche beispielsweise nach Sonne und Meer. Da nicht nur die Liebe durch den Magen geht, sondern mein gesamtes Leben, sollten ich mir vielleicht doch mehr Gedanken über das machen, was ich esse, und darin meine gelebte Philosophie erkennen.

Es ist ja nicht nur die Küche, das ist nur ein Aspekt. Meine ganzes Lebensgestaltung spiegelt meine selten wirklich bewusste Philosophie wieder. Also wird es Zeit einmal genau zu schauen, wie ich lebe. Dann weiß ich auch, wie ich denke und welche Philosophie ich im Geheimen folge. Das kann nämlich eine andere als die sein, der ich „offiziell“ anhänge.