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Wohin des Weges?

Im Januar 2020 wurde ich an einer Karotisstenose operiert. Hätte ich vorher schon a) über das Wissen verfügt, über das ich heute verfüge und hätte ich b) dies auch nutzen können (was leider nicht bedeutet, dass ich es heute könnte), dann wäre ich möglicherweise nicht erkrankt und hätte nicht operiert werden müssen.

Um das zu erklären, will ich Sie auf eine galaktische Reise mitnehmen. Stellen Sie sich vor, Sie sitzen in Ihrem Raumschiff, flögen zum Mars und würden gerade wach werden. Ihr Wecker hat geläutet und es wird Zeit, dass Sie sich für den Landeanflug bereit machen.

Sie nehmen also in Ihrem Astronautensitz Platz, studieren die Messanzeigen wie Bildschirme um Sie herum und beginnen, sich mit all den Hebeln, Knöpfen und dem Lenkknüppel vertraut zu machen. Doch plötzlich beginnt eine Lampe rot zu blinken. Und noch eine! Nur Sie wissen überhaupt nicht, was Ihnen das sagen soll. Irgendetwas stimmt ganz eindeutig nicht mehr.

Nur, das ist erst der Anfang! Am Ende holen Sie, mittlerweile schon ziemlich nervös, Ihren Werkzeugkasten und suchen der Sache auf den Grund zu gehen. Sie suchen und suchen, finden aber nur immer mehr kaputte Bauteile. Die Ursache jedoch finden Sie einfach nicht. Was Ihrer Laune nicht gerade gut tut.

Doch, wer hätte das gedacht, da erscheint Ihnen – Sie können es kaum glauben! – der Geist von Obi-Wan Kenobi. Und er erklärt Ihnen auf seine nüchterne, klare Art, dass all die Steuerelemente und Armaturen, an denen Sie in Ihrem Bestreben, den Fehler zu finden, herum schrauben, dass all das nur eine Illusion ist, nicht wirklich.

Er erklärt Ihnen weiter, dass Sie Ruhe bewahren, sich zurücklehnen und sich entspannen sollen. Weiter erklärt er Ihnen, dass es genügt, sich einfach nur zu konzentrieren und Sie sich vorstellen sollen, wie Sie Ihr Raumschiff sicher auf dem Mars (oder war es die Venus?) landen, nur mit der Kraft Ihrer Gedanken. Und Sie können es kaum glauben, aber genau so geht es!

Das sind die Gedanken, über die nachzudenken mir meine Karotisstenose verholfen hat. Ich weiß ja, dass Gene an- und abgeschaltet werden und dass es daneben eine Menge an Informationen gibt, die meine Zellen hin- und herschicken und mit denen sie kommunizieren. Wissenschaftler sagen Epigenetik dazu.

Ganz klar, dass ich dieses Wissen für mich zu nutzen suche. Doch mir ergeht es so wie Ihnen in Ihrem imaginären Raumschiff. Je mehr ich nach Einstellmöglichkeiten suche, desto weniger finde ich etwas Greifbares. Kein Knopf, auf den ich drücken könnte und alles wird gut! So langsam beginne ich zu verstehen, dass ich es mit meinem Willen nicht hinbekomme, das funktioniert einfach nicht.

Ich weiß nicht, was es war, Erwin Pelzig würde dazu wohl ‚Füchung‘ sagen; jedenfalls fing ich mit 65 an Motorrad zu fahren. Dabei lernte ich ein Phänomen kennen, das unter dem Begriff ‚Flow‘ bekannt ist. Mit Flow, auf deutsch ‚Fließen, Rinnen, Strömen’ wird das als beglückend erlebte Gefühl eines mentalen Zustandes völliger Vertiefung und restlosen Aufgehens in einer Tätigkeit bezeichnet, die wie von selbst vor sich geht.

Vielleicht kennen Sie das auch, dass Motorradfahrer immer ganz begeistert von dem Motorradfahren erzählen. Dabei steht natürlich das nicht wirklich zu beschreibende Glücksgefühl im Vordergrund. Wenn ich Nachbars Katze sehe, wie sie sich dehnt und räkelt und dabei vollkommen zufrieden vor sich hin schnurrt, dann tut sie das ja nicht nur um dieses Glücksgefühl zu erleben, sondern sie tut etwas ganz Konkretes für sich, sie richtet ihr Knochenskelett ein. Mit anderen Worten: Bei einem Flow geht es nicht wirklich um dieses Glücksgefühl, sondern es geht darum, im Einklang mit sich und der Welt zu sein. Genau der Zustand, wo ich hinkommen möchte.

Irgendwann begann ich mich zu fragen, weshalb ich Motorrad fahren muss, um einen Flow erleben zu können. Warum soll das nicht auch im ganz normalen Alltag möglich sein? Das war der Gedanke, der sich mit der Zeit immer hartnäckiger in meinem Gehirn festsetzte und den ich einfach nicht mehr los wurde. Mittlerweile glaube ich tatsächlich, dass ‚Flow‘ die Antwort auf die Frage ist, was beispielsweise meine Gene an- oder abschaltet oder wie ich Memetik sinnvoll nutzen kann.

Natürlich bedeutet das auch, dass ‚Flow‘ nicht per se positiv ist, er kann sich auch ausgesprochen negativ auswirken. Entscheiden ist, was und wie ich denke. Was jetzt nicht bedeutet, dass ich das kontrollieren könnte. Und es bedeutet leider auch nicht, dass ich wüsste, welche Haltung die stimmige ist. Das jedoch gilt es für mich herauszufinden. Nur wann oder wie ich im Einklang mit mir selbst und der Welt bin, das kann ich nicht ‚finden‘, denn das kann ich nur sein.

Dazu brauche ich zum einen Wissen um all diese Zusammenhänge, zum anderen muss ich bereit sein, mich fallen zu lassen, mich darauf einzulassen, ohne irgendetwas kontrollieren zu wollen. Ich muss es geschehen lassen.