Gewohnheiten und Rechtfertigungen

Eine absolute Falle für alle guten Vorsätze. Regelrecht tödlich, da ist definitiv kein Entkommen möglich. Dessen muss ich mir zum einen vollkommen bewusst sein, zum anderen muss ich ungewohnt (!) leben, will ich dieser Falle entkommen. Wirklich sehr bewusst und in jedem Moment achtsam und reflektiert zu leben, damit beginnt es. Nur so kann ich die Macht der Gewohnheiten brechen und dem Sog der Rechtfertigungen entkommen.

Nagarjuna hat nicht ohne Grund gesagt, dass nur der ernsthaft Zen praktiziert, der gescheitert ist. Und durch das Milgram Experiment ist eindrucksvoll dokumentiert, dass Menschen bereit sind Dinge zu tun, die sie eigentlich nie tun würden, jedenfalls würden sie das behaupten. Doch sie tun es, wenn eine Respektsperson es anordnet und auch noch eine plausible Erklärung dazukommt, also eine Rechtfertigung. Und niemand sollte jetzt behaupten „Aber ich doch nicht!“. Das ist die große Illusion, der so viele erliegen, nämlich zu glauben, sie seien davor gefeit.

Ich glaube nicht, dass irgend ein Mensch sich dem entziehen kann – es sei denn, er lebt sehr, sehr bewusst ein Leben jenseits von Gewohnheiten und Rechtfertigungen. Ich habe mich lange gefragt, wie meine Eltern in den Sog des Dritten Reiches kamen und Nationalsozialisten werden konnten. Die Banalität des Bösen, die Hannah Arendt beschrieben hat, wurzelt unter anderem genau darin, in Gewohnheiten und Rechtfertigungen. Ich wollte nie wie meine Eltern werden, doch irgendwann bin ich ihnen erschreckend ähnlich geworden, nicht ideologisch, aber in meiner Art. Durch Gewohnheiten und Rechtfertigungen. Es war ein Glück für mich, dass ich etwas erlebte, das mich total aus der Bahn warf, so dass die bisherigen Gewohnheiten und Rechtfertigungen nicht mehr griffen.

Gestern habe ich mit einer Sieben- und einem Fünfjährigen Karten gespielt. Beide Kinder leben ganz offensichtlich in ihren ganz eigenen Erkenntnis- und Erfahrungswelten. Bei Erwachsenen ist es schon schwieriger zu erkennen, aber jeder lebt in seiner eigenen Welt. Was nicht bedeutet, dass wir allein deswegen in einem Multiversum leben würden. Verschleiert wird dies leider gänzlich durch die Konvention. Sie lässt uns ernsthaft glauben, wir könnten die Dinge sehen, wie sie tatsächlich sind, einfach, weil wir nicht wirklich darüber reden. Doch wir sehen nur, was wir subjektiv erkennen können. Das bleibt so lange, so lange ich die Trennung in Subjektivität und Objektivität nicht überwunden haben und die Welt als das in sich differenzierte Eine erkenne.

Erst wenn die Vorstellung eines individuellen „Ich“ erloschen ist, kann ich die Welt sehen, wie sie ist. Ohne Trennung.