Glauben oder lernen?

Wir denken ja oft, dass vor allem Kinder etwas Sachliches in der lernen würden, wenn sie in die Schule gehen, doch tatsächlich lernen sie oft nur zu glauben. In der Schule „lernen“ wir Dinge, die sich später durchaus als falsch herausstellen können. So bröckelt gerade das psychologische Denkgebäude gewaltig, denn die Psychologie stellt sich gerade selbst in Frage, wie die SZ schreibt. Was derzeit in der Psychologie geschieht, ist keineswegs peinlich, sondern ein Beispiel für gute Wissenschaft. Betrifft aber nicht nur die Psychologie, sondern auch die Wirtschaftswissenschaftler, die ja vielfach auf den Erkenntnissen der Psychologie aufbauen. Nur da bin ich mir nicht so sicher, ob die sich auch mal in Frage stellen.

Es ist aber auch ein sehr gutes Beispiel dafür, dass man das eigene Denken immer wieder in Frage stellen sollte. Und eigentlich auch muss, will man sicher sein, nicht einem falschen Gedanken aufzusitzen. Aber nicht, in dem man sich selbst nichts mehr glaubt, sondern indem man die eigenen Annahmen immer wieder verifiziert. Da wird es einem wohl oft so gehen, wie es dem Physiker Thomas Young bei einem Experiment ging, das die Vorstellungen des großen Isaac Newton über die Natur des Lichts umstürzen sollte. Es war der Doppelspaltversuch. Young hatte ihn entwickelt, um die wellenförmige Natur des Lichts zu beweisen – und schien zunächst Recht zu behalten. Mit seinem Doppelspaltversuch widerlegte er Newton, der meinte, Licht würde aus Teilchen bestehen.

So einfach war es dann aber doch nicht: Etwa 100 Jahre später, mit der Geburt der Quantenphysik, wurde klar, dass Licht tatsächlich aus winzigen, unteilbaren Energieeinheiten oder »Quanten« besteht, den Photonen. Nur verhält es sich manchmal aber auch wie eine Welle. Newton und Young hatten beide scheinbar recht – doch sie hatten unrecht, weil sie die Meinung des anderen ausschlossen und ihre Meinung als die Richtige ansahen. Seitdem haben Forscher längst weitergedacht und Youngs Experiment weiterentwickelt. Sie haben zum Beispiel untersucht, was passiert, wenn man einzelne Photonen oder die Bausteine herkömmlicher Materie wie Elektronen und Neutronen durch den Doppelspalt schickt.

Das wirft neue, grundlegende Fragen über die Natur der Realität auf. Und genau darum geht es auch, wenn ich meine eigenen Ansichten und Überzeugungen immer wieder verifiziere. Klingt einfach, ist es wohl aber nicht. Es ist die Kunst, sich vollkommen sicher zu sein – bis man etwas Anderes, Neues erkannt hat. Doch das funktioniert nur im Dialog, denn nur da ist Selbstorganisation möglich. Das Entscheidende ist wohl, dass man sich vollkommen sicher in seinen Annahmen ist, absolut keine Beliebigkeit und auch keine Angepasstheit an den „Common Sense“ oder die Konvention zulässt, was aber nicht bedeutet, seine Meinungen nicht auch immer wieder im Dialog neben andere zu stellen und sie zu verifiziert.

Also nichts glauben, sondern lernen. Und das bedeutet zu verifizieren. Und das ist gerade jetzt so wichtig, denn bisher glaubten die Menschen, dass sie wüssten, wie die Welt funktioniert. Mittlerweile wissen wir, dass das nicht so ist, denn die Welt funktioniert ganz anders, als wir bisher dachten. Auch wenn wir wissen, dass das noch nicht das Ende der Fahnenstange ist, gehe ich, jedenfalls soweit ich es erfassen (denken) kann, davon aus, jedoch immer bereit, Neues zu erkennen. Es ist absolut hilfreich, sich bei dieser Art des Denkens philosophische Grundsatzgedanken zu besinnen, etwa, dass die Wahrheit ein pfadloses Land ist.

Doch diesen Gedanken darf man nicht absolut setzen und denken, es gäbe keine überhaupt nichts, worauf man aufbauen kann. Auch Krishnamurti hatte klare Ansichten, doch keine Lehre daraus. Es geht also bei diesem Gedanken nicht um die Ansichten, sondern um die Lehre. Wenn es aber keine Lehre gibt, an die ich mich halten soll, dann heißt das, ich muss eigenständig denken und verifizieren, was ich höre.