Grundlegend anders denken

Kein einfaches Unterfangen, bedeutet es doch, meine eigene Position aufzugeben. Mit anderen Worten: Ich muss hinterfragen, was mich ausmacht, denn ich bin ja nichts anderes als das, was ich denke.

Als ich so darüber grübelte und gedankenverloren ein wenig im Internet ‚herumblätterte’, las ich diesen Gedanken: „Agieren an den Börsen dieser Welt lediglich Marionetten mit einem Kapital, das ihnen gar nicht gehört?

Im gleichen Moment schoß mir der Gedanke durch den Kopf, ob ich selbst nicht auch so eine Marionette bin, auch wenn ich nur ein Rechtsanwalt und Berater in Rente bin? Und ich fragte mich, ob das nicht genau der Gedanke ist, den auch Étienne de La Boétie in seinem Essay über die freiwillige Knechtschaft ausdrücken wollte? Dass so schrecklich viele nicht nur Marionetten sind, sondern sich selbst dazu machen?

Ein Gedanke, der nicht so einfach von der Hand zu weisen ist. Ich jedenfalls habe lange Zeit das Marionetten-Spiel mit Begeisterung mitgespielt. Weshalb? Ich kannte es einfach nicht anders und deswegen hielt ich es lange für richtig, schließlich spielten ja so ziemlich alle das Spiel mit.

Aber irgendwann begriff ich, dass es ein Spiel war. Also suchte ich den Fehler. Doch den suchte ich erst einmal bei anderen zu finden, bis ich endlich begriff, dass ich in den Fehler nur in meinem eigenen Denken finden konnte. Also dann! Das eigenen Denken untersuchen.

Ersthaft grundsätzlich anderes zu denken heißt also, mein Ich aufzugeben. Ich werde nur dann wirklich anders denken, wenn ich nicht an meinem „Ich“ hänge. Wie sagte doch René Descartes? „Ich denke, also bin ich.“ Nur bin ich mir nicht so sicher, ob es ein Beweis für die Existenz dieses Ich ist, wenn ich zweifle.

Descartes hat insoweit Recht, als er damit die Struktur des Ich beschreibt. Wenn ich es persönlich nehme, dass es in mir denkt, dann hat er Recht. Nehme ich es doch nicht persönlich, dann jedoch nicht. Nehme ich persönlich, was ich denke, dann habe ich auch ein Problem damit, mein Denken zu ändern.

Weiß ich hingegen, dass dieses ‚ich‘, von dem ich immer rede, nur ein sprachliches ‚ich‘ ist, dann kann ich auch mein Denken problemlos ändern; erst recht, wenn ich davon ausgehe, dass ich im Laufe meines Lebens auch jede Menge Unsinn in meinen neuronalen Synapsen gespeichert habe. Und die muss ich möglichst zügig wieder loswerden.

In der aktuellen Krise wird überdeutlich, dass viele Menschen die Orientierung verloren haben. Ich habe sie schon vor geraumer Zeit verloren und gewinne sie allmählich zurück, wenn ich auch noch nicht behaupten würde, ich wüsste 100 prozentig, wo es in meinem Leben hingeht. Sicher ist nur, dass je mehr Müll ich aus meinem Hirn herausbekomme, desto besser fühle ich mich.

Was wir aber mit anderen Augen betrachten, verstehen und behandeln wir auch anders.“ Ein Gedanke von Petra Bock in Der entstörte Mensch’. Oder Maja Göpel in Unsere Welt neu denken‘ „Ändere die Sicht auf die Welt, und es verändert sich die Welt.“ So sehe ich das fast auch.

Entscheidend ist nicht nur, anders zu denken, sondern stimmig zu denken. Das ist eine Kunst. Ich mache es folgendermaßen: Ich nehme Gedanken und Haltungen des Ch’an (Zen) und schüttle sie durch das Sieb der fundamentalen Fragen der Quantenphysik. Für mich ist das die Garantie, dass ich nicht in irgendwelche mystizistischen Gedanken abdrifte. Was durch das Sieb durchkommt, das wird dann in meinem Leben verifiziert.

Ich gehe also im Weiteren von dem aus, was dann noch Bestand hat, was nicht bedeutet, es nicht auch immer wieder kritisch zu betrachten und zu untersuchen. Ganz pragmatisch.