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Halt die Klappe und rechne!

Ein Spruch, der unter Physikern ein Running Gag ist. Aber es kann einen auch nachdenklich werden lassen, bedenkt man die aktuelle Situation. Da ist es nämlich ganz ähnlich. Doch das ist nicht mehr lustig. Aber von vorne.

Vor über hundert Jahren erkannten die Physiker Bahnbrechendes, was uns enorme technische Möglichkeiten eröffnet hat, die heute teilweise alltägliche Selbstverständlichkeit sind. Doch das hat auch eine andere Seite. Die ersten Quantenphysiker haben sich dieser Seite gestellt und haben sich auf die fundamentalen Fragen eingelassen, die damit einhergehen.

Fragen, die sich zwar indirekt aus den physikalischen Erkenntnissen ergeben, die sie gemacht haben, jedoch nicht die Physik, sondern unser eigenes Selbstverständnis betreffen. Sie ergeben sich nur indirekt aus der Physik. Voraussetzung ist aber, dass wir überhaupt bereit sind, uns darauf einlassen.

Nur ist es wirklich sehr schwer, sich überhaupt darauf einzulassen, wofür es einen simplen Grund gibt: Es werden Dinge erörtert, die wir uns beim besten Willen nicht vorstellen können. Das gelingt erst, wenn wir den inneren Widerstand dagegen überwunden haben. Dafür müssten wir die Brisanz erst einmal erkennen.

Ein Beispiel: Solange wir komplexe Dinge als kompliziert ansehen, können wir damit einhergehende Probleme nicht lösen. Oder wenn wir deterministisch und nicht prozesshaft denken. Und wer sieht ‚Information‘ als grundlegend an, wohingegen es Materie als solche überhaupt nicht wirklich gibt? Sicher nur sehr, sehr wenige.

Das ‚Problem‘ ist, dass diese fundamentalen Fragen die technische Anwendung nicht ‚stören‘. Daher auch die Einstellung ‚Klappe halten und weitermachen‘. Andererseits stören diese Fragen unser eigenes Selbstverständnis gewaltig. Sie bringen nämlich unser Weltbild und damit unser Selbstverständnis zum Einsturz.

Lassen wir uns doch darauf ein, wird uns wahrscheinlich sehr schnell klar, dass ‚Wirklichkeit‘ nicht das ist, was wir bisher dafür hielten. Das ist die ‚Kröte‘, wie ich immer sage. Nur ist die nicht so leicht zu schlucken. Aus genau diesem Grund gehen ihr viele lieber aus dem Weg, als sich der eigenen rationalen Dissonanz zu stellen.

Diese stellt sich unweigerlich ein, wenn das eigene Weltbild – und damit der persönliche Sicherheitsbereich aufgegeben werden soll. Doch wenn das Weltbild schlicht unzutreffend ist – dann ist es kaum sinnvoll, sich daran festzuklammern und das bisherige Denken nicht in Frage zu stellen – auch wenn es unzutreffend ist. Das zu vermitteln ist die wirkliche Herausforderung.

Wie können wir die fundamentalen Fragen in unserem Leben wirklich leben? Wie können wir die Widersprüche zwischen altem und neuem Weltbild auflösen? Mit anderen Worten: Schrödingers Katze will aus ihrem Gefängnis und sinnt auf Rache! Lesch sagt in dem Video, dass die Quantenmechanik überall sei, aber nicht überall spürbar wäre. Das ist die Frage, wann man von Dekohärenz ausgehen muss und wann nicht. Andererseits ist es Anton Zeilinger und seinem Team mittlerweile gelungen, auch bei größeren Objekten, sogenannten Fullerenen, Quanteneigenschaften nachzuweisen. Also eine noch offene Frage.

Jedoch ist das eine wirklich extreme Frage, die die Quantenphysik da aufwirft. Sie betrifft wohl Spontanheilungen und solche Fragen. Aber es gibt auch Dinge, die weniger fantastisch sind, wie etwa Komplexität oder Selbstorganisation, die unbestritten existieren. Die Frage ist: Weshalb ignorieren so viele das noch immer?

Warum denken wir also nicht entsprechend?

Published inAllgemein