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Handeln wir wider besseres Wissen?

Viele kennen das Zitat von Albert Einstein „Der Mensch ist Teil eines Ganzen …“, die Gespräche von David Bohm mit Jiddu Krishnamurti oder die von Wolfgang Pauli mit C. G. Jung. Und auch Hans-Peter Dürr wird gerne zitiert, der den Begriff „das in sich differenzierte Eine“ für (s)eine Beschreibung der Welt geprägt hat.

Einstein, Bohm, Pauli und Dürr waren Quantenphysiker, also Wissenschaftler, die sicher nicht des Mystizismus verdächtig sind. Was sie zusammen mit anderen Physikern erkannt haben und was mit dem Begriff ‚Quantenphysik’ be- und umschrieben wird, ist aus unserer Welt nicht mehr wegzudenken. Vom CD-Spieler, über das Handy und das Navi bis hin zum Flug auf den Mond oder die Erkundung des Weltalls – all das wäre nicht möglich ohne das Wissen der Quantenphysik.

Was weiß ich wirklich?

Doch wird das, was die Quantenphysiker über die rein technische Seite hinaus an fundamentalen Fragen aufgeworfen haben, überhaupt ernst genommen, zumindest als bedenkenswert betrachtet? Ich denke nämlich kaum! Wenn ich die Gedanken einmal genauer analysiere, die Bohm, Pauli und Dürr neben ihren naturwissenschaftlichen Überlegungen hatten, dann klingt das für einen Nicht-Physiker erst einmal ziemlich mystisch.

Nehmen Sie das Beispiel Zeit. Zeit ist in unserem ‚normalen‘ Verständnis ein absolut universeller Maßstab und läuft unaufhaltsam und immer gleich schnell vom Urknall aus bis heute – tick-tack-tick-tack. Nur ist die Sache bei genauem Betrachten doch etwas komplizierter.

Es fängt damit an, dass es beim Urknall – und erst recht davor – noch keine Zeit gab. Oder besser gesagt: Mit den physikalischen Modellen, mit denen üblicherweise die Entstehung und Zusammensetzung des Universums beschrieben wird, bricht zum Zeitpunkt des Urknalls auch der Zeitbegriff zusammen.

Nur, verschwende ich überhaupt Gedanken daran, das Raum und Zeit keine getrennten Größen sind, sondern in Wirklichkeit ein Raum-Zeit-Kontinuum? Natürlich ist es sehr schwer, den gewohnten, weil wahrgenommenen, Unterschied zwischen Raum und Zeit abzulegen und beides als Teil eines Ganzen zu betrachten. Andererseits, darf ich das einfach so ignorieren?

Je mehr ich weiß, desto weniger kann ich mir sicher sein

Die Frage ist also, ob ich so tun kann, als sei die Zeit eine feste und lineare Größe, wenn ich mich selbst wirklich verstehen will? Denn die Zeit spielt eine erhebliche Rolle bei einem interessanten Phänomen, dass schon Einstein zur Verzweiflung trieb, der Verschränkung. Das hat wohl jeder schon gehört, aber wer hat einmal ernsthaft darüber nachgedacht? Nehme ich dieses Phänomen nämlich erst, dann werden viele Dinge mit einem Mal verständlich, wenn auch nicht erklärbar, die in der Welt passieren. Also auch in mir.

Nur darf uns das nicht dazu verführen, in den Mystizismus abzudriften. Bei Begriffen wie ‚Quantenheilung‘ gehen bei mir sämtliche Warnlampen an. Andererseits ist es Tatsache, dass die Quantentheorie keine Aussagen über das Ergebnis einer einzelnen Messung macht, sondern nur die Wahrscheinlichkeiten von möglichen Resultaten vorhersagt. Was erst einmal ein dickes Fragezeichen in meinem Kopf hinterließ. Da hilft es mir erst einmal wenig, dass Quantenphysiker aufgrund ihrer Versuche erkannten, dass das, was sie da ‚sahen‘ in dem gesunden Menschenverstand schlicht und einfach widersprecht. Denn ich sollte das auch erkennen.

Zurück auf Los

Das ist genau die Situation, in der wir gerne was anderes machen, statt uns weiter damit zu beschäftigen. Physiker hingegen suchen diesem Widerspruch zu begegnen, indem sie weiter forschen. Doch was mache ich damit, also ich, als gelernter Jurist? Juristen haben ja den Ruf, immer genau zu wissen, was richtig ist. Das aber ist genau das Problem. Denn die Quantenphysik hat dazu eine klare Botschaft, nämlich die, dass ich mir nicht sicher sein sollte, dass es so ist, wie ich es mir denke, ja nicht einmal, wie ich es wahrnehme.

Wenn ich es also genau bedenke, geht es ‚eigentlich‘ nicht darum, dass ich etwas lernen sollte, sondern ich sollte nur sehr, sehr vieles verlernen. Die fundamentalen Fragen, die die Quantenphysiker erkannt haben sind ja nicht wirklich ‚neu‘, es sind eher Fragen an das Weltbild, von dem wir üblicherweise ganz selbstverständlich ausgehen. Das sind Fragen, die wir nicht mehr verleugnen können. Wenn ich erfahren habe, dass ich nicht von der Erde herunterfalle, wenn ich über den Horizont hinausgehe, dann weiß ich das eben aus eigener Erfahrung. Beschränke ich mich jedoch nur auf ein theoretisches Wissen, dann kann ich mir nie sicher sein, ob es auch tatsächlich so ist.

Wie kann ich damit umgehen?

Im Grunde ist das sehr einfach. Ich brauche mich nur auf das einzulassen, was ich wissen möchte, den damit verifiziere ich es. Es gibt einen Zustand, den wir alle kennen, in dem wir nur verifiziertes Wissen anwenden können, und das ist der Flow. Damit stellt sich die Frage, warum wir nicht grundsätzlich im Flow zu leben suchen, statt uns nur temporär darin zu bewegen und eine Auszeit von der Realität zu nehmen, die uns umgibt?

Das ist meiner Ansicht nach die Kunst, die es zu lernen gilt.

Published inAllgemein