Ich bin, was ich denke

Also muss ich erst erkennen, was ich denke, wenn es mir nicht so gefällt, wie ich bin. Es ist eine eigenwillig anmutende Kombination aus etwas wollen und dann wieder doch nicht wollen. Aber der Reihe nach. Da ist erst einmal das Wissen über das Denken an sich wie über die Prozesshaftigkeit des Lebens. Über die Struktur meines Lebens kann ich und muss ich wissen, was ich wissen kann. Doch ich muss mir gleichzeitig darüber im Klaren sein, dass mir das allenfalls den Weg zeigt, aber es bedeutet nicht, dass ich ihn deswegen auch schon gehen würde.

Mir nur Wissen anzueignen genügt also keinesfalls, ich muss dieses Wissen auch in meinem eigenen, alltäglichen Leben konsequent verifizieren. Es einfach nur zu glauben geht eben nicht. Doch das darf mich noch nicht in Sicherheit wiegen, wenn ich es tue, es ist auch absolut notwendig, meine eigenen Emotionen im Griff zu haben, was garantiert nicht bedeutet, sie zu unterdrücken, aber eben auch nicht, ihnen blind zu vertrauen oder sie einfach laufen zu lassen. Die Welt erlebe ich ja immer nur über meine Sinne, aber das ist eben nicht nur das Sehen, Riechen, Fühlen, Schmecken oder hören, sondern es bedeutet auch mir der weiteren geistigen Interpretationen bewusst zu sein. Achte ich nicht ganz genau auf das, was ich dabei empfinde, sitze ich allzugleich irgendwelchen komischen Vorstellungen auf. Und das führt dann zu Irrglauben und Mystizismus.

Dann kommt das vielleicht Herausforderndste, das Sich-Einlassen. Das ist keinesfalls schwierig, aber eben herausfordernd, denn es bedeutet die Kontrolle aufzugeben. Das ist zwar vollkommen paradox, denn wir haben tatsächlich nichts unter Kontrolle, nicht einmal unsere eigenen Gedanken, was aber absolut nicht bedeutet, dass wir ein Spielball des Lebens wären, aber Kontrolle ist es nicht. Doch das erkennen wir erst, wenn wir wirklich bereit sind, uns in den Geist fallen zu lassen. Das mit der Kontrolle war für mich so, als würde ich mich krampfhaft an einem Strohhalm festhalten, dabei stand ich die ganze Zeit auf sicherem Boden und nichts konnte mir passieren. Aber das konnte ich leider erst hinterher erkennen. Wir schieben da gerne immer das Lernen davor, aber darum geht es gar nicht.

Begriffen habe ich das auf dem Motorrad, dass es eben nicht darum geht, zu lernen, sondern sich, also mich, einfach fallen zu lassen. Es war schlicht und einfach Angst, die mich genau das Gegenteil von dem tun ließ, was ich eigentlich tun sollte. Wir vergleichen das gerne mit dem Laufen-Lernen kleiner Kinder, doch das ist Unfug, denn die können sich einfach noch nicht so bewegen, sie müssen es Wirkich lernen. Wir Erwachsenen aber nicht, denn da ist keine unbekannte Bewegung. Nur Angst. Das Verrückte ist, dass ich ganz genau wusste, was ich tun müsste, es aber nicht tat – und mir meine Angst nicht bereit war, einzugestehen. Und das machte ich leider auch bei Dingen, bei denen mir absolut nichts passieren konnte. Zum Beispiel dabei zu erkennen, wie ich wirklich denke. Ich muss es ja niemand erzählen. Aber wissen sollte ich es schon.

Mein Denken verändere ich nicht dadurch, dass ich es zu kontrollieren suche, sondern allein durch wirkliche Einsicht ohne jeglichen Konjunktiv. Je mehr ich mich aus der Konvention heraus bewege und mich nicht weiter einer kranken Gesellschaft anpasse, desto freier wurde ich. Also es nicht kontrollieren zu suchen, sondern zu reflektieren, mir also bewusst zu werden, was ich denke. Doch das setzt voraus, siehe oben, mir erst einmal bewusst zu sein, wie ich überhaupt denke. Es ist schon ein eigenartiger Mechanismus in meinem Denken, dass ich das, was ich dachte, meist für richtig hielt und es ungerne hinterfragte. Hoffentlich mache ich wenigstens das nicht mehr. Eigentlich brauche ich nur damit aufhören zu glauben, dass das, was ich so denke, das Non plus ultra ist. In dem Moment, in dem ich das aufgab, würde es merklich leichter und vor allem viel besser.

Um zu sein, der ich bin, brauche ich mich nur von meinen Fesseln zu befreien. Die aber sind nur in meinem Denken, nirgends sonst. Doch das war nicht so einfach zu akzeptieren, jedenfalls für mich nicht, weil ich perfekt darin war, anderen die Schuld für das Gefühl der Unfreiheit in die Schuhe zu schieben. Es geht ganz einfach um Eigenverantwortung. Es ist ja eine komische Sache, wie reduziert ich Eigenverantwortung immer wahrnahm, nämlich als die Bereitschaft und die Pflicht, für das eigene Handeln und Unterlassen Verantwortung zu übernehmen. Und genau damit unterwarf ich mich der Konvention. Ich tat automatisch das, was man von mir erwartete und fühlte mich auch noch gut damit. Bis ich zum einen das System durchschaute, an dem ich selbst mitwirkte (!). Doch das war gar nicht so leicht, da auszusteigen, den erst einmal musste ich begreifen, dass ich auch anders denken konnte, ohne etwas lernen zu müssen.

Eigenständiges Denken hat seinen Preis. Man muss die Herde der Vielen verlassen und in die (innere) Stille gehen, nicht um dort zu bleiben, sondern wieder zurückzukommen in die Gemeinschaft. Aber eben anders. Diese innere Stille ist Selbstreflexion. Das geht nur alleine, eben selbst. Aber die richtige Frage ist wichtig, denn nur wenn ich mich frage, was ich denke, nur dann kann ich erfahren, warum ich tue, was ich tue. Aber ich darf nicht vergessen, dass ich dazu wissen muss, wie ich denke, sonst drehe ich mich immer im Kreis. Ist schon verrückt, wie ich mich meiner eigenen Denkfähigkeit beraubte, nur um dazuzugehören. Um die Klappe halten zu können, musste ich nämlich aufhören, eigenständig zu denken.

Es beginnt also mit eigenständigem Denken.