Ich brauche keine Therapie!

Ich muss einfach nur Motorrad fahren! Ein bekannter Spruch, der mir gerade wieder einmal über den Weg gelaufen ist. Sehr bewusst wurde es mir wieder gestern, als ich mit dem Motorrad unterwegs war. Wie anders ist es für mich, wenn ich auf zwei Rädern unterwegs bin, im Vergleich zu der Begegnung mit anderen Menschen, so wie gestern Abend in der Kneipe. Dabei geht es nicht nur darum, dass ich beim Motorradfahren (zwangsläufig) alleine bin, denn bei manchen Menschen kann ich das auch erleben, nämlich dass man sich tatsächlich begegnet – ganz ohne Maske, jenseits der Konvention.

Die Dynamik der Konvention 

Ohne Konvention – da ist die Welt für mich in Ordnung, da ist die Unmittelbarkeit, die mich in einen ganz spezifischen geistig-mentalen Zustand versetzt, einen Zustand, den man unmöglich in einem Gespräch aufrecht erhalten kann, wenn das Gegenüber nicht genau so gestimmt ist wie man selbst, sich nämlich ohne Maske zu zeigen, so wie er eben ist und nicht nur so tut, sich so zu begegnen, sondern das auch will. Außer natürlich man schweigt. Doch dann wird es mit dem Gespräch schwierig.

Kürzlich habe ich in einem Forum die Frage gestellt, ob ich mich selbst betrachten, mich selbst ergründen kann. Kann ich mir selbst ein Spiegel sein? Meine Antwort ist ganz einfach: Nein, das kann ich nicht. Jedenfalls so lange nicht, wie ich mich selbst zu erkennen und zu ergründen suche. Wenn ich mich noch bewusst betrachte, solange da noch die Spur einer Absicht ist, so lange schiebt sich mein Bewusstsein davor und spiegelt mir etwas vor, dass der Wirklichkeit im Idealfall zwar nahe kommt, ihr aber nicht entspricht. Auf dem Motorrad aber erlebe ich mich unmittelbar, wie ich wirklich bin. Doch kaum halte ich an, muss ich aufpassen, mich nicht wieder hinter der Konvention zu verstecken.

Sich aus der Konvention lösen

Nur wie kann ich in einen konventionsfreien Zustand kommen? Das ist die wichtige Frage, denn solange wir in der Konvention gefangen sind, können wir einfach nicht zu persönlichen, wie gesellschaftlich relevanten Lösungen kommen, es ist schlicht und einfach unmöglich. Das ist ja das Paradoxe (oder Verrückte) an Fasching, man verbirgt sich hinter einer Maske, um sich einmal so zeigen zu können, wie man tatsächlich denkt und fühlt. Die Maske, die die Maske transzendiert und einem ermöglicht, sich einmal so zu zeigen, wie man sich selbst empfindet.

Ich denke, dass das einfacher ist, als viele glauben. Was passiert denn beim Motorradfahren? Ich werde gezwungen, mich nicht von dem Außen getrennt zu erleben, vorausgesetzt natürlich, ich will einigermaßen gut fahren. Die sonst übliche Trennung zwischen Innen und Außen verschwindet mehr und mehr. Wenn ich mir nun überlege, wie ich Motorradfahren gelernt habe, dann wird klar, dass ich die Blickrichtung geändert habe. Ich habe nämlich nicht mehr von Innen nach Außen geschaut, aber auch nicht von Außen nach Innen, sondern von Außen und Innen auf das Fahren an sich. Ich habe also die physikalischen Phänomene, das Außen, genauso untersucht wie die biologischen, nämlich das Innen.

Worum geht es überhaupt?

Dabei ging es mir weder um das Außen noch das Innen, sondern allein um das Fahren. Und das war und ist nicht nur der Weg zu stimmigen Lösungen, sondern auch der perfekte Weg zur Selbsterkenntnis. Doch letztlich darf ich nicht bei der wissenschaftlichen Betrachtung stehen bleiben, sondern muss, in Abwandlung eines Gedanken von Wittgenstein, über die Leiter der Naturwissenschaften hinaussteigen, will ich das Fahren wirklich verstehen. Will ich die Welt oder auch mich ergründen, dann muss ich ergründen, was ich mache, wie ich denke und wie ich mich verhalte.

Eine Konvention ist eine Regel, die von einer Gruppe von Menschen aufgrund eines oft stillschweigend beschlossenen Konsenses eingehalten wird. Und genau dieses Phänomen war bei den Quantenphysikern der ersten Stunde nicht wirksam. Sie wollten zwar wissen, was Materie ist, gingen dabei aber davon aus, dass sie sich dabei weiter in den gewohnten Gedankenwelten bewegen würden; sie also den Raum ihres Denkens nur erweitern würden. Womit sie aber nicht rechneten war, dass sie in einem vollkommen neuen Raum landen würden, einem Raum, der ihr bisheriges Weltbild regelrecht auf den Kopf stellte und sie mit fundamentalen Fragen konfrontierte.

Konvention & Gesellschaft

Interessant ist, dass die späteren Quantenphysiker diese Technik anwandten, sich aber nicht mehr mit den fundamentalen Fragen beschäftigten, sondern sauber zwischen Job und „normalem“ Leben trennten. Die gesellschaftliche Konvention war einfach mächtiger. Die Folge aber ist insgesamt fatal. Sofern wir nicht endlich die Gedanken der Quantenphysik ernst nehmen, gehen wir weiter von einem vollkommen unvollständigen Welt- und Selbstbild aus und sehen nicht, was letztlich wirklich ist. Doch das Nadelöhr, durch das dieses neue Denken muss, das ist die Konvention.

Unser gesamtes Gesellschaftssystem beruht auf einer Vorstellung von der Welt wie von den Menschen, die ganz offensichtlich unvollständig sind. Ein Satz, bei dem ich aufpassen muss, keine verbalen Prügel zu bekommen und schnell in Deckung gehen sollte. Oder einfach gleich still sein und meiner Wege gehen. Wehe, man greift das Selbstbild eines Menschen an, erschüttert es gar! Ein Sakrileg! Das ist, als würde man denjenigen zutiefst verletzen. Was man ja auch indirekt tut, denn er empfindet es so. Sein Bild von sich selbst wird in Frage gestellt. Und wer will das schon, sich selbst hinterfragt zu sehen? Also ich kenne nur wenige. Aber erfreulicherweise gibt es ja Motorradfahrer. Wenn die einmal darüber nachdenken, warum sie der eingangs getroffenen Feststellung, also dass Motorradfahrer keine Therapie bräuchten, sofort und ohne weiteres Nachdenken zustimmen würden, dann kämen sie möglicherweise auf den selben Gedanken, nämlich dass die Konvention das eigentliche Problem ist.

Konvention hat viele Facetten

Doch man muss da sehr genau differenzieren. Ich halte sehr viel von Konventionen wie Höflichkeit, respektvoll zu sein, zu helfen, für andere dazusein, ethisch zu handeln et cetera. Doch die Konvention darf niemals das Denken umfassen und mir vorschreiben, wie und was ich zu denken habe. Kaum jemand würde sagen, dass er sich das vorschreiben ließe – aber ist es nicht genau so? Ich habe mich gerade mit einem Unternehmensberater unterhalten und er bestätigte mir, dass er bei seinen Kunden sofort „draußen“ ist, sobald er ein wenig gegen den Business-Mainstream querdenkt. Andererseits erlebe ich unsere Gesellschaft in ziemlicher Aufregung, so als würde sich etwas Neues anbahnen. Es ist wie eine Ahnung von etwas Gewaltigem, einer (inneren?) Revolution, die ihre Schatten vorauswirft.

Solche Ereignisse bringen – zwangsweise – die bestehende Ordnung ins Wanken, bis sie irgendwann ganz einstürzt, um endlich einer neuen Ordnung Platz zu machen. Will ich also die Welt (und auch mich selbst) sehen, wie sie tatsächlich ist, dann muss ich erst einmal überhaupt bereit sein, die Konvention zu verlassen. Das wiederum bedeutet die Bereitschaft zur Konfrontation. Wer sich ängstlich hinter seiner Maske zu verstecken sucht, der wird auch weiterhin einer Illusion hinterherlaufen. Will ich also noch immer etwas darstellen und hafte noch immer dem von Erich Fromm so genannten Marketingcharakter an, so lange bin ich nicht bereit, den Stier bei den Hörnern zu packen. Das geht dann ganz von alleine. 

Doch will ich wirklich frei denken können, muss ich eben bereit sein, erst einmal der Konvention ade zu sagen. Oder Motorradfahren. Am besten aber beides.