Immer dieser Ärger mit dem Bewusstsein

Aber erfreulicherweise kann ich das trainieren. Nur eine Frage der Bewusstheit. So richtig bewusst ist mir das beim Motorradfahren geworden. Und dass es wirklich so ist, das erlebe ich dabei auch immer wieder. Was natürlich die Frage aufwirft, warum mir das im normalen Leben nicht auch aufgefallen ist. Ganz einfach, weil im alltäglichen Leben lebe ich leider noch in dem Schon- und Schutzraum der Konvention. Da fahre ich bildlich gesprochen, nicht mit 100 durch die Kurve, sondern mit 50. Und die Toleranzgrenzen sind dann einfach viel, viel weiter. Und ich merkt nicht, was da passiert. Leider. Es sei denn natürlich, ich schaut ganz genau hin und beobachtet mich selbst minutiös.

Aber zurück. Motorradfahrer wissen das, denn sie fahren dorthin, wo ihr Bewusstsein sie hinlenkt. Folge ich der Kurve mit dem Blick, fahre ich sicher durch die Kurve, wenn ich keine überhöhte Geschwindigkeit habe, nichts im Weg steht und ich auf meiner Fahrbahn bleibe. Schaue ich hingegen ganz konzentriert in den Graben, fahre ich auch in den Graben. Mein Bewusstsein, manche sprechen auch von Aufmerksamkeit oder Achtsamkeit, also mein Bewusstsein definiert meinen Weg, den ich gehen, fahren oder auch denken werde. Was in meinem Bewusstsein ist, nehme ich wahr, alles andere nicht. Doch will ich durch die Kurve kommen, sollte der Weg im Bewusstsein sein und eben nicht der Graben.

Früher habe ich oft gedacht, ich müsste lernen, mich zu fokussieren, doch darum geht es überhaupt nicht, denn ich bin immer fokussiert – nur nicht immer auf das, was ich eigentlich wollen sollte. Bin ich abgelenkt, interessiert sich mein Bewusstsein eben für die Ablenkung und nicht für das, was ich machen will. Also mit wollen lässt sich mein Bewusstsein weder steuern noch beeindrucken. Das geht seinen ganz eigenen Weg. Doch der ist beileibe nicht beliebig, denn dieser Weg ist in meinem Gehirn, genauer in meinem neuronalen Netzwerk gespeichert.

Bin ich mir dessen bewusst und habe ich auch die Bewusstheit dafür, ist mir also ohne wenn und aber klar, dass es so ist, dann weiß ich auch, was zu tun ist – auf dem Motorrad wie im ganz normalen Leben. Ich muss das angemessene Bewusstsein einüben, solange, bis es sich automatisch auf exakt das ausrichtet, auf das es sich ausrichten soll. Also muss ich mir zwei Dinge klar machen: Erstens, was ich eigentlich will, und zweitens, wie ich das realisieren kann. Nur manchmal sind es drei Dinge, dann kommt vor dem, was ich will, das, was ich wirklich will, aber eigentlich garnicht will – also das, was mir überhaupt nicht bewusst ist, was aber meinem Bewusstsein die Richtung vorgibt.

Beim Motorradfahren ist es die Angst, die mich auf den Graben starren lässt – statt die Straße im Blick zu behalten. Bei meinem Essverhalten ist es uneingestandener Frust, der immer wieder die Schokolade in mein Bewusstsein kommen lässt. Die Liste von Beispielen lässt sich beliebig fortsetzen. Erst einmal ist das für mich wie ein Gefängnis, aus dem ich nicht herauskomme. Jedenfalls nicht mit Willen, aber mit Bewusstheit. Nur eben nicht spontan, sondern leider nur langfristig. Und je grundsätzlicher, desto länger dauert es. Aber noch einmal zurück zur Ablenkung.

Je besser und leichter ich mich ablenken lasse, desto weniger kann ich überhaupt das erreichen, was ich eigentlich will. Und genau deswegen ist beispielsweise Einfachheit von unschätzbarem Vorteil, wenn mein Problem das Zuviel ist. Und nimmt die Unordnung überhand, brauche ich Ordnung. Klingt einfach, doch das ist es oft nicht. Die wichtige Frage ist ja, was hinter der Ablenkung steckt? Erst wenn ich bereit bin, diesen Sumpf trocken zu legen, komme ich weiter. Den ich muss nicht wissen, warum ich auf Ablenkungen stehe, wenn nur mein Interesse an dem angestrebten Zustand dominanter ist. Dann funktioniert es. Habe ich gerade mal wieder gemerkt, als mir ein voller Schrank so richtig auf die Nerven ging. Also habe ich ihn entrümpelt. Es war dieses „Ich habe die Faxen dicke!“, die mich nicht mehr diesem für mich verborgenem Impuls folgen lies. Das war es, die klare und eindeutige Entscheidung, die die Wende brachte.

Doch warum ist oder war die oft so schwer? Ganz einfach, weil ich mich brav an die Spielregeln der Konvention hielt. Die sind aber nicht das wirkliche Problem, sondern das ist die Tatsache, dass ich mich in der Konvention permanent hinter einer Maske verbarg. Ich zeigte mein wahres Gesicht nicht. Um das selbst nicht zu merken, brauchte ich jede Menge Ablenkung. Mein Kleiderschrank quillt noch davon über, Relikte aus meiner beruflichen Zeit. Warum nur wollte ich mich immer als etwas darstellen, statt dass ich der war, der ich eben war? Mittlerweile habe ich die Angst erkannt, meinen eigenen (!) Ansprüchen nicht zu genügen. Und warum? Nur um bei anderen gut anzukommen. Doch je weniger ich eine Maske aufhabe, desto besser komme ich bei den Menschen an. Komisch, nicht?

Das Weitere ist überhaupt nicht schwierig, es braucht dafür nur beharrliches und konsequentes Verhalten und Handeln. Und natürlich auch die Entscheidung, ob ich ein Spielball meiner sehr selten bewussten Interessen bleibe oder mein Leben ganz bewusst in eine eindeutige Richtung lenken will.