Implizites Wissen generieren

Wie kann ich aus explizitem Wissen implizites Wissen generieren? Oder anderes ausgedrückt: Wie kann ich meditativ leben? Diese Frage beschäftigte mich gerade wieder einmal. Was immer ich tue, wie ich also tatsächlich bin, ist eine unmittelbare Folge meines impliziten Wissens. Implizites Wissen oder stilles Wissen bedeutet – vereinfacht ausgedrückt – „können, ohne sagen zu können, wie“. Ich weiß dann zwar, wie es geht, aber mein Wissen steckt implizit in meinem Können, doch mir fehlen meist die Worte, um dieses Können zu beschreiben oder es anderen verbal zu vermitteln.

Es geht ja nicht nur darum, wie ich leben will und welchen ethischen Prinzipien ich folgen möchte, sondern um wesentlich mehr. Die Art, wie ich lebe, wie ich also bin, gestaltet fraglos die Welt. Es ist dabei alles andere als beliebig, wie ich so bin. „Das ist meine Sache“ ist da wirklich nicht angebracht. Es liegt fraglos auch ich meiner Verantwortung, wie die Welt ist. Viele fragen sich was sie tun können, um die Welt beziehungsweise die Gesellschaft zu wandeln. Meine Antwort ist einfach: Absolut nichts. Das Einzige, was sie (also ich) tun könnten, ist zu sein, wie sie sind. Und das sehr bewusst und auch überlegt. Das bedeutet nicht, dass ich explizit wüsste, was ich tue, sondern es bedeutet vielmehr, ein meditatives Leben zu führen.

Meditativ leben

Diese Überlegung kam mir, als ich gestern nach langer Pause endlich wieder einmal Motorrad fahren konnte. Doch meine Freude war ein wenig getrübt, weil ich nicht exakt so gefahren bin, wie ich eigentlich wollte. Ein guter Grund, mich wieder einmal mit dem Thema „meditativ leben“ zu beschäftigen. Es mag im ersten Moment ein wenig verwirren, doch darum geht es letztlich beim Motorradfahren. Alle Elemente eines meditativen Lebens sind darin enthalten. Finde ich jedenfalls. Der Begriff leitet sich aus dem Lateinisch von „meditatio, meditari“ ab, was „nachdenken, nachsinnen, überlegen“ bedeutet und hat keinen Bezug zu dem lateinischen Adjektiv „medius“, also nichts mit ‚Mitte‘. Doch das bedeutet nicht, jetzt über etwas zu grübeln, sondern zu messen! 

Der Anspruch an mich selbst

Es geht – übrigens nicht nur beim Motorradfahren – immer darum, meinen eigenen Weg zu finden und zu gehen – den aber mit konsequentem Anspruch an mich selbst. Und dabei stolpere ich ja fast zwingend über meine Schwächen. Doch dafür gibt es einen Trick. Statt ständig daran zu denken, dass ich die Aufgabe meistern müsse, um eine hohe Belohnung zu erhalten, also den Genuss des Motorradfahrens, stelle ich mir vor, dass ich das Motorradfahren bereits in vollen Zügen genießen kann und würde nun daran arbeiten, dieses Gefühl auch zu behalten. Diese umgekehrte Psychologie sorgt nämlich dafür, dass ich tatsächlich weniger oft scheitere. 

Weg und Ziel

Beim Motorradfahren ist es mit Sicherheit so, dass der Weg das Ziel ist. Und das sowohl für das „gelingende“ Motorradfahren wie auch das Motorradfahren zu lernen oder zu optimieren. Ein „Problem“ das übrigens viele Führungskräfte haben, denn die sind derart auf ihr Ziel fixiert, dass sie nur noch selten auf den Weg achten. Gibt es auch bei Motorradfahrern, das sind dann die, die mit Gewalt durch die Kurven fahren – und bei den anderen sehr oft nur noch Kopfschütteln auslösen. Denn das ist eine hochriskante Art, diesen Sport zu betreiben. Ich habe das auf einer Motorradtour begriffen, als der Guide sagte, dass sich in einer Gruppe von anderen ziehen oder drücken zu lassen die schlimmsten Fehler sind, die man machen kann.

Bewusstsein

Es beginnt also damit, mir meiner selbst vollkommen bewusst zu sein. Ohne diese innere Bereitschaft, meine Schwächen und Defizite wahrzunehmen, kann ich eine meditative Haltung vergessen. Manchmal kostet es mich jede Menge Selbstüberwindung, mir einzugestehen, wie ich gerade unterwegs bin. Das ist auf dem Motorrad zugegebener Maßen wesentlich leichter, da werde ich unmittelbar mit meinen Schwächen konfrontiert und es gibt kein Sofa, wo ich schnell mal die Augen zu machen kann. Die eigentliche Herausforderung bei dem Thema „Bewusstsein“ ist möglicherweise eine andere, nämlich mit meinen Fehlern und Schwächen gerade nicht zu hadern.

Absolute Präsens

Meditation ist kein Blick in die Vergangenheit, ich muss ganz im Hier und Jetzt und nicht durch irgendwelche Überlegungen gebunden sein. Jedes Nachdenken lässt mich ja zurück schauen – statt nach vorne. Meditation beginnt damit nicht vorzugeben etwas zu können oder zu wissen, wie es geht. Es geht also erst einmal darum, dass ich das richtige Verständnis von Meditation habe und nicht um die Frage, wie ich meditieren soll. Es kommt nicht darauf an, was ich tue, sondern allein auf mein Verständnis von Meditation. Und das beginnt eben mit Bewusstsein und geht weiter mit absoluter Präsens. Und dann ist es egal, was ich tue.

Konzentration

Weiter geht es mit Konzentration. Ich bin vollkommen auf das fokussiert, was ich tue, was bedeutet, dass ich mich erst einmal in mir selbst gesammelt habe, ich muss in mir selbst angekommen sein und darf nicht in Gedanken irgendwo anders herumwandern oder es mir gerade gemütlich machen. Eine Katze, die sich in der Sonne räkelt und die Wärme genießt, ist dabei übrigens auch vollkommen konzentriert. Konzentration hat ja nichts mit innerer Anspannung zu tun. Auch (wirkliche) Gelassenheit ist letztlich Konzentration!

Soll versus ist

Beim Motorradfahren habe ich eine klare innere Repräsentation meines optimalen Verhaltens im Verhältnis zu meinem tatsächlichen Verhalten. Ich bin mir nicht sicher, ob man es so erklären kann: Solange ich mich selbst als im Anfängergeist (Ch’an lässt grüßen!) sehe, reflektiere ich mein implizites Wissen, einfach in dem ich es mir bewusst mache, mit meinem explizitem Wissen            und sehe ganz klar, wo weitere Möglichkeiten der Entwicklung für mich sind. Die Frage ist dabei vor allem, woran ich meinen Perfektionsanspruch messe: Sind es äußere oder innere Ansprüche? Hier geht es ja um Perfektion und eben nicht um Perfektionismus.

Selbstdisziplin

Das alles erfordert eine Menge Selbstdisziplin von mir. Selbstdisziplin ist ja nichts anderes als Empathie mit meinem Zukunfts-Ich. Und da habe ich – und nicht nur beim Motorradfahren – ganz klare Ansprüche an mich selbst. Nur beim Motorradfahren wird es mir schneller und unmittelbarer deutlich als sonst in meinem Leben. Da ist es schwieriger, etwas zu kaschieren. Eigentlich unmöglich; nix mit der üblichen Maske der Konvention, vorausgesetzt natürlich, ich lege keinen Schongang mit Weichspüler ein. Das ist das für mich Perfekte beim Motorradfahren, ich bekomme ein unmittelbares, absolut ehrliches Feedback bezüglich dessen, was ich kann und wo ich noch daran arbeiten könnte.

Bei mir ankommen

Egal, ob ich unter Selbstüberschätzung leide oder an dem Gegenteil, dem Impostor-Phänomen oder sonst an einem wie auch immer gearteten psychischen Alltags-Problem, meditativ leben hilft mir dabei, dieses Thema zu bearbeiten. Nicht ohne Grund gibt es ja unter Biker oft den Spruch, man brauche eben keine Therapie, man müsse nur Motorradfahren. Doch leider fragt sich kaum einer, warum das so ist. Hat man die Struktur einmal erkannt, kann man es auch auf sein übriges Leben übertragen. Doch dazu brauche ich eine äußere Struktur, so wie eben Motorrad zu fahren.

Struktur

Also gestalte ich mir eine Lebensstruktur, die meinen eigenen Ansprüchen genügt. Doch nicht einfach so, sondern ich muss diese Ansprüche verifizieren und „geklärt“ haben. Was alleine schwierig ist. Da habe ich kein Motorrad. Aber es gibt andere Hilfsmittel. Kochen beispielsweise, oder die Gestaltung meiner Wohnung. Wie will ich denn wohnen? Plüschig, karg oder eher in einem auf das Wesentliche reduzierten Zen-Stil? Man weiß mittlerweile, dass Rituale wichtig für uns sind. Es sind die Markierungen, an denen wir uns orientieren. Meine setze ich lieber selbst fest, statt die anderer zu kopieren und zu imitieren.

Daher suche ich die Struktur in meinem Leben zu realisieren, die mich weiterbringen. Denn das hilft mir, aus explizitem Wissen implizites Wissen zu generieren.